Rohstoffe Kakao wird zum braunen Gold

Kakao ist derzeit knapp und teuer. Spekulanten wetten an der Börse auf weiter steigende Preise, Händler und Lebensmittelkonzerne halten mit eigenen Wetten dagegen. Wie Schokolade zum Spielball der Finanzmärkte wird.

Kakao Rohstoffhandel Schokolade Quelle: obs

João Tavares lenkt einen Pick-up über die Kopfsteinpflasterwege seiner Kakaofarm São Pedro im Nordosten Brasiliens. Wenn er aus dem Fenster schaut, kann er den Fortschritt der Ernte kontrollieren. Arbeiter schlagen mit Macheten die Früchte von den vier Meter hohen Kakaobäumen, die im Schatten von Urwaldriesen stehen. „Vor zehn Jahren musste ich fast komplett neu anfangen, ein Pilz hatte die Ernte dezimiert“, sagt Kakaofarmer Tavares. Noch immer kämpft er mit den Folgen: Wo sein Vater in den Fünfzigerjahren auf 1000 Hektar bis zu 1000 Tonnen Kakaobohnen im Jahr produzierte, erntet der 50-Jährige heute auf einem Drittel der Fläche nur noch 90 Tonnen. Von den glorreichen Fünfzigern sind nur die gepflasterten Wege übrig, auf denen Maultiere Körbe mit Kakaobohnen zur Tavares-Farm bringen.

Als sein Vater die Farm gründete, war Brasilien noch weltgrößter Kakaoexporteur, heute gehen allenfalls noch wenige Hundert Tonnen auf den Weltmarkt. Ein Teil davon immerhin stammt von Tavares, der an den belgischen Chocolatier Pierre Marcolini verkauft. Von Depression ist denn auch wenig zu spüren: Auf Tavares’ Plantage und auf den benachbarten Farmen geht es geschäftig zu: Schokoladenhersteller kündigen ihre Besuche an; Zwischenhändler wollen neue Kontrakte abschließen. Selbst Finanzinvestoren lassen sich in der Region blicken, was meist davon zeugt, dass es etwas zu verdienen gibt.

So funktioniert der Rohstoffhandel

Brasiliens Exporteure arbeiten an ihrem Comeback. Brasilianischer Kakao soll wieder an der New Yorker Börse gehandelt werden. Das wäre ein erster Schritt zurück zu alter Größe auf dem Weltmarkt.

Wachsende Lücke

Der Grund für die Renaissance: Knappheit. Laut Internationaler Kakaoorganisation (ICCO) fehlen in diesem Jahr bei einer weltweiten Produktion von 4,2 Millionen Tonnen 38 000 Tonnen Kakao. Und das Defizit werde weiter wachsen. Inzwischen haben auch Mittelschichtsbürger in den Schwellenländern Lust auf Schokolade. Das Research-Institut Euromonitor schätzt, dass allein die Chinesen in diesem Jahr 11,5 Prozent mehr Schokolade kaufen als im Vorjahr, die Inder gar 23,4 Prozent.

Seit Januar 2012 ist der Kakaopreis an der New Yorker Börse von 2115 Dollar je Tonne auf zuletzt 3344 Dollar gestiegen, ein Plus von 58 Prozent. In deutschen Supermärkten war folgerichtig im April die Tafel Schokolade 15,9 Prozent teurer als im Vorjahr. Seit 2012 haben sich die Preise für Milka, Lindt und Co. im Schnitt um 60 Prozent erhöht.

