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Riedls Dax-Radar
Belastungsfaktor für die Börse: Die Dollarschwäche lässt den Euro steigen Quelle: imago images

Zitterpartie zwischen Konjunkturhoffnung und schwachem Dollar

Wohnungsaktien starten durch, doch Industrieaktien geht die Luft aus. Und der Dollar-Verfall macht es dem Dax immer schwerer, sich über 12.000 Punkte zu halten. Wie die Erholung läuft, was sie zunehmend belastet.

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Die Erholung vom Coronatief kommt voran. Nach den besonders schwachen Wirtschaftsdaten für April gibt es seit Mai eine Stabilisierung, die sich im Juni fortgesetzt hat. Für das aktuelle Sommerquartal rechnen die Volkswirte der Commerzbank sogar mit einer deutlichen Anstieg der Konjunktur. Insgesamt, so das Bundeswirtschaftsministerium, habe die deutsche Industrie wieder 87 Prozent des Produktionsniveaus des vierten Quartals 2019 erreicht. Das ist angesichts des historischen Einbruchs und der nach wie vor bestehenden Coronaprobleme eine erstaunliche Leistung.

Für Anleger liegt in dieser Entwicklung eine wichtige Botschaft. Die substanzielle Erholung der Industrie – also nicht nur der Coronagewinner aus den Software-, Internet- und Onlinebranchen – macht offensichtlich, dass die Erholungsrally des Dax und der anderen Aktienmärkte kein Luftgebilde ist. Immer wieder ist den Börsen vorgehalten worden, sie hätten sich von der Realität abgekoppelt. Das war und ist angesichts der Zahlen der vergangenen Wochen keineswegs der Fall.

Ohnehin steckt hinter dem Vorwurf, die Börse sei realitätsfern, weit häufiger die unpassende Einschätzung der Akteure als eine Fehlfunktion der Märkte. Natürlich, ohne den massiven Einsatz der Notenbanken hätten weder die Konjunktur noch die Wertpapiermärkte ihre Wende geschafft.

Eine fortgesetzte Dollar-Abwertung wäre eine Belastung

Als Folge der Notenbankpolitik entsteht nun aber ein neues, drängendes Thema, das die Börsen in den nächsten Monaten beschäftigen wird: der Verfall des Dollars. Dessen Abwärtsdynamik, und im Gegenzug die Aufwärtsdynamik des Euro, ist derzeit so heftig, wie zuletzt von Frühjahr 2017 bis Februar 2018.

Immerhin, auch wenn ein schwacher Dollar für deutsche Unternehmen im internationalen Geschäft ein Nachteil ist, muss der Dax deshalb nicht automatisch in die Knie gehen. Von 2017 bis 2018 drang der Aktienindex trotz Dollar-Schwäche sogar bis auf 13.500 Punkte vor.

Im Bereich um 1,20 Dollar trifft der Euro nun auf eine langfristige Widerstandszone aus den Tiefspitzen seit Ende der Neunzigerjahre und dem seit 2008 bestehenden Abwärtstrend. Der laufende Anstieg des Euro und damit der Verfall des Dollars dürfte dort zumindest gebremst werden. Allerdings, sollten die US-Renditen am langen Ende nachhaltig noch unter das bisherige Tief um 0,50 Prozent tauchen, könnte auch die Zone um 1,20 Dollar fallen. Die brisante Coronaentwicklung in den USA und der hier besonders heftige Wirtschaftseinbruch machen einen weiteren Zinsrutsch möglich.

Am deutschen Aktienmarkt dürfte dann zwar der weitere Zinsrückgang honoriert werden, ein noch heftigerer Dollar-Rückgang allerdings könnte sich zunehmend als Belastung erweisen. Zwar sind auch die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen in den vergangenen Wochen gesunken, mit minus 0,53 Prozent liegen sie aber deutlich über dem März-Tief von minus 0,85 Prozent.

