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Riedls Dax-Radar
Quelle: AP

Zinspolitik der Fed erhöht die Crash-Gefahr

Immer mehr deutet darauf hin, dass Investoren die Fed als Verbündeten verlieren. Im Dax könnte ein Abschwung bis auf 10.000 Punkte bevorstehen.

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Die Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank war erwartet worden, und dennoch krachen die Kurse in New York nach unten. In nur zwei Tagen verliert der Dow Jones sechs Prozent. Dieser hohe Verlust ist nicht einfach nur ein technisches Nachbeben, darin liegt eine ernste Börsenschwäche.

Insgeheim hatten einige Marktteilnehmer wohl damit gerechnet, dass die Fed zwar die Zinsen erhöht, daran aber ein beschwichtigendes Statement knüpft. Das hat sie aber nur mit Einschränkungen gemacht: Für 2019 sind zwei Zinserhöhungen eingeplant statt der vier von 2018.

Bisher betrachteten viele Marktteilnehmer die Fed als Verbündeten, der die Kurse im Notfall wieder herauszieht – durch eine laxe Zinspolitik oder zumindest die Zusicherung darauf. In diesem Sinne hielt sich Fed-Chef Jerome Powell aber völlig bedeckt. Mehr noch: Sein entschiedener, eigentlich an Trump gerichteter Hinweis, die Notenbank lasse sich nicht von ihrer klaren Linie abbringen, wird nun nicht mehr nur als Statement gegen den Präsidenten interpretiert, sondern auch als Statement für die Unabhängigkeit von den Märkten. So entschieden bekamen die Börsen schon lange nichts mehr zu hören.

Verbunden mit dieser Enttäuschung ist vor allem die Angst vor einer inversen Zinsstruktur. Invers ist eine Zinsstrukturkurve dann, wenn es für kürzere Anlagen mehr Zinsen gibt als für längere. Und da wird es in Amerika immer knapper: Für zweijährige und für fünfjährige Staatsanleihen sind die Renditen mit 2,7 Prozent schon gleich hoch, für zehnjährige gibt es mit 2,8 Prozent nur noch einen Schnaps mehr.

Invers ist die US-Zinsstrukturkurve also noch nicht. Doch sollten an den Kapitalmärkten, am langen Ende, die Renditen weiter nachgeben und am kurzen Ende (das von den Notenbanken bestimmt wird) durch weitere Zinserhöhungen steigen, wird die Kurve invers. Darin spiegelt sich die Gefahr wider, dass die langfristigen Erwartungen pessimistischer sind als die kurzfristigen, also ein Wirtschaftsabschwung wahrscheinlicher wird.

Die Notenbankzinsen (Fed-Funds-Rate) liegen nach der jüngsten Erhöhung in der Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent. Mit zwei weiteren Erhöhungen wären das dann mindestens 2,75 bis 3,00 Prozent. Sollten gleichzeitig die Renditen am langen Ende gedrückt bleiben (was bei den derzeit begehrten Staatsanleihen als sicherer Hafen durchaus der Fall sein könnte), wäre die inverse Zinskurve perfekt. In der Finanzkrise, um die Jahrtausendwende, 1991 und 1980/82 kam es in den USA zuletzt zu inversen Zinsstrukturkurven, zu Konjunktureinbrüchen und schweren Kursverlusten.

Allergische Reaktion an den US-Börsen

Der jüngste Kursrückgang an den Aktienmärkten verlief nicht nur sehr dynamisch, er spielt sich auf einem heiklen Niveau ab. Bei 23.500 Punkten im Dow Jones lagen die Tiefpunkte Anfang 2018. Die Hochpunkte im Januar und im September wurden bei 26.600 bis 26.800 erreicht. Zwischen diesen beiden Begrenzungen spielte sich die Kurskorrektur in New York in diesem Jahr ab. Durch den von der Fed ausgelösten jüngsten Kursrutsch allerdings ist der Dow nun aus seiner bisherigen Bandbreite nach unten herausgefallen. Nachdem in den vergangenen Wochen schon der Kampf um die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage verloren wurde, ist das ein weiteres Verkaufssignal.

Auch für Investoren, die sich nicht an Kursbildern orientieren, ist das eine Hypothek. Gedämpfte Konjunkturprognosen, gestutzte Gewinnaussichten und brisante Zinsaussichten sind ein gefährlicher Cocktail für die Märkte. In dieser Situation ist das Risiko weiterer Kursverluste größer als die Chance, jetzt günstig zum Zug zu kommen. Im Dow Jones reicht das kurzfristige Risiko bis 22.000 Punkte, im Technologieindex Nasdaq-100 bis 6.000 Punkte.

Solche Kursverluste wären noch kein Crash. Ein Crash läge erst dann vor, wenn solche aus klassischen Mustern abgeleiteten moderaten Ziele nach unten bei weitem übertroffen werden. Das Risiko dafür ist mit der jüngsten Fed-Entscheidung ein Stück größer geworden.

Der Dax hat im Dezember bisher rund 1.000 Indexpunkte verloren. In der vorangegangenen Abwärtsphase von September bis Oktober ging es 1.400 Punkte nach unten. Theoretisch ließe sich aktuell damit ein Restrisiko von rund 400 Punkten ableiten, also grob gesagt einen Abschwung in den Bereich um 10.000 Punkte.

Ginge es nach den typischen kurz- bis mittelfristigen Schwüngen im Dax, hätte der Dezember gut verlaufen müssen und es wäre ab Anfang bis Mitte Januar gefährlich geworden. Nun, mit dem aktuell vorgezogenen Kursabschwung, könnte das nächste Tief schon im Januar 2019 erreicht werden. Das würde zu den vorherrschenden Markterwartungen passen, die gerade durch die Entwicklung der vergangenen Monate ziemlich eingetrübt wurden.

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