"Sell in May and go away" Die Börsenweisheit gilt 2015 nicht

Jedes Jahr vor dem Sommer ertönt die Börsenweisheit "Sell in May and go away". Warum Anleger damit in diesem Jahr falsch liegen.

Die besten Börsenweisheiten
Pik-König und Pik-Ass Quelle: dpa
Schotten im Kilt Quelle: dpa
„Besitzer von Zinspapieren schlafen gut. Aktionäre hingegen leben gut.“ Quelle: dpa
eine Frau beißt in einen Burger Quelle: dpa
US-Investor Warren Buffett Quelle: dpa
Eine Schafherde Quelle: dpa
Roulette-Tisch Quelle: dapd
Schwarzwälder Kirschtorte Quelle: dpa
Anleger an der US-Börse Quelle: AP
Minenarbeiter Quelle: AP
„The trend is your friend.“ Diese Börsenweisheit geht davon aus, dass sich ein bestehender Trend in der Regel fortsetzen wird. Quelle: AP
Tabletten Quelle: dpa
Burton Malkiel, US-Ökonom und Autor
Gordon Gekko, Spekulant aus dem Film „Wall Street“ Quelle: dapd
Bündel mit 20-Euroscheinen Quelle: dpa
„Wenn Du den Wert des Geldes kennenlernen willst, versuche, dir welches zu borgen.“ (Benjamin Franklin) Quelle: AP
Ein Mann mit einem roten Regenschirm geht über den Schlossplatz in Stuttgart. Quelle: dpa
„An der Börse sind zwei mal zwei nicht vier, sondern fünf minus eins - und man muss die Nerven haben, dieses minus eins auszuhalten.“ (André Kostolany) Quelle: dpa
Helmut Schmidt Quelle: dpa
John Kenneth Galbraith, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Autor Quelle: AP

Mit Börsenweisheiten ist das so eine Sache. Sie mögen ein Indiz für mögliche Kursbewegungen liefern, mehr aber auch nicht. Das zeigt sich auch in diesem Jahr. Pünktlich vor Beginn des Sommers tönt es aus allen Ecken: „Sell in May and go away... but remember to come back in September”. Aber wäre das wirklich klug?

Zu wörtlich sollten Anleger das Sprichwort nicht nehmen. Ursprünglich basiert es auf der Annahme, dass die Kurse in den Sommermonaten im Vergleich zum Rest des Jahres deutlich volatiler sind. Händler und Privatanleger genießen das gute Wetter, das Handelsvolumen sinkt, einzelne Ausreißer fallen dadurch stärker ins Gewicht.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Gerade der September gilt historisch als schlechter Börsenmonat. Allerdings haben Sonderereignisse durch Verzerrung einen erheblichen Teil dazu beigetragen – unter anderem die Terroranschläge am 11. September 2001 und die Lehman-Pleite 2008.

„Es gibt gute Börsenweisheiten“, sagt Michael Piesche von der Vermögensverwaltung Unikat. Wer allerdings jede davon als Anlass für Handel nehme, der käme aus dem Handeln gar nicht mehr heraus. Zudem, mahnt Piesche, sei es gerade in den letzten Jahren ab Juli oft zu nicht unerheblichen Gewinnen gekommen.

Die nutzlosesten Börsenweisheiten
"The Trend is your friend""Der Trend ist dein Freund" gehört wohl in die Kategorie der irreführenden Börsenweisheiten. Denn es animiert Anleger dazu, einem Aufwärts- oder Abwärtstrend durch Käufe oder Verkäufe von Wertpapieren zu folgen, blendet dabei aber aus, das Trends endlich sind und auch jäh kippen können. Das Problem: Die Gefahr ist hoch, dass der Anleger zu spät auf den fahrenden Zug aufspringt und er bis zu der Erkenntnis, dass sich der Freund "Trend" von einem abgewendet hat, hohe Verluste eingefahren hat. Gerade in turbulenten Börsenzeiten wie in den vergangenen Jahren wechseln Trends sehr häufig und sehr schnell. Quelle: "Sell in May and go away - Was die Börsenweisheiten von Kostolany, Buffett und Co. heute noch taugen", von Jessica Schwarzer (Handelsblatt), erschienen im Börsenbuchverlag im Dezember 2013, sowie eigene Recherchen. Quelle: dpa
"Sell in may and go away"Eine weit verbreitete Börsenweisheit, die die Entscheidung zu kaufen oder zu verkaufen anhand des Kalenders propagiert. Doch leider hält sich die Kursentwicklung an der Börse nicht an Termine. Zwar nimmt der Handel in den Sommermonaten oftmals ab und im Herbst wieder zu, doch gibt es in der Historie auch reichlich Gegenbeispiele. Etwa den Mai 2013, als der deutsche Hauptindex Dax seine Rekordjagd begann und nur in diesem einen Monat um sechs Prozent zulegte. Letzten Endes ist es nicht das Datum, sondern die erwartete Wirtschaftslage, die über Auf und Ab an der Börse entscheidet. Quelle: Fotolia
"Timing ist alles"Jeder möchte Aktien gerne kaufen, wenn die Kurse auf dem Tiefpunkt sind, und verkaufen, wenn sie ihren Zenit erreichen. Das Problem: Wann Hoch- oder Tiefpunkt erreicht wurden, wissen Anleger erst im Nachhinein. Denn leider klingelt kein Wecker, wenn die Kauf- und Verkaufskurse optimal sind. Nicht einmal Profis gelingt das perfekte Timing ohne eine große Portion Glück - aber sie erkennen, wann eine Aktie günstig bewertet oder schon zu teuer ist und verfolgen meist eine langfristige Strