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Riedls Dax-RadarZittern um Siemens, Hoffen mit Buffett

Während Siemens angeschlagen ist und RWE in der Warteschleife steckt, locken E.On und Allianz mit guten Renditen. Der Kampf um den Börsentrend geht in die nächste Runde. Eine Kolumne.Anton Riedl 11.08.2023 - 13:29 Uhr

Siemens-Chef Roland Busch und Warren Buffett (v.l.).

Foto: REUTERS, Bloomberg

Mit Siemens gerät im Dax nun selbst der industrielle und technische Vorzeigewert unter Druck. Siemens ist für den deutschen Aktienmarkt so wichtig, weil das Unternehmen einerseits zwar durch seine Entwicklung hin zu digitaler Automation und Software weit in Hightech-Branchen hineinreicht, andererseits aber mit dem Zuggeschäft, der Bahninfrastruktur und Verkehrstechnik im klassischen Geschäft verwurzelt ist. Zudem ist Siemens über seinen Ableger Siemens Healthineers weiter mit Medizintechnik verbunden, und über Siemens Energy mit seinem traditionellen Geschäftsgebiet Energietechnik. 

Die jüngste Enttäuschung an der Börse ist besonders groß, weil Siemens ausgerechnet in seinem hoffnungsstarken Geschäft digitale Industrieautomation nun schwächer als erwartet vorankommt. Ebenfalls enttäuschend ist, dass die eigentlich clevere Abspaltungsstrategie (an der erfolgreichen Medizintechnik ist Siemens zu 75 Prozent beteiligt, an der problematischen Energietechnik aber nur zu 35 Prozent) nun nicht mehr in so hellem Licht erscheint: Die Medizintechnik erleidet ebenfalls einen unerwarteten Rückschlag; und beim Energieableger finden die Probleme um die Altlasten der spanischen Windkrafttochter Gamesa einfach kein Ende. 

Nun sind Siemens-Aktien nach ihrem Rückschlag auf Kurse unter 140 Euro nicht teuer. Sie sind aber, vor allem wenn sich die bisherigen Gewinnschätzungen als zu optimistisch erweisen sollten, auch nicht besonders günstig. Zudem muss Siemens sich operativ nun erst wieder stabilisieren. Und auch die Börse muss sich auf die neue Situation einpendeln. Das alles dürfte einige Wochen dauern. Mehr Klarheit darüber wird es wahrscheinlich erst Mitte November geben, wenn Siemens die ausführlichen Ergebnisse und Prognosen zum Geschäftsjahr 2022/2023 (bis 30. September) vorlegt. 

Siemens-Aktien könnte damit eine Schaukelpartie bevorstehen. Zwar hat die Aktie erst einmal auf der Höhe des März-Tiefs knapp unter 140 Euro gehalten; die 200-Tagelinie aber, die bei 143 Euro verläuft, wurde unterschritten. Wenn Siemens sich nicht in den nächsten Tagen schnell in Richtung 150 Euro erholt, droht ein weiterer Rückgang. Der könnte dann durchaus in den Bereich 130 bis 125 Euro gehen. 

Grüne Volte bei RWE, E.On-Aktie mit Netz

Im Gegensatz zu Siemens entwickeln sich andere Dax-Klassiker derzeit vorteilhaft. So kommt RWE bei seiner großen Metamorphose vom Kohle- und Atomverstromer hin zu einem Produzenten grüner Energie gut voran. Allein im ersten Halbjahr hat RWE 6,5 Milliarden Euro in den Ausbau seiner erneuerbaren Stromproduktion gesteckt. Vor allem auf dem Wachstumsmarkt Amerika, der ungleich dynamischere Bedingungen für Wind- und Solarenergie bietet als Deutschland, sind die Essener durch Zukäufe in die Spitzengruppe vorgedrungen. Auch der Ausbau der Windkraft in Großbritannien und in der Nordsee kommt voran. 

Schon 28 Prozent seiner Stromproduktion holt RWE aus Wind- und Solarenergie. Und das Gute daran: Operativ lohnt sich die neue Richtung, da der Gewinnanteil schon auf gleicher Höhe liegt. Auch wenn dies noch vor Abschreibungen ist, ist dies für ein junges Geschäft keine schlechte Entwicklung. Zwar sind die Nettoschulden deshalb zuletzt auf knapp sechs Milliarden Euro gestiegen, doch das Ebitda (der Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Wertveränderungen) dürfte in diesem Jahr mit rund 6,5 Milliarden darüber liegen; eine komfortable Relation. 

RWE-Aktien sind seit Frühjahr 2022 nicht mehr recht voran gekommen und zuletzt sogar, selbst nach guten Ergebnissen, leicht abgedriftet. Verantwortlich dafür ist die relativ hohe Bewertung, die RWE in den vergangenen Monaten aufgebaut hat – gerade weil die Börse die Hinwendung zu neuen Energien durchaus schon honoriert. Dieser Sättigungsprozess könnte in den nächsten Monaten noch etwas anhalten und RWE eher schwanken als steigen lassen. An den langfristig interessanten Aussichten durch die Energiewende ändert dies nichts. Mittelfristig könnten mögliche Rückschläge in den Bereich um 35 Euro wieder interessant werden. 

