WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Rohstoffrally Was ist dran am Superzyklus?

Die wachsende Weltbevölkerung, die Politik und das Klima werden die Rohstoffpreise in Zukunft in die Höhe treiben, sagen Experten. Es ist die Geschichte vom Superzyklus. Nur wird meist nicht alles erzählt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Bei der Prognose der Rohstoffpreise gehen die Meinungen auseinander. Quelle: dpa

Frankfurt Rohstoffe sorgen bei den Investoren für Furore. Da Experten erwarten, dass es in den kommenden Dekaden ein kräftiges Wachstum der Weltbevölkerung gibt, ist es zu einem massiven Kapitalfluss in die Anlageklasse Rohstoffe (Energie, Metalle, Agrar) und Urstoffe (Wasser, Erde, Luft) gekommen. Die handelnden Akteure in der Wirtschaft wissen, dass ein Leben auf der Erde ohne diese elementaren Basisstoffe nicht möglich ist. Die Nachfrage dürfte in den kommenden Jahren daher stark zunehmen.

Die Preise für Rohstoffe werden durch traditionelle ökonomische Einflüsse wie die Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft und die demografische Entwicklung bestimmt. Darüber hinaus wirken auch weniger berechenbare Faktoren wie etwa das Klima und politische Einflüsse auf die Rohstoffpreise ein.

Vor allem wegen der steigenden Nachfrage der boomenden Länder Asiens bildete sich im Zeitraum von 2000 bis 2008 ein Rohstoff-Superzyklus heraus. Solche Superzyklen erstrecken sich in der Regel über einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren und mehr. Der im Jahr 2000 einsetzende Superzyklus ist inzwischen mehrmals an seine Grenzen gestoßen. Die Ermüdung der Rohstoffhausse hatte ihre Ursachen zum einen in der Finanzkrise und zum anderen in der aktuellen Erwartung einer krisenbedingten Rezession. Denn nehmen die Regierungen der hochverschuldeten Staaten in Europa, in den USA und auch in Japan die angekündigte Entschuldung wirklich ernst, könnte es in diesen Regionen zu einer längeren rezessiven Entwicklung kommen.

Nach den Erfahrungen der Vergangenheit wird dies die Rohstoffnachfrage dämpfen, was entsprechend negative Einflüsse auf die Preise haben wird. Vor allem deshalb lag der CRB-Rohstoff-Index in den vergangenen Wochen bei etwas über 300 Punkten - deutlich unter dem historischen Hoch von rund 475, das er im Juli 2008 erreicht hatte. Von November 2001 bis Juli 2008 war dieser bekannteste Rohstoffindex um rund 160 Prozent gestiegen, hatte sich danach in der Finanzkrise jedoch wieder mehr als halbiert.

Experten wie Australiens Rohstoff- und Energieminister Martin Ferguson sehen in der jüngsten Korrektur der Rohstoffpreise bereits die Vorboten für das anstehende Ende des Superzyklus. Ferguson hatte dieses Ende vor dem Hintergrund der drohenden globalen Rezession und einer Ankündigung des australischen Rohstoffriesen BHP Billiton ausgerufen. BHP plant, eine mehr als 20 Milliarden Dollar erfordernde Erweiterung des riesigen Olympic-Dam-Kupferprojekts in Südaustralien sowie weitere geplante Rieseninvestments in gleicher Größenordnung auf unbestimmte Zeit zu verschieben.


Rohstoffarmes Deutschland muss vorausplanen

Auch Chinas Rohstoffriese MMG spricht davon, dass die Zeiten ständig steigender Rohstoffpreise vorbei seien und es zu "sensiblen Anpassungen" kommen werde. Andere wie Tom Albanese, Vorstandschef des Minengiganten Rio Tinto, sind da allerdings völlig anderer Ansicht. "Das langfristig positive Bild der Rohstoffmärkte hat sich aus meiner Sicht nicht verändert", sagt Albanese. Auch Glenn Stevens, der Chef der australischen Notenbank sieht kein Ende des Booms.

Besonders für rohstoffarme Industrieländer wie Japan und Deutschland ist die sichere Rohstoffversorgung von essenzieller Bedeutung. Doch gerade in Deutschland hat es lange Zeit am notwendigen Problembewusstsein gemangelt. Rohstoffe, so war hierzulande lange Zeit die Sichtweise, waren in ausreichenden Mengen und zu auskömmlichen Preisen verfügbar.

Knappheiten waren jahrzehntelang unbekannt. Doch die Verschiebung der ökonomischen und geopolitischen Machtverhältnisse in der Welt hat die Situation verändert. Politikern und Wirtschaftsunternehmen in Deutschland ist inzwischen klar, dass weltweit ein Kampf um Rohstoffe entbrannt ist, aus dem Gefahren für den Industriestandort resultieren. So ist zum Beispiel die fast monopolartige Stellung, über die China bei Seltenen Erden verfügt, ein Weckruf für Unternehmen in den westlichen Ländern.

Wenn die steigende Weltbevölkerung auch in Zukunft ausreichend mit Rohstoffen versorgt werden soll, müssen Politiker, Unternehmen und Verbraucher nicht nur den Zugang zu solchen seltenen Rohstoffen sichern. Es gilt darüber hinaus auch, die Weichen für eine ressourcenschonende Zukunft zu schaffen. "Der billigste Rohstoff ist letztlich der, der nicht verbraucht wird", sagt Peter Kausch von der TU Bergakademie im sächsischen Freiberg. Ein effizienter Umgang mit den verfügbaren Ressourcen ist ebenso notwendig wie die Wiederverwertung von Rohstoffen. Gerade auf diesem Gebiet des Recyclings hat Deutschland eine ganze Menge zu bieten. Dass die Politik allerdings die Forschungsetats mancher Universitäten kürzt, passe nicht in dieses Bild, sagt Jörg Matschullat, Dekan der Fakultät für Geowissenschaften und Bergbau an der führenden deutschen Ressourcen-Universität in Freiberg.

Um das Bewusstsein für Rohstoffe auch in der breiten Bevölkerung zu stärken, bietet es sich an, die bisher auf verschiedene Ministerien und Ämter fokussierte Rohstoffpolitik in einem eigenen Rohstoff-Ministerium zu bündeln. Das wäre ein eindeutiges Signal sowohl in Richtung Wirtschaft als auch in Richtung Verbraucher.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%