Nur noch wenige Aktien zeigen sich robust

Schon die Erholungsphase im Dax ist sehr unterschiedlich verlaufen. Aktuell setzt sich an der deutschen Börse diese Differenzierung weiter fort. In einer wirklich robusten Verfassung sind derzeit nur noch wenige Aktien – und das sind Werte, die von allgemeiner Konjunktur und Währungsschwankungen wenig betroffen sind:

Die stärksten Aktien im Dax sind derzeit die Deutsche Wohnen und Vonovia. Beide haben nach einer längeren Konsolidierung neue Höchstkurse erreicht. Es wird derzeit viel über das Ende des Immobilienbooms diskutiert. Das mag besonders für Gewerbeimmobilien gelten, bei denen schon vor Corona die Entwicklung nach unten zeigte. Seit Corona und dem Megatrend zum Homeoffice gilt das zunehmend auch für Büroimmobilien – offensichtlich aber nicht für Wohnimmobilien.

Die Stärke der Wohnungsaktien hat mehrere Gründe: Erstens bleibt das vorteilhafte Umfeld der niedrigen beziehungsweise negativen Zinsen bestehen. Zweitens wird die Nachfrage durch eine zunehmende Bevölkerung und steigenden Bedarf durch Heimarbeit angekurbelt. Drittens können Wohnimmobilien in manchen Lagen immer noch als Kapitalanlagen infrage kommen. Der Mietbedarf in den Ballungszentren jedenfalls ist ungebrochen stark – wie die langfristige Entwicklung der Aktien von Vonovia und Deutsche Wohnen.

Ebenfalls überdurchschnittlich stark ist Deutsche Post. Sie hat zuletzt gute Zahlen geliefert und sich als nachhaltiger Gewinner des Online-Booms etabliert. Mit Kursen um 36 Euro notiert die Aktie mittlerweile höher als vor Corona. Auf diesem Niveau ist sie zumindest eine gute Halteposition.

Eine wichtige Stütze im Dax sind seine Technologieaktien SAP, Infineon und immer mehr auch Siemens. Alle drei weisen eine solide, mittelfristige Entwicklung auf, könnten aber kurzfristig etwas nachgeben. Das gilt ebenfalls für Linde, auch hier ist die langfristige operative Entwicklung die Basis für einen stabilen Aufwärtstrend, trotz hoher Aktienbewertung.

Erholung mit Währungsrisiken

Von den 30 Dax-Aktien verläuft derzeit bei 14 Werten der aktuelle Kurs oberhalb der 200-Tage-Linie. Das ist eine Quote von 47 Prozent. Eine stabile Hausse liegt meistens erst ab rund 70 Prozent vor. Darin spiegelt sich eine indifferente Marktverfassung, die den Dax in den nächsten Wochen belasten könnte. Andererseits sollten die robusten Schwergewichte SAP, Siemens und Linde stark genug sein, den Markt vor größeren Einbrüchen zu bewahren.

Fazit für den Dax: Die Konjunkturerholung läuft und bestätigt die bisherige Kletterpartie der Börse. Allerdings dürfte die Entwicklung bei klassischen Industriewerten (Auto, Chemie, Maschinen und Anlagen) zunehmend von Währungsnachteilen geprägt werden, die viele Beobachter so noch nicht in ihren Gewinnprognosen einbezogen haben.

Auf der anderen Seite bleibt das internationale Umfeld gut: Der Dow Jones hält sich stabil über der wichtigen Zone um 27.000 Punkten, dem S&P 500 fehlen nur noch wenige Zähler Punkte zum Vor-Corona-Hoch, und der Nasdaq 100 markiert mit 11.267 Punkten gerade ein neues Allzeithoch.

Bisher hat sich der Dax gut über der Unterstützungszone um 12.000 bis 12.200 Punkte behaupten können. Der Mix aus Konjunkturerholung, extrem niedrigen Zinsen und technologischen Megatrends sollte das auch weiter möglich machen. Und wenn nicht, dürften spätestens um 11.500 Punkten die Käufe wieder kommen; einer Zone, in der sich gleich eine ganze Reihe wichtiger Unterstützungslinien ballt.

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