Ähnlich wie bei RWE bröckeln auch beim Netz- und Versorgungskonzern E.On die Notierungen seit einigen Monaten ab. Im Unterschied zu RWE aber ist E.On günstiger bewertet, dazu ist die Dividende höher. E.On stand in den vergangenen Jahren mit der Konzentration auf den unspektakulären Netzbetrieb im Schatten der grünen Erfolgsstory von RWE. Dazu kamen die Turbulenzen auf dem Strommarkt durch die kriegsbedingten Preisausschläge. Zudem hat E.On enorme Investitionen in den Netzausbau vor der Brust, die bis 2027 etwa 33 Milliarden Euro erreichen könnten. Angesichts von 37 Milliarden Euro wirtschaftlicher Nettoschulden ist das kein Pappenstiel. 

Operativ kann E.On die Ziele für 2023 nach dem guten Verlauf des ersten Halbjahres ein Stück nach oben schieben. Netto sollen nun 2,7 bis 2,9 Milliarden Euro bleiben – wobei hier sogar eine Verschlechterung des Marktes im letzten Quartal 2023 berücksichtigt ist. Um damit einen weiteren Anstieg der Dividende zu untermauern, reicht das bequem. Bei 2,6 Milliarden Aktien und womöglich 53 Eurocent Ausschüttung je Aktie sind dazu nur 1,4 Milliarden Euro notwendig. Angesichts der stabilen Dividende, des vorhersehbaren Geschäftsverlaufs und der günstigen Bewertung bleiben E.On-Aktien ein defensives Basisinvestment im Dax. 

Allianz mit starkem Mix aus Dividende und Bewertung

Eine positive Überraschung gab es zuletzt von der Allianz. Der Versicherer erhöhte im ersten Halbjahr den Nettogewinn um 74 Prozent auf 4,65 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr setzt die Allianz die Prognosen aus Vorsichtsgründen nicht nach oben, signalisiert aber jetzt schon einen starken Geschäftsverlauf. Das Kerngeschäft Schaden- und Unfallversicherung sowie Leben- und Krankenversicherung wuchsen in den vergangenen Monaten zweistellig. Die Vermögensverwaltung war zuletzt leicht rückläufig, könnte aber angesichts von Nettomittelzuflüssen bei dem für Dritte verwalteten Vermögen bald wieder aufholen. 

Die Banken rechnen im Durchschnitt mit neun Milliarden Euro, die die Allianz in diesem Jahr unterm Strich verdienen könnte. Das ist eine anspruchsvolle Vorgabe, die bei nicht zu schlimmen Naturkatastrophen und dem Ausbleiben großer Marktturbulenzen aber plausibel ist. 

Mit Kursen um 225 Euro sind Allianz-Aktien in den Bereich ihrer Topnotierungen seit 2001 vorgedrungen. Die Aktie ist günstig bewertet und hoch rentabel, dürfte aber angesichts der unentschiedenen allgemeinen Marktlage kurzfristig nicht davonlaufen. 

Fazit für den Dax: Siemens operativ schwächer, Allianz dafür stark; RWE vielversprechend aber vergleichsweise teuer, E.On stabil und günstig. Schon diese vier Dax-Klassiker zeigen, dass der Kampf um den Trend an den Börsen so schnell nicht entschieden sein dürfte. Zwar bekamen deutsche Aktien von den jüngsten, etwas günstigeren Inflationszahlen aus Amerika einen kurzen Schub, nachhaltig über 16.000 Punkte wurde der Dax deshalb aber nicht katapultiert. 

Auch an den US-Börsen ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Der Dow Jones hält sich weiter über dem Niveau von 35.000 Punkten, konnte aber trotz Rückenwind durch die nicht so stark (um 4,7 Prozent statt erwarteter 4,8 Prozent) gestiegene Kerninflation kaum zulegen. 

Kurzfristig spannend wird es an der Technologiebörse Nasdaq. Hier ist das zentrale Barometer, der Nasdaq-100-Index, bis knapp auf seinen seit Januar 2023 laufenden Trend zurückgefallen, der aktuell bei rund 15.000 Punkten verläuft. Sollte der Index diesen Trend nicht halten, wäre ein weiterer Rutsch bis in den Bereich um 14.000 möglich. 

Lesen Sie hier aktuelle News und die neuesten Nachrichten von heute zum Dax.

Den Dax dürfte das dann kurzfristig bis auf die zentrale Unterstützung um 15.500 bis 15.400 drücken. Tiefer sollte es nicht gehen, denn dann könnte sich aus der gesamten Schaukelpartie seit Frühjahr eine große Abwärtswende bilden. 

Immerhin, es gibt auch Hoffnung – und die kommt ausgerechnet von der Zinsseite. Börsenlegende Warren Buffett kauft amerikanische Staatsanleihen. Darin steckt nicht nur ein Bekenntnis des glühenden USA-Fans Buffett zu seinem Land, sondern auch eine Implikation, dass der Zinsanstieg früher oder später zu Ende gehen dürfte – und dies dann den Aktienmärkten weltweit wieder Rückhalt verleiht.

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