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Rohstoffgipfel in Lausanne Zunehmende Transparenz vermiest den Rohstoffhändlern die Margen

Die Rohstoffhändler verbuchen satte Gewinne. Sorgenfrei sind die Händler trotz der guten Geschäfte aber nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe.

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Ewiger Wandel in einer beständigen Branche. Quelle: FT Commodities Global Summit 2018, Lausanne, Switzerland. ©FT Live

Lausanne Melinda Tschanz und ihre Mitstreiter geben alles, um den Rohstoffhändlern in Lausanne einen möglichst ungemütlichen Empfang zu bereiten: „Schande, Schande, Schande, über diesen Gipfel der Umweltverschmutzer und Spekulanten“, skandieren die rund 200 Demonstranten durch die Gassen von Lausanne, dem mediterran anmutenden Städtchen, eingebettet in Weinberge am Genfer See.

Bis vor das Hotel Beau Rivage Palace ziehen die Demonstranten, dort wo die Elite der Rohstoffhändler und Bergbauunternehmen zum Gipfeltreffen zusammengekommen ist.

Tschanz, die brünette Master-Studentin mit roter Jacke, die auch schon für eine Gewerkschaft gearbeitet hat, fordert mehr Verantwortungsbewusstsein von den Händlern. Viel zu oft gelte: Profit vor humanitäre Rechten. Kinderarbeit und Korruption sind zwei Vorwürfe, die die Branche immer wieder zu hören bekommt, begleitet von Buhrufen der Demonstranten.

Auf dem Quais D’Ouchy, dem Kai unweit des Hotels, fordern Demonstranten mit der Fahne der Demokratischen Republik Kongo (DRK) humanitäre Arbeitsbedingungen in dem Land, in dem Rohstoffkonzerne gerade um die reichen Kobalt- und Kupfervorkommen ringen. „Schluss mit der Spekulation!“, rufen sie.

Bei den Händlern kommt davon nicht viel an. In dem Moment als Tschanz und die Demonstranten vor dem Hotel ankommen, netzwerken die Händler schon lautstark. Von außen dringt kein Ton herein. Die Branche hat mit sich zu tun.

Die Stimmung in der Branche ist gut – und das obwohl es bei dem Spitzentreffen immer wieder um Energiewandel und Veränderung geht. Mancher Branche mögen diese Herausforderungen zu Leibe rücken – die Händler sind sie gewohnt. Rohstoffe sind ein zyklisches Geschäft. Steigende und fallende Preise gehören dazu.

Das Geschäft lief im vergangenen Jahr gut. Glencore, der einzige börsennotierte Konzern der Gruppe der größten Rohstoffhändler, verbuchte einen Gewinn von 5,8 Milliarden Dollar – das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte. Mercuria legte beim Gewinn um 50 Prozent auf 450 Millionen Dollar zu.

Trafigura, der Händler mit Sitz in Genf und Singapur, schwächelte hingegen etwas. 887 Millionen Euro betrug der Gewinn im vergangenen Jahr, zehn Prozent weniger als im Jahr zuvor. Vitol, der mit sieben Millionen täglich gehandelten Öls größte Ölhändler der Welt, lag zum Halbjahr 2017 mit 818,9 Millionen Dollar Gewinn um 272 Millionen im Plus gegenüber dem Vorjahr.

Sorgenfrei sind die Händler trotz der guten Geschäfte aber nicht. Die zunehmende Transparenz – von frei zugänglichen Preisdaten bis zum Schiffstracking, das Kunden verrät, welche Rohstoffe wo in der Welt unterwegs sind, macht der Branche zu schaffen. Die ohnehin schon schmalen Margen im Handelsgeschäft schmelzen weiter ab.

Bei Trafigura beispielsweise sank die Gewinnmarge von 2,3 auf 1,6 Prozent. Bei Vitol fiel sie von 1,4 auf 1,2 Prozent. Offiziell betonen die Vertreter der Händler wie William Reed, Chef vom US-Unternehmen Castleton, zwar: „Künftig wird sich jeder Händler durch eine Spezialisierung auf bestimmte Lieferketten hervorheben.“ Letztlich aber haben die Händler kaum eine Wahl: Die Konkurrenz nimmt zu, gerade unter den Platzhirschen.

In manchen Segmenten sprudeln die Gewinne auch nicht mehr wie gewohnt. Während etwa die Ölproduzenten unter dem Verfall des Ölpreises zwischen 2014 und Anfang 2016 einbrach, profitierten die Rohstoffhändler. Sie kauften Öl zu niedrigen Preisen, lagerten es in einem ihrer unzähligen Öltanks bis hin zu Öltankern auf dem Meer, um den Rohstoff zu gestiegenen Preisen deutlich teurer zu verkaufen.

„Im vergangenen Jahr dominierte Öl unser Geschäft. Jetzt ist es ausgeglichener“, kommentiert Christophe Salmon, Finanzchef von Trafigura die Zahlen laut Financial Times nüchtern. Die Schwierigkeiten im Ölgeschäft bekam auch Glencore zu spüren. Der Händler aus Baar konnte zwar die Menge gehandelten Öls deutlich von 1,76 Milliarden Barrel im Jahr 2016 auf 2,06 Milliarden Barrel steigern. Der Nettogewinn aus dem Ölhandel aber stagnierte bei 280 Millionen Dollar.

