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Riedls Dax-Radar
Der Dax unter der Lupe. Quelle: rtr

Zwischen Zinsgefahr und Schwellenländer-Risiko

Nach dem schnellen Anstieg über 13.000 Punkte hat der Dax kurzfristig noch etwas Luft. Doch mittelfristig gibt es neue Gefahren: steigende Zinsen, wacklige Währungen, hohe Rohstoffpreise.

Mehr als 1,50 Euro müssen deutsche Autofahrer mittlerweile für einen Liter Benzin schon wieder hinlegen. Und da die meisten immer noch mit Verbrennern unterwegs sind, macht sich das im persönlichen Portemonnaie schwer bemerkbar. Da hilft es wenig, wenn die offiziellen Inflationszahlen in Europa beruhigend niedrig ausfallen. Im faktischen Wirtschaftsleben ist die Teuerung längst angekommen.

Nur nicht bei der Zinspolitik. Zehnjährige Bundesanleihen bringen gerade einmal 0,6 Prozent. Realistischer als die Zinsen in Europa entwickeln sich die Zinsen in den USA. Mit 3,1 Prozent haben die zehnjährigen US-Staatsanleihen nun das letzte mittelfristige Hoch vom Jahreswechsel 2013/2014 hinter sich gelassen. Führende US-Banker sprechen davon, dass die Renditen auf vier Prozent steigen könnten. Zur Wirtschaft in den USA würde das passen. Sie ist robust und steuert in diesem Jahr auf ein Wachstum von etwa 2,5 Prozent zu. Ein mittlerer Wert, der gut ist für den Aufwärtstrend an den Börsen, weil er stabile Wachstumsaussichten ohne Überhitzung verspricht.

3,1 Prozent Kapitalmarktzins in den USA, nur 0,6 Prozent in der EU. Einen so großen Zinsunterschied bei vergleichbarem Wirtschaftswachstum hat es zwischen der alten und der neuen Welt noch nie gegeben. Und da sich der US-Markt mit Sicherheit nicht an Europa orientieren wird, könnte dieser Spread sogar noch größer werden.

„Ich lebe im Dax“

Dass die Zinsen in Europa schnell nachziehen, ist wenig wahrscheinlich. Wie gefährlich das werden könnte, zeigt der Fall Italien. Mit mehr als 130 Prozent der Wirtschaftsleistung ist Italien in der EU das höchstverschuldete Land hinter Griechenland. Für erhebliche Unsicherheit sorgen italienische Gedankenspiele eines Schuldenerlasses. Allein die EZB hat italienische Staatsanleihen über 250 Milliarden Euro in ihrer Bilanz stehen. Die können sich natürlich nicht in Luft auflösen, Staatsfinanzierung ist der EZB verboten. Und für neue Anleihen ist es Gift, wenn zu steigenden Renditen an den Weltmärkten auch noch hauseigene Irritationen kommen.

Anzeichen einer neuen Schwellenländer-Krise

Das amerikanische Muskelspiel bei den Zinsen bekommen nicht nur die Europäer zu spüren, sondern die Wackelkandidaten weltweit. Argentinien erwischt es wieder einmal besonders. Dabei hatte die neue Regierung mit marktwirtschaftlichen Reformen durchaus vielversprechend begonnen. Allein seit Anfang Mai hat der argentinische Peso nun ein Fünftel an Wert verloren.

Der brasilianische Real und der mexikanische Peso loten die Tiefen von 2015/2016 aus, die türkische Lira ist gegenüber dem Euro erstmals unter 20 Cent gerutscht. Selbst die indische Rupie, vor gar nicht langer Zeit als Hoffnungswährung eingestuft, kann sich nur noch mühsam halten.

Für die deutsche Börse ist der Mix aus steigenden US-Zinsen und der Gefahr einer neuen Schwellenländerkrise eine brisante Angelegenheit. Kurzfristig mag dies eine Entlastung bieten, weil damit der Höhenflug des Euros erst einmal beendet wurde. Bei Vorlage der Berichte zum ersten Quartal haben die meisten Dax-Unternehmen über die Nachteile des bis dahin starken Euros geklagt. Nun wird es vom zweiten Quartal an für viele Dax-Unternehmen Rückenwind von der Währung geben.

Auf der anderen Seite entsteht eine Rohstoff-Falle. Fast alle Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Die an sich schon nach oben ziehenden Rohstoffpreise werden für die Unternehmen damit noch teurer. Und weil die Wirtschaft weltweit, vor allem bei den großen Verbrauchern China und USA, robust ist, wird sich dieser Druck noch verstärken.

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