Quadratisch, praktisch, 100 Jahre alt
Waldenbuch, im Juni 2012 – Waldenbuch ist eine Kleinstadt im schwäbischen Landkreis Böblingen. Sie hat eine historische Stadtkirche, ein Schloss und etwa 8.500 Einwohner. Und Waldenbuch hat Ritter Sport. Seit 1930 produziert das Familienunternehmen seine Schokolade am Rand des Naturparks Schönbuch, was man bei gutem Wetter im ganzen Ort riechen kann. Jeden Tag verlassen 2,5 Millionen Tafeln das Schokoladenwerk in Waldenbuch. Quelle: dpa
Die Geschichte des Unternehmens beginnt aber in Stuttgart-Bad Cannstatt – vor genau 100 Jahren. Drei Generationen der Familie Ritter haben der Schokolade in diesem Firmen-Jahrhundert ihre ganz eigene Handschrift verliehen. Bildquelle: PR
Der Grundstein für Ritter Sport ist die Liebe: Der Konditor Alfred Eugen Ritter (siehe Bild) und Clara Göttle, Inhaberin eines Süßwarengeschäfts, heiraten 1912 und gründen ihre Schokolade- und Zuckerwarenfabrik in Stuttgart-Bad Cannstatt. Bildquelle: PR
Schokolade ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gefragtes Gut und die Mitarbeiterzahl wächst schnell. 1930 zieht die Firma aus Platzgründen ins ländliche Waldenbuch. Zwei Jahre später entsteht das zentrale Markenzeichen von Ritter Sport: Clara Ritter hat die Idee, eine Schokolade in Quadratform herzustellen. Sie hat bei den örtlichen Fußball-Anhängern beobachtet, dass die üblichen Schokolade-Langtafeln in ihren Jackettaschen zerbrechen. Deshalb werden die Tafeln in der neuen und damals revolutionären Form „Ritter’s Sport Schokolade“ getauft. Bildquelle: PR
Nach dem Kriegsende 1945 laufen die Maschinen wieder an und 1950 nimmt die Produktion volle Fahrt auf. Nach dem Tod von Firmengründer Alfred Eugen Ritter übernimmt dessen Sohn Alfred Otto 1952 die Leitung des Betriebes in zweiter Generation. Auf dem Bild: Historische Luftaufnahme der Fabrik in Waldenbuch. Bildquelle: PR
In den fünfziger Jahren macht sich das westdeutsche Wirtschaftswunder auch beim Schokoladeproduzenten in Waldenbuch bemerkbar. 1954 zählt der Betrieb über 100 Beschäftigte. 1960 beschließt das Unternehmen, sich auf die quadratischen Tafeln zu konzentrieren. Bildquelle: PR
Bundesweit bekannt wird Ritter Sport ab 1970 mit der Erfindung der ersten Joghurtschokolade Deutschlands und der Fernsehwerbung mit dem einprägsamen Slogan „Quadratisch. Praktisch. Gut“. Bildquelle: PR

Vieles spricht für weiter steigende Preise: „Wetterextreme verursacht durch die Klimaanomalie El Niño, bedrohen die Ernten im pazifischen Raum“, sagt Jonathan Parkman, Rohstoffanalyst des Londoner Brokers Marex Spectron. El Niño tritt etwa alle vier Jahre auf, zuletzt 2009/10. Stürme und starke Regenfälle in Südamerika sowie Trockenheit in Südostasien und Australien sorgen dabei für Missernten und steigende Agrarpreise. Erste Vorzeichen von El Niño sind bereits erkennbar: So droht Ecuador wegen heftiger Regenfälle 15 Prozent seiner Kakaoernte zu verlieren.

In Ghana, dem zweitwichtigsten Erzeuger, dezimiert Pilzbefall die Ernte, und es fehlen den Kakaobauern Arbeiter, die lieber als Schürfer in den Minen arbeiten. Prognose für die Erntesaison 2014/15: minus 24 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitrum.

Die Folge: Wetten auf einen steigenden Kakaopreis an den Terminbörsen – wo Preiserwartungen, keine physische Ware gehandelt wird – haben den höchsten Stand seit Oktober 2011 erreicht.

Der Einfluss der Finanzmärkte auf den weltweiten Kakaohandel und damit auch auf den Preis der Schokolade wächst.

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