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Russlands Börsen Warnung vor dem Staat

Russlands Präsident Dmitri Medwedew will Moskau zum globalen Finanzplatz ausbauen. Doch Russlands Untenrehmen meiden die Moskauer Börse und gehen lieber nach New York, London oder Frankfurt - aus einsichtigem Grund.

Micex Moskau Quelle: Reuters

Es war Russlands Börsencoup des Jahres, als der Moskauer Suchmaschinen-Betreiber Yandex am vorigen Dienstag aufs Parkett trat. Anleger rissen sich um die Papiere der Internetseite, die im Osten weitaus populärer ist als der globale Platzhirsch Google. Bis zur Emission waren die Papiere zehnfach überzeichnet, nach Handelsbeginn stieg der Titel um fast die Hälfte. Das Internet-Unternehmen wäre somit rund zwölf Milliarden Dollar wert – bei einem Umsatz von knapp 500 Millionen.

Im Kreml hätte man sich über den Börsengang eines russischen Unternehmens freuen können, es war  der erfolgreichste russische IPO aller Zeiten. Doch die Sache hatte einen Haken: Der Moskauer Internetkonzern um Gründer Arkadij Wolosch wollte seine Aktien von Anfang an nicht zuhause im Moskauer RTS- oder Micex-Index platzieren, sondern wählte die New Yorker Technologiebörse Nasdaq.

Privatunternehmen machen einen Bogen um Moskau

Diese Wahl ist kein Zufall: Im Ausland können russische Unternehmen schneller und einfacher sehr viel mehr Geld einsammeln. Die Vorschriften für einen Börsengang sind in London, Frankfurt oder New York transparenter, die Börsenbetreiber fordern aber auch mehr Transparenz bei Börsengängen.

Deswegen sind es gerade private Unternehmen, die einen großen Bogen um Moskau machen: Yandex warnte im Prospekt für die Anleger in New York davor, dass der Staat auf russische Unternehmen Einfluss nehmen könnte – auch wenn die Muttergesellschaft des Suchmaschinenbetreibers eine niederländische Holding ist. Der weltgrößte Aluminiumhersteller Rusal, der voriges Jahr in Hongkong und Paris Aktien ausgab, ging mit ähnlichen Warnungen in die Offensive.

Am Börsenplatz Moskau konzentrieren sich derzeit vor allem Staatskonzerne wie Gazprom oder Rosneft. Die Rohstoff-Förderer, darunter auch der private Ölkonzern Lukoil, sind für mehr als die Hälfte aller Börsenumsätze verantwortlich. Dies führt dazu, dass die Leitindices Micex und RTS stark von den Schwankungen der Rohstoffpreise abhängig sind.

Dieses Jahr ist das wieder deutlich zu sehen: Als ein Barrel Öl der russischen Sorte Urals bei knapp 120 Dollar notierte, lag der RTS-Index etwa 25 Prozent höher als im Januar, der Micex war um fünf Prozent gestiegen. Die Unterschiede liegen darin begründet, dass im Micex in Rubel und im RTS in Dollar gehandelt wird. Als der Ölpreis Ende April nachgab, zogen rasch auch die Moskauer Leitindices nach. Die Banken, gleich nach den Rohstoffwerten die stärksten Titel an den Moskauer Börsen, konnten den Kurssturz nicht aufhalten.

Fusion soll Moskau zum globalen Finanzplatz machen

Jetzt bereitet die russische Regierung die Fusion der beiden Indices vor. Zunächst soll Micex die Kontrollmehrheit an der RTS-Börse übernehmen, in zwei bis drei Jahren könnte ein Börsengang folgen. An einer fusionierten Großbörse, sagen Experten, lässt sich sehr viel leichter Kapital generieren als an zwei konkurrierenden kleinen Börsen.

Die Fusion der Börsen gilt als wichtiger Baustein in einem großen Mosaik: Präsident Dmitri Medwedew will Moskau zum globalen Finanzplatz machen. Der Mann, der die Träume des Kremlchefs in der Realität umsetzen soll, heißt Alexander Woloschin. Als Leiter einer Expertengruppe zur Reform des Finanzplatzes hat er große Pläne: Er bereitet ein Einlagensicherungssystem vor, will Steuergesetze im Sinne von Anlegern ändern, auch ein Gesetz über den Insiderhandel ist in Planung.

Warnung vor zu hohen Erwartungen

Vor allem macht der Politologe Druck auf Unternehmen, künftig verstärkt den Finanzplatz Moskau zu nutzen. Ein Großteil des rund 23 Milliarden Euro schweren Privatisierungsprogramms der russischen Regierung soll in Moskau verkauft werden. Bereits jetzt zeigt sich, dass private wie staatliche Unternehmen verstärkt Rubel-Anleihen in Moskau emittieren – was freilich auch an der Schwäche des Dollars liegen könnte.

Internationale Experten begrüßen die Anstrengungen, warnen aber vor allzu großen Erwartungen. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann warnte beim Weltwirtschaftsforum in Davos: Wenn ein Land künstlich ein Finanzzentrum schaffe, dürfe die Erweiterung der realwirtschaftlichen Basis nicht vernachlässigt werden. Sonst laufe man Gefahr, neue Blasen zu schaffen. Ackermann stößt sich wohl primär daran, dass Russland im Unterschied zum Rest der Welt keine Anstalten macht, den Derivatemarkt zu regulieren.

Der Weg zum globalen Finanzplatz Moskau, so viel steht fest, ist noch sehr weit – zumal die Börsenstars nach New York und London ziehen statt zuhause in Moskau zu bleiben.

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