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Rohstoffe Wenn Getreide unbezahlbar wird

Dürren haben zu Engpässen in der Getreideproduktion geführt. Die Preise schnellen nach oben. Dafür werden auch Spekulanten verantwortlich gemacht. Sogar Bill Clinton tritt auf den Plan. Aber stimmt die Zocker-Theorie?

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Weizenähren während eines Sonnenuntergangs. Welchen Anteil haben Spekulanten an der Preisexplosion? Quelle: dpa

Durch Dürrekatastrophen in den wichtigen Produzentenländern wie den USA, Argentinien und Russland sind die Getreidepreise in den vergangenen Wochen in die Höhe geschossen. Der DJ-UBS-Getreideindex ist seit Anfang Juni in nur 13 Wochen um beinahe 50 Prozent gestiegen. Dies hat die seit geraumer Zeit laufende Diskussion über den Einfluss der Spekulanten auf die Getreidepreise neu entfacht. Einige Organisationen und Institute machen das "Kapital von Zockern" für den wieder zunehmenden Hunger in der Welt verantwortlich. Fakt ist in diesem Fall allerdings, dass es vor allem klima- und witterungsbedingte Ernteverluste in den großen Anbaugebieten sind, die den Preisanstieg auslösten.

Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch warnen in diesem Kontext immer wieder vor der exzessiven Spekulation von Kapitalanlegern, da diese die Preise in die Höhe schießen lasse und das Hungerproblem in der Welt verschärfe. "Der Vorwurf, dass Rohstoff-Indexfonds die Agrarpreise treiben, ist aber falsch", sagt Bernhard Scherer, Finanzprofessor an der Edhec Business School und Chef-Anlagestratege bei FTC Capital. Richtig sei, dass Produzenten die Rohstoffe per Termin an Indexfonds verkaufen und so das Lagerrisiko loswerden. Produzenten könnten dann größere Lager finanzieren und der Markt wird weniger volatil.

Der Indexfonds bietet also eine Art Versicherung an, für die er eine Prämie vom Produzenten erhält. "Je mehr Indexfonds am Markt sind, desto geringer wird die Versicherungsprämie, die vom Produzenten verlangt werden kann", so Scherer. Das ist positiv: Die sogenannten Spekulanten sorgen für den dringend benötigten Risikotransfer und Liquidität. Auch die Meinung, dass auch die Nachfrage an den Terminbörsen auf den Kassamarkt durchschlage, stimme nicht. Wenn der standardisierte Terminkontrakt (Future) ausläuft, neutralisieren sich die auf steigende und sinkende Preise ausgerichteten Kontrakte (als "Long-" und "Short-Positionen" bezeichnet), und es wird kein Körnchen Getreide mehr nachgefragt. "Es gibt keinen Beweis in der akademischen Literatur, dass spekulative Kapitalströme einen kausalen Einfluss auf die Preise haben", sagt Scherer.


Bill Clinton mischt auch mit

Kein Geringerer als der ehemalige US-Präsident Bill Clinton outet sich in dieser Frage als Befürworter von Derivaten und Terminbörsen: "Wenn Farmer keine Gelegenheit haben, sich über Terminbörsen gegen Preisschwankungen abzusichern, könnten sie in existenzbedrohende Probleme kommen." Er fordert allerdings klare Regeln für die Akteure an den Terminbörsen. Vor diesem Hintergrund hat die Weltbank in den vergangenen Jahren versucht, Agrar-Terminbörsen in einigen Ländern Afrikas auf die Beine zu stellen.

Entscheidend für die zuletzt stark gestiegenen Getreidepreise ist, dass die Farmer in den USA zuletzt unter der schlimmsten Dürrekatastrophe seit dem Jahr 1956 litten und auch die Agrarwirtschaft Argentiniens und Russlands eine verheerende Trockenperiode erlebte. All das führte letztlich zu massiven Ernteeinbußen. Der Maispreis schoss an der Chicago Mercantile Exchange (CME) auf ein Rekordniveau von fast 850 Cent je Bushel, nachdem er noch im Mai leicht über der Marke von 500 Cent je Bushel gehandelt worden war. "Das Maisangebot in den USA dürfte in dieser Saison auf den niedrigsten Stand seit neun Jahren fallen", sagen die Ernteschätzer des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA). Um einen weiteren Preisanstieg zu verhindern, haben Fachleute die US-Regierung bereits aufgefordert, den für die Produktion von Ethanol vorgesehenen Anteil der Maisernte in die Lebensmittelproduktion fließen zu lassen.

Investmentlegende Warren Buffett bezeichnete es schon vor einigen Jahren als Fehler, Getreide und Ölsaaten zur Erzeugung von Biotreibstoffen einzusetzen. Der gute amerikanische Mais sei viel zu schade, um in Autotanks verbrannt zu werden. Jetzt hat auch Peter Brabeck, Chairman des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, die Politiker zu einem Umdenken aufgerufen. "Unser Problem ist, dass rund die Hälfte der US-Maisproduktion und 60 Prozent der europäischen Rapssaatenproduktion in die Biotreibstoffbranche fließen", warnte Brabeck.


„Rückbesinnung auf vegetarische Diät“

Rohstoffe werden generell knapp, weil die Nachfrage weiter wachsen dürfte. "Zusammen mit geringen Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage werden wir mit steigenden und volatilen Preisen leben müssen", erwartet Edhec-Wissenschaftler Scherer. Hinzu kommt, so sagt Hans-Jürgen Klisch von Raymond James & Associates, dass die weltweiten Agraranbauflächen kaum noch nachhaltig ausgeweitet werden können und in Zukunft sogar schrumpfen dürften.

"Die Verwundbarkeit des globalen Agrarsystems hat sprunghaft zugenommen", sagt Detlef Schön, geschäftsführender Partner der in Hamburg ansässigen Aquila Capital Green Assets GmbH. Ursächlich dafür seien neben der steigenden Bevölkerungszahl auch knappere Agrarflächen und abnehmende Wasservorräte. "Die Zeit der Getreideschwemmen ist vorüber", sagt der Agrarökonom. Eine effizientere Landwirtschaft und der Einsatz von "grüner Gentechnologie" seien künftig unverzichtbar. Doch die aktuelle Situation verlange auch ein Umdenken in der Frage der künftigen Ernährungsgewohnheiten. Mittelfristig werde sich die Menschheit die Konkurrenz mit Wiederkäuern um immer knapperes und teureres Getreide wohl nicht leisten können. "Es wird zu einer Rückbesinnung auf eine stärker vegetarisch ausgerichtete Diät kommen müssen", prognostiziert Schön.

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