Dass sich das Ölgeschäft entspanne, glauben die Händler nicht. Der Metallhandel ist der neue Hoffnungsträger. Denn Nickel, Kobalt, Lithium und Kupfer sind dank dem Hype um Elektroautos und Batterien als Speichermedium für erneuerbare Energien gefragter denn je – und bei einer Reihe der wichtigsten wie Kupfer, Kobalt und Nickel droht in den kommenden Jahren ein Angebotsdefizit.


Umstrittene Republik Kongo

Die Gewinne in Trafiguras Metall- und Bergbaugeschäft stiegen im vergangenen Jahr um 52 Prozent auf 586 Millionen Dollar. Das Handelsvolumen kletterte um mehr als ein Drittel. Künftig möchte Trafigura seinen Handel mit Kobalt und Nickel ausbauen.

Am stärksten könnte Glencore von einer größeren Batterieproduktion profitieren. Der Rohstoffhändler- und Bergbaukonzern hat sich frühzeitig reiche Kobalt-Vorkommen in der Demokratischen Republik Kongo gesichert. Heute stammen zwei Drittel der weltweiten Kobaltproduktion aus der DRK.

Kobalt gilt als elementarer Bestandteil der Batterien und bislang als nicht ersetzbar. Entsprechend gefragt ist der Rohstoff: Erst vor wenigen Tagen verkündete Glencore einen Deal mit dem chinesischen Autobauer GEM, der sich ein Drittel der Produktion bis 2020 sicherte.

Nichtregierungsorganisationen kritisieren immer wieder, dass die Händler und Minenkonzerne ihre Profite auf dem Rücken ärmerer Staaten erwirtschaften. Gerade Glencore, der Konzern aus Baar, der sowohl Händler als auch Minenkonzern ist bei Menschenrechtlern ein rotes Tuch. Kein Wunder, wo Glencore doch allein für fast ein Viertel der globalen Kobaltproduktion steht.

Erst vor kurzem hat die Regierung der Demokratischen Republik ein neues Bergbau-Gesetz verabschiedet. Die Unternehmen sollen mehr Steuern und Lizenzgebühren zahlen. So sollen beispielsweise die Lizenzgebühren auf Kobalt um das fünffach auf zehn Prozent steigen.

Glencore-Chef Glasenberg passt das nicht. „Diese Länder brauchen uns und unsere Investitionen“, sagt Glasenberg auf dem FT Commodities Summit. Ohne die Händler, so die Logik, hätten sie weder das Know-How noch die Technik, um den wertvollen Rohstoff abzubauen. „Wir haben sieben Milliarden Dollar investiert. Wir zahlen Steuern und wir zahlen Abgaben“, klagt Glasenberg. Ändern sich die Rahmenbedingungen, könnten sich auch die Zukunftspläne und die Investitionspläne ändern.

Einen Abzug aus der DRK kann sich Robert Friedland, Chef von Ivanhoe Mining, das eine Kupfermine im Kongo betreibt, wegen des neuen Gesetzes aber nicht vorstellen. „Seien Sie doch nicht albern“, erwidert er der Frage des Financial Times-Redakteur Neil Hume. Die Vorräte seien zu gut. Die DRK ist heute schon der größte Kupferproduzent Afrikas.

Mark Cutifani, Chef des Bergbaukonzerns Anglo American erwidert auf den schlechten Ruf der Branche angesprochen: „Wir müssen besser kommunizieren und unsere Beiträge zu lokalen Gemeinschaften erläutern, in Dialog mit Nichtregierungsorganisationen treten.

Der Kobaltabbau ist umstritten. Nichtregierungsorganisationen kritisieren unsichere Arbeitsmethoden, Korruption und Kinderarbeit. Immerhin: Kritisieren draußen die Demonstranten, organisiert vom „Kollektiv gegen die Rohstoffspekulation“, keinen Zugang zu bekommen, so sind drin, wenn auch in kleiner Zahl, ebenfalls Nichtregierungsorganisationen vertreten, etwa durch Heske Verburg von Solidaridad Europe oder Mark Dummett von Amnesty International.

So gebe es in der Demokratischen Republik Kongo etwa zahlreiche kleine, illegale Minen, erläutert Dummett. Immer wieder, so lautet der Vorwurf der Nichtregierungsorganisationen, landen diese Metalle auch im globalen Handel. Das nachzuweisen ist schwer.

Bei der Lösung der Probleme stehen die Menschenrechtler auch vor einem Dilemma: Die illegalen Minen auf einen Schlag zu schließen mache zahlreiche Menschen arbeitslos, was die ohnehin angeschlagene gesellschaftliche Stabilität weiter verschlechtern könnte. „Man könnte einzelne Minen in bestimmten Regionen zu Genossenschaften zusammenschließen“, skizziert Dummett einen Lösungsvorschlag.

Draußen, vor dem Hotel, appelliert Melinda Tschanz an das Verantwortungsbewusstsein der Händler: „Es geht uns nicht darum die Händler zu dämonisieren“, sagt Tschanz. Sie kenne selbst einige Händler. Trotzdem sollten über den Profiten immer die Menschenrechte stehen.

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