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Riedls Dax-Radar
Es mehren sich Anzeichen dafür, dass die nächsten Monate an den Aktienmärkten schwieriger werden können. Quelle: dpa

Zitterpartie im Dax ist noch nicht überstanden

Mit einer dynamischen Erholung befreit sich der Dax aus seiner akuten Absturzzone. Dennoch gibt es immer mehr Aktien, deren Kurse ins Stocken geraten. Nur wacklige Einzelwerte oder Warnsignal für den Gesamtmarkt?

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Mit der jüngsten Kurserholung honoriert der Dax das für die Börsen vorteilhafte Umfeld: Die Renditen am taktgebenden US-Anleihemarkt sind mit 1,27 Prozent weiterhin auf moderatem Niveau. Von der EZB ist nach den jüngsten strategischen Stellungnahmen bis auf weiteres keine Verschärfung der Geldpolitik zu erwarten. Die Gewinntrends bei den großen Technologieunternehmen stimmen ebenso wie im überwiegenden Teil der klassischen Industrie. Insgesamt sollten die Märkte stark genug sein, Rückschläge wie den Anfang vergangener Woche wegzustecken, ohne dabei gleich ins Leere zu fallen. 

Dennoch mehren sich Anzeichen dafür, dass die nächsten Monate an den Aktienmärkten schwieriger werden können. Eine solches Signal liefert gerade SAP. Die mit Spannung erwarteten Zahlen zum zweiten Quartal waren keineswegs schlecht: Das Cloudgeschäft wächst weiterhin überdurchschnittlich, das klassische Lizenzgeschäft geht planmäßig zurück, netto blieben im ersten Halbjahr 2,5 Milliarden Euro nach 1,7 Milliarden. Für das Gesamtjahr wurde die Prognose sogar etwas angehoben. 

Dennoch kamen SAP-Aktien nach Vorlage der Zahlen erst einmal unter Druck und rutschten wieder unter die erst vor kurzem überwundene Marke bei 120 Euro. Diese Reaktion, der größte Kursrückschlag von SAP seit mehr als drei Monaten, zeigt offensichtlich, dass die Walldorfer gemessen an den Erwartungen der Märkte bei ihrer Aufholjagd immer nicht schnell genug vorankommen.

Oder anders ausgedrückt: Der Optimismus, den Investoren bei SAP haben, ist doch noch eine Spur zu groß. Und was passiert dann in den nächsten Monaten, wenn sich womöglich die Lage um Corona wieder verschärft und auch noch der positive Basiseffekt des zweiten Quartals wegfällt, das 2020 besonders schwach war und deshalb 2021 besonders gut ausfiel? 

Es gibt im Dax noch eine Reihe anderer Aktien, bei denen die Kurse seit einiger Zeit ins Stocken geraten, obwohl das Umfeld insgesamt eigentlich vielversprechend ist.

Infineon wird trotz Engpässen in der Halbleiterbranche in diesem Geschäftsjahr (das bis Ende September geht) Rekordzahlen vorlegen. Die Aktie aber kommt seit einigen Monaten nicht mehr voran und ist zuletzt sogar ein Stück unter die 200-Tagelinie gerutscht. Analytisch ist Infineon zwar kein Schnäppchen mehr, im Vergleich zu den großen internationalen Konkurrenten aber keineswegs überbewertet. Für den 3. August ist die Vorlage des Quartalsbericht vorgesehen.  

RWE kommt bei seiner Entwicklung zur mehr Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen gut voran. Auch wenn als neue Belastung ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag als Folge der Flutkatastrophe hinzukommen dürfte, sollte RWE in diesem Jahr seinen Nettogewinn um fünf Prozent oder etwas mehr erhöhen. Trotzdem hat sich die Aktie in den vergangenen Wochen abgeschwächt und ist zuletzt unter die wichtige Kursmarke um 30 Euro gerutscht. Aktuell kämpft sie darum, dieses wichtige Terrain zurückzuerobern. Ein nachhaltiger Fall unter 30 Euro wäre eine klassische Trendwende des Kurses, die sogar einen mittelfristige Abwärtsbewegung einleiten könnte. Kein Wunder, dass der für 12. August terminierte Zwischenbericht mit Spannung erwartet wird. 

Die Münchener Rückversicherung muss trotz Flutkatastrophe ihre finanziellen Ziele für dieses Jahr nicht zurücknehmen, sie rechnet weiterhin mit rund 2,8 Milliarden Euro Nettogewinn. Die Aktie der Münchener Rück hingegen, obwohl günstig bewertet und mit einer guten Dividende versehen, tendiert seit Frühjahr zur Schwäche. Zuletzt ist sie unter ihren 200-Tagedurchschnitt gesunken, der aktuell bei 238 Euro liegt.



Konsumchemiker Henkel erzielte im ersten Quartal einen guten operativen Zuwachs von fast acht Prozent. Im zweiten Quartal (der Bericht dazu ist für 12. August angekündigt) sollte die große Klebstoffsparte im Zuge der Konjunkturerholung wieder stärker gewachsen sein. Zudem dürfte Henkel bei der Überwälzung von Preiserhöhungen vorangekommen sein, womit höhere Rohstoffkosten zum Teil ausgeglichen werden sollten. Henkel-Aktien jedoch driften seit April immer weiter ab und sind zuletzt ebenfalls unter die 200 Tagelinie gesunken. 

Wenn sich im Dax fünf Aktien derzeit schlechter entwickeln als das Umfeld vermuten ließe, muss das noch kein gefährliches Zeichen für den Gesamtmarkt sein. Zudem gibt es am anderen, positiven Ende der Skala, Aktien, die weiterhin überdurchschnittlich robust verlaufen. Top-Performer im Dax sind aktuell Linde, Merck und die Deutsche Post

Insgesamt aber signalisiert dieses zunehmend gemischte Bild, dass der deutsche Aktienmarkt nach der dynamischen Aufwärtstendenz, die bis Mitte des Jahres vorherrschte, nun vermehrt wieder auf Richtungssuche ist. Heftige Kursausschläge sind für einen solchen Prozess typisch. In Amerika zeigt die Tendenz der großen Technikwerte nach oben, dazu kommt im Zuge der Coronabekämpfung eine Aufwertung der Pharma- und Biotechklassiker. Wieder im Kommen sind zudem Defensivwerte wie Coca-Cola, Pepsico, McDonald‘s oder 3M. Das wiederum ist aber eher ein Zeichen für eine bevorstehende konjunkturelle Unsicherheit.

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Fazit für den Gesamtmarkt: Kurzfristig hat der Dax bei 15.100 Punkten eine Erholung eingeleitet. Um den Kurseinbruch der vorangegangenen Tage wettzumachen, müsste der Markt am besten über das alte Hoch bei 15.800 Punkten kommen. Das erscheint angesichts neuer, erhöhter Coronaprobleme kurzfristig wenig realistisch. Eine zweite Abschwungphase bis in den Bereich um 14.800 Punkte ist damit noch nicht vom Tisch. Dass der Dax selbst dann noch Spielraum zur 200-Tagelinie (aktuell bei knapp 14.300 Punkten) hätte, ist ein wichtiger Puffer für die nächsten Wochen. 

Mehr zum Thema: Nach heftigen Kursverlusten müssen sich die weltweiten Börsen erst wieder stabilisieren. Gerade die jüngsten Unsicherheiten um Corona und eine sich abschwächende Konjunktur könnten sich dabei als Vorteil erweisen.

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