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Rohstoffe Kakao wird zum braunen Gold

Kakao ist derzeit knapp und teuer. Spekulanten wetten an der Börse auf weiter steigende Preise, Händler und Lebensmittelkonzerne halten mit eigenen Wetten dagegen. Wie Schokolade zum Spielball der Finanzmärkte wird.

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Kakao Rohstoffhandel Schokolade Quelle: obs

João Tavares lenkt einen Pick-up über die Kopfsteinpflasterwege seiner Kakaofarm São Pedro im Nordosten Brasiliens. Wenn er aus dem Fenster schaut, kann er den Fortschritt der Ernte kontrollieren. Arbeiter schlagen mit Macheten die Früchte von den vier Meter hohen Kakaobäumen, die im Schatten von Urwaldriesen stehen. „Vor zehn Jahren musste ich fast komplett neu anfangen, ein Pilz hatte die Ernte dezimiert“, sagt Kakaofarmer Tavares. Noch immer kämpft er mit den Folgen: Wo sein Vater in den Fünfzigerjahren auf 1000 Hektar bis zu 1000 Tonnen Kakaobohnen im Jahr produzierte, erntet der 50-Jährige heute auf einem Drittel der Fläche nur noch 90 Tonnen. Von den glorreichen Fünfzigern sind nur die gepflasterten Wege übrig, auf denen Maultiere Körbe mit Kakaobohnen zur Tavares-Farm bringen.

Als sein Vater die Farm gründete, war Brasilien noch weltgrößter Kakaoexporteur, heute gehen allenfalls noch wenige Hundert Tonnen auf den Weltmarkt. Ein Teil davon immerhin stammt von Tavares, der an den belgischen Chocolatier Pierre Marcolini verkauft. Von Depression ist denn auch wenig zu spüren: Auf Tavares’ Plantage und auf den benachbarten Farmen geht es geschäftig zu: Schokoladenhersteller kündigen ihre Besuche an; Zwischenhändler wollen neue Kontrakte abschließen. Selbst Finanzinvestoren lassen sich in der Region blicken, was meist davon zeugt, dass es etwas zu verdienen gibt.

So funktioniert der Rohstoffhandel

Brasiliens Exporteure arbeiten an ihrem Comeback. Brasilianischer Kakao soll wieder an der New Yorker Börse gehandelt werden. Das wäre ein erster Schritt zurück zu alter Größe auf dem Weltmarkt.

Wachsende Lücke

Der Grund für die Renaissance: Knappheit. Laut Internationaler Kakaoorganisation (ICCO) fehlen in diesem Jahr bei einer weltweiten Produktion von 4,2 Millionen Tonnen 38 000 Tonnen Kakao. Und das Defizit werde weiter wachsen. Inzwischen haben auch Mittelschichtsbürger in den Schwellenländern Lust auf Schokolade. Das Research-Institut Euromonitor schätzt, dass allein die Chinesen in diesem Jahr 11,5 Prozent mehr Schokolade kaufen als im Vorjahr, die Inder gar 23,4 Prozent.

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    Seit Januar 2012 ist der Kakaopreis an der New Yorker Börse von 2115 Dollar je Tonne auf zuletzt 3344 Dollar gestiegen, ein Plus von 58 Prozent. In deutschen Supermärkten war folgerichtig im April die Tafel Schokolade 15,9 Prozent teurer als im Vorjahr. Seit 2012 haben sich die Preise für Milka, Lindt und Co. im Schnitt um 60 Prozent erhöht.

    Quadratisch, praktisch, 100 Jahre alt
    Waldenbuch, im Juni 2012 – Waldenbuch ist eine Kleinstadt im schwäbischen Landkreis Böblingen. Sie hat eine historische Stadtkirche, ein Schloss und etwa 8.500 Einwohner. Und Waldenbuch hat Ritter Sport. Seit 1930 produziert das Familienunternehmen seine Schokolade am Rand des Naturparks Schönbuch, was man bei gutem Wetter im ganzen Ort riechen kann. Jeden Tag verlassen 2,5 Millionen Tafeln das Schokoladenwerk in Waldenbuch. Quelle: dpa
    Die Geschichte des Unternehmens beginnt aber in Stuttgart-Bad Cannstatt – vor genau 100 Jahren. Drei Generationen der Familie Ritter haben der Schokolade in diesem Firmen-Jahrhundert ihre ganz eigene Handschrift verliehen. Bildquelle: PR
    Der Grundstein für Ritter Sport ist die Liebe: Der Konditor Alfred Eugen Ritter (siehe Bild) und Clara Göttle, Inhaberin eines Süßwarengeschäfts, heiraten 1912 und gründen ihre Schokolade- und Zuckerwarenfabrik in Stuttgart-Bad Cannstatt. Bildquelle: PR
    Schokolade ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gefragtes Gut und die Mitarbeiterzahl wächst schnell. 1930 zieht die Firma aus Platzgründen ins ländliche Waldenbuch. Zwei Jahre später entsteht das zentrale Markenzeichen von Ritter Sport: Clara Ritter hat die Idee, eine Schokolade in Quadratform herzustellen. Sie hat bei den örtlichen Fußball-Anhängern beobachtet, dass die üblichen Schokolade-Langtafeln in ihren Jackettaschen zerbrechen. Deshalb werden die Tafeln in der neuen und damals revolutionären Form „Ritter’s Sport Schokolade“ getauft. Bildquelle: PR
    Nach dem Kriegsende 1945 laufen die Maschinen wieder an und 1950 nimmt die Produktion volle Fahrt auf. Nach dem Tod von Firmengründer Alfred Eugen Ritter übernimmt dessen Sohn Alfred Otto 1952 die Leitung des Betriebes in zweiter Generation. Auf dem Bild: Historische Luftaufnahme der Fabrik in Waldenbuch. Bildquelle: PR
    In den fünfziger Jahren macht sich das westdeutsche Wirtschaftswunder auch beim Schokoladeproduzenten in Waldenbuch bemerkbar. 1954 zählt der Betrieb über 100 Beschäftigte. 1960 beschließt das Unternehmen, sich auf die quadratischen Tafeln zu konzentrieren. Bildquelle: PR
    Bundesweit bekannt wird Ritter Sport ab 1970 mit der Erfindung der ersten Joghurtschokolade Deutschlands und der Fernsehwerbung mit dem einprägsamen Slogan „Quadratisch. Praktisch. Gut“. Bildquelle: PR

    Vieles spricht für weiter steigende Preise: „Wetterextreme verursacht durch die Klimaanomalie El Niño, bedrohen die Ernten im pazifischen Raum“, sagt Jonathan Parkman, Rohstoffanalyst des Londoner Brokers Marex Spectron. El Niño tritt etwa alle vier Jahre auf, zuletzt 2009/10. Stürme und starke Regenfälle in Südamerika sowie Trockenheit in Südostasien und Australien sorgen dabei für Missernten und steigende Agrarpreise. Erste Vorzeichen von El Niño sind bereits erkennbar: So droht Ecuador wegen heftiger Regenfälle 15 Prozent seiner Kakaoernte zu verlieren.

    In Ghana, dem zweitwichtigsten Erzeuger, dezimiert Pilzbefall die Ernte, und es fehlen den Kakaobauern Arbeiter, die lieber als Schürfer in den Minen arbeiten. Prognose für die Erntesaison 2014/15: minus 24 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitrum.

    Die Folge: Wetten auf einen steigenden Kakaopreis an den Terminbörsen – wo Preiserwartungen, keine physische Ware gehandelt wird – haben den höchsten Stand seit Oktober 2011 erreicht.

    Der Einfluss der Finanzmärkte auf den weltweiten Kakaohandel und damit auch auf den Preis der Schokolade wächst.

    Hängepartie in der Karibik

    Als der Hamburger Kakaomakler Hans-Werner Lembke den Telefonhörer abnimmt, seufzt er. Schon der vierte Anruf aus der Karibik innerhalb von drei Tagen. Ein Exporteur aus Trinidad&Tobago sitzt auf einem Container im Hafen von Port of Spain.

    Der Premiumkakao im Container ist schon verkauft. Allerdings steht nur der Aufschlag auf den jeweiligen Börsenpreis für Kakao guter Qualität bereits fest, das Differential. Zuschläge auf den Börsenpreis sind bei Edelkakaos beispielsweise aus Trinidad&Tobago, Ecuador oder Peru üblich. Erst wenn der Container auf dem Schiff ist, muss sich der Exporteur auf einen Börsenpreis festlegen.

    Noch spielt der Exporteur auf Zeit, denn der Börsenpreis steigt. „Eigentlich sollte er das Geschäft jetzt eintüten, aber er versucht jeden Dollar mitzunehmen“, sagt Lembke.

    Pokerspiel am Markt

    Der Geschäftsführer des Maklerunternehmens HCCO kennt den Druck, unter dem Exporteure und Händler stehen. Er selbst hat mehr als 25 Jahre im Kakaohandel gearbeitet. Als Makler vermittelt er jetzt zwischen Exporteuren, Händlern und der Schokoladenindustrie. Lembke berät auch mittelständische Farmer, damit die den richtigen Zeitpunkt für den Verkauf ihrer Ernte nicht verpassen. Eigene Termingeschäfte an der Börse abzuschließen, um Preise abzusichern, lohnt sich für die meisten Farmer wegen der kleinen Mengen nicht.

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      Wert der verzehrten Schokolade (zum Vergrößern bitte anklicken)

      Auch wenn die Farmer nicht selbst an der Börse aktiv sind, den Einfluss der Finanzmärkte spüren sie doch – über den Preis. „In den vergangenen Jahren hat sich der Markt spürbar verändert“, sagt Lembke, „der Einfluss der Spekulanten ist deutlich größer geworden.“

      Mehr Jobs, mehr Schokolade

      Börsenhändler Jack Scoville drängt sich um sechs Uhr morgens mit Hunderten anderer Pendler in einen Vorortzug nach Chicago. Kaum hat er einen Sitzplatz ergattert, streichen seine Finger über sein Smartphone, um die neuesten Kurse für Kakao abzurufen. Scoville vermittelt über die Börse Termingeschäfte, mit denen sich Unternehmen aus der Kakaobranche gegen schwankende Preise absichern können. Auch Hedgefonds, die mit Agrarrohstoffen zocken, gehören zu seinen Kunden.

      In London, dem nach New York zweitwichtigsten Terminmarkt für Kakao, ist es zwölf Uhr, der Handel ist in vollem Gange: Die Tonne kostet umgerechnet 3060 Dollar. Noch sieht alles nach einem ruhigen Tag aus. Erst als Scoville den Zug verlassen und sein Büro im 13. Stock im Gebäude der Chicagoer Terminbörse erreicht hat, dreht der Markt auf: 3100 Dollar je Tonne. Europa, weltgrößter Abnehmer von Rohkakao, hat überraschend gute Arbeitsmarktdaten gemeldet. Mehr Jobs, mehr Einkommen gleich mehr Nachfrage nach Schokolade.

      Der Börsenhandel ist für Exporteure wie für Verarbeiter das wichtigste Preisbarometer. Ernteprognosen, Wetteraussichten, Lagerbestände und die Nachfrage aus der Schokoladenindustrie – all das spiegelt sich im Börsenpreis wider.

      Was Anleger bei Kakao-Investments beachten müssen

      Gehandelt wird hauptsächlich in New York, das den Dollar-Raum in Südamerika und Asien abdeckt, sowie London, das die in Pfund abgerechneten Preise für Kakao aus Westafrika auslotet.

      Scovilles Telefon klingelt im Minutentakt. Inzwischen steht Kakao bei 3120 Dollar. 60 Terminkontrakte über 600 Tonnen im Wert von zwei Millionen Dollar setzt Scoville um; für ihn ein überdurchschnittlich guter Tag. Bis zum Handelsschluss in den USA legt Kakao um rund 60 Dollar je Tonne zu.

      „Mitunter passiert tagelang gar nichts, und dann kommt die eine Nachricht, die den Markt bewegt, das macht den Job so spannend“, sagt Scoville. Er ist Vize-Präsident der Broker- und Analystenfirma The Price Futures Group, die an der Warenterminbörse Chicago Board of Trade (CBOT) sitzt. An der CBOT werden Industrie- und Edelmetalle, Agrarrohstoffe, aber auch Gas und Öl gehandelt.

      Termingeschäfte ohne Lieferung

      Was diesen Deals gemein ist: Bei einem Termingeschäft vereinbaren Käufer und Verkäufer, eine bestimmte Menge Kakao für einen vereinbarten Preis zu einem festgelegten Termin zu liefern.

      Geliefert wird in der Regel aber nicht.

      Der physische Handel mit Kakao läuft parallel zu den Börsendeals. An der Börse wetten Käufer und Verkäufer nur auf den Preis bei Lieferung. So sollen Verluste im physischen Handel mit Gewinnen an der Börse kompensiert werden. Da jede Wette eine Gegenseite braucht, sind Spekulanten wie Hedgefonds oder Banken in diesem Geschäft unerlässlich.

      Kakao zieht Spekulanten an, weil der Weltmarkt mit etwa zwölf Milliarden Dollar vergleichsweise klein ist. Zum Vergleich: Bei Weizen ist der Markt 140 Milliarden Dollar schwer. Hinzu kommt, dass 70 Prozent der Ernte aus Westafrika stammen. Schlechte Nachrichten, etwa Bürgerkrieg oder Ebola, sowie gute Nachrichten, etwa optimales Wetter, aus dieser Region, können den Preis in kurzer Zeit kräftig nach oben oder nach unten schnellen lassen. Starke Preisschwankungen aber fördern die Wetten der Hegdefonds.

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        Kakao-Futures an der New Yorker Börse (zum Vergrößern bitte anklicken)

        Wettkönig beim Kakao ist der britische Hedgefondsmanager Anthony Ward; Spitzname Schokofinger. Mehrfach versuchte er, Millionengewinne abzuschöpfen, indem er große Mengen Kakao kaufte. Seine Handelsabteilung für Agrarrohstoffe verkaufte er 2013 an die schweizerische Ekom. Das Zocken aber kann Ward nicht lassen. Sein Fonds CC+ wettet nach wie vor auf Kakao und Kaffee.

        Gefährlich wird das, wenn ein Hedgefonds versucht, in den physischen Handel einzugreifen, um die eigenen Wetten zu pushen. Ebenso kritisch ist es, wenn Termingeschäfte vorab ausgekungelt werden – zum Schaden übriger Marktteilnehmer. So verurteilte die CFTC im Januar den Kakaokonzern Olam, weil die Handelsabteilungen zweier Tochterunternehmen sich bei ihren Börsendeals abgesprochen haben sollen.

        Zehn Paletten für die Börse

        Normalerweise haben Finanzinvestoren kein Interesse an physischem Kakao. Sie wickeln ihre Termingeschäfte ab, bevor die Ware ausgeliefert wird. In der Zwischenzeit liegt der Kakao in einem Lager wie dem des Hamburger Logistikers Cotterell. Die an der Börse gehandelten Kakaosäcke sind an den weißen Zetteln an jeder zehnten Palette zu erkennen. Zehn deshalb, weil auf jeder Palette etwa eine Tonne liegen. Zehn Tonnen sind die kleinste Handelsgröße für Kontrakte an der Londoner Kakaobörse. Palettenware wird bis zu 100 Tonnen, Schuttgütware bis zu 1000 Tonnen je Termingeschäft an der Börse gehandelt.

        Mehrfach wechselt dieser Kakao den Besitzer, bevor er physisch ausgeliefert wird. Wer an der Börse Kakao kauft, weiß zunächst nicht, woher die Ware stammt. Laut Vorgaben der Londoner Börse sollen die Lagerhäuser in der Nähe der für den Kakaohandel wichtigen Häfen, darunter Amsterdam, Antwerpen, Hamburg und Liverpool, stehen. Der in Europa gelagerte Kakao kommt in einen Pool, der an der Börse gehandelt wird.

        „Für die Kakaoverarbeiter ist dieser Pool eine eiserne Reserve für den Fall, dass die im physischen Handel georderte Menge nicht ausreicht“, sagt Thomas Cotterell. Er hat gerade seinen Tesla von der Ladestation genommen und fährt über das Hamburger Hafengelände zu einer seiner sieben Lagerhallen für Rohkakao. Dort schiebt ein Radlader seine mannshohe Schaufel in den mehrere Hundert Tonnen schweren Berg aus Kakaobohnen. Es staubt und knirscht. Die Arbeiter tragen Mundschutz, ihre blauen Overalls sind braun vom Staub. „Kakao ist ein Naturprodukt und immer dreckig“, sagt Thomas Cotterell.

        Kakao, Käfer und Maden

        Oft bringen die Schiffe mit dem Kakao auch unliebsame Gäste: Maden, Käfer und Würmer. Kakao dürfe daher nur separat gelagert werden, auch wegen des starken Aromas, das sich auf andere Waren übertragen würde. Die Kakaobohnen gehen von der Schaufel des Radladers direkt in einen Container, den Lkws zu den Kakaofabriken bringen.

        Solche Fabriken betreibt Barry Callebaut aus der Schweiz. Gegen schwankende Preise an den Rohstoffmärkten wappnen sich die Schweizer so: Sie setzen in der Kalkulation für einen Liefervertrag die bei Abschluss geltenden Rohstoffpreise an. Auf die Preise für Kakaobohnen und andere Rohstoffe schlagen sie ihre Marge drauf. Zwischen Vertragsabschluss und Lieferung vergehen jedoch mehrere Monate. In der Zwischenzeit schwanken die Rohstoffpreise. Callebaut sichert sich daher zusätzlich über Termingeschäfte mit Kakao an der Börse ab.

        Den Kakao selbst lagert Callebaut aber nicht bei sich. Das überlässt sie Dienstleistern wie Cotterell. Immer wenn in der Produktion Bedarf ist, rufen die Kakaoverarbeiter Rohkakao im Lager des Logistikers ab. So sparen sie eigene Lagerflächen und können auch außerhalb der Erntesaison Kakao just in time bestellen.

        Anteil der Produktionsebenen am Kakaoumsatz (zum Vergrößern bitte anklicken)

        Die größte Schokofabrik der Welt

        Im belgischen Wieze steht eines der Werke, in denen Barry Callebaut aus Kakaobohnen die Schoko-Grundmasse produziert. Arbeiter wuchten in einer dunklen Lagerhalle Jutesäcke mit Kakaobohnen von Holzpaletten. Am oberen Ende schlitzen sie die Säcke auf und kippen die Bohnen in große Trichter. In vier Meter langen, silberfarbenen Containern rösten die Arbeiter die Kakaobohnen etwa 20 Minuten lang. „Mit der Schale“, betont Alexandre Bourdeaux, Chef der Schokoladenakademie von Barry Callebaut in Wieze, „das gibt ein besseres Aroma.“

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          Die größte Schokoladenfabrik der Welt steht in einem Dorf mit etwa 800 Einwohnern. Eng und kurvig sind die Straßen von Wieze, knapp eine Autostunde nordwestlich von Brüssel, die Häuser klein und unauffällig. Die meisten der Dorfbewohner verdienen ihr Geld in der mehr als 100 Jahre alten Schokoladenfabrik von Barry Callebaut. Der Konzern aus Zürich mit 4,8 Milliarden Euro Umsatz und weltweit 9000 Mitarbeitern übernahm das Werk in den ,als er den belgischen Hersteller Callebaut schluckte.

          Für die Kakaomasse zermahlen die Arbeiter die gerösteten Bohnen so lange, bis ein dunkler, zähflüssiger Brei entsteht. Essen lässt sich die Masse nicht – viel zu bitter. Brocken der inzwischen abgekühlten und damit festen Kakaomasse laufen per Förderband in eine weitere Maschine, die sie mit Walzen zu feinem Kakaopulver verarbeitet. Das anschließende Konchieren verleiht der Schokolade ihren Schmelz. Das Pulver wird dabei zusammen mit Kakaobutter, Zucker und Milchpulver in Rührwerken stundenlang durchgeknetet.

          Die größten Kakaoproduzenten der Welt

          Die flüssige braune Masse lagert Barry Callebaut in beheizten Tanks. Rohre führen nach draußen zur Laderampe. Hier wird die Schokoladenmasse in die Tanks der wartenden Lkws gepumpt, die sie zu den Fabriken der Schokoladenindustrie fahren. Dort werden sie in handliche Tafeln gegossen oder in anderen Süßigkeiten verarbeitet. Callebauts Kunden sind dann wiederum die Konzerne, deren Marken im Supermarkt auf Schokoholics warten: Unilever, Nestlé oder Mars zum Beispiel.

          Wie viel die Multis an Callebaut zahlen, lässt sich zumindest abschätzen. Nach einer Studie von Voice Network, hinter der Umwelt- und Entwicklungshilfeorganisationen stehen, kostet eine Tonne Kakao, nachdem sie zu Vorprodukten für Schokolade verarbeitet wurde, 4434 Dollar einschließlich 211 Dollar Gewinn. Mars, Unilever und Nestlé packen als Schokoladenhersteller noch einmal 6425 Dollar je Tonne drauf. Daran verdienen sie etwa 870 Dollar. Den größten Anteil am Preis für Schokolade haben jedoch der Einzelhandel und der Fiskus mit 44 Prozent. Beim Farmer bleiben im Schnitt dagegen nur 6,6 Prozent vom Umsatz hängen. Bei einer Tafel Schokolade für einen Euro wären das nur etwa sieben Cent. Verdient wird mit Kakao vor allem am Ende der Produktionskette.

          9,80 Euro für Luxus aus Südvietnam

          Im Outlet-Store Smets in Strassen, am Stadtrand von Luxemburg, wabert Popmusik zwischen Schuhkartons, Kleiderständern und Achtzigerjahre-Devotionalien. Smets ist kein Schnäppchenmarkt: Trotz Rabatt kosten Schuhe von Manolo Blahnik immer noch 800 Euro. Nicht nur finanziell potent, auch schlank sollten die Kunden sein. Die eng geschnittenen Lederjacken von Dolce & Gabbana verzeihen keine Pölsterchen. Zu dumm, dass die Kunden am Eingang an der Vitrine des belgischen Chocolatiers Pierre Marcolini vorbei müssen: mit Mango gefüllte Schokotäfelchen, Karamellcreme, Macarons und Marzipan. Marcolini, dessen Familie ursprünglich aus Verona stammt, betreibt ein Franchisegeschäft im Smets.

          Zahl der Termingeschäfte mit Kakao an der New Yorker Börse (zum Vergrößern bitte anklicken)

          Eine Mittdreißigerin zeigt mit dem Finger auf eine silberfarbene Pappschachtel in der Vitrine: „Was genau ist das?“„Dunkle Schokolade, 75 Prozent Kakao, von einer Plantage aus Vietnam mit..., wie sagt man auf Deutsch...?“, fragt die Verkäuferin mit französischem Akzent. „...Kakaobohnensplittern“, antwortet der Begleiter der Kundin. „Wenn du so schlau bist, dann kannst du auch zahlen“, sagt die Frau im Trenchcoat. Was sich als gutes Geschäft erweist: 80 Gramm kosten 9,80 Euro. Anders jedoch als bei der billigeren Massenschokolade wissen die Käufer bei Marcolini, von welcher Farm der Kakao stammt, aus dem die Tafel gemacht ist. Im Fall Vietnam ist es die Kooperative Cho Gao aus der südlichen Provinz Tien Gang, die auf zwei Hektar Premiumkakao anbaut.

          João Tavares hat den Trend zum Lifestyle-Produkt Schokolade richtig erkannt. Statt Massenware zu produzieren, konzentriert er sich auf edle Kakaosorten. Die machen zwar mehr Arbeit, bringen aber auch höhere Preise. Sein Kakao ist die Basis für Marcolinis Edelmarke Brésil.

          Vom Börsenboom profitiert Tavares denn auch mehr als viele seiner Kollegen: Für seinen Edelkakao zahlen Händler derzeit einen Aufschlag von 2000 Dollar auf den Börsenpreis für Standardware, der bei 3344 Dollar liegt.

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            Wie viel Mühe er in den Kakao steckt, wird bei einem Rundgang auf seiner Farm deutlich. „Hier mache ich meinen Profit“, sagt Tavares und zeigt auf den Fermentierschuppen, wo es nach Gärung und Hefe riecht. Beim Fermentieren verlieren die Bohnen einen Teil ihrer Bitterstoffe und bekommen ihre braune Farbe. Immer wieder kontrolliert Tavares die Fermentierung, indem er 50 Bohnen penibel auf einem Brett aufschneidet, um den Reifegrad zu prüfen.

            Hinter dem Schuppen, auf dem noch das Baujahr 1945 zu sehen ist, trocknet er die Bohnen in der Sonne auf Zementboden, vor Regen geschützt durch ein Glasdach wie in einem Treibhaus. Er trocknet die Bohnen nicht über Öfen, die mit Holz beheizt werden – wie die meisten der Farmer. „Rauchspuren im Aroma bedeuten: beim Abnehmer durchgefallen“, sagt Tavares. Er kritisiert, dass die wenigsten Farmer heute noch die Sorgfalt und Geduld aufbringen würden, die es brauche, um guten Kakao herzustellen. „Die ehemals reichen Kakaobarone haben es versäumt, ihre Söhne und Töchter auf ein Leben und die Arbeit auf einer Plantage in der Provinz vorzubereiten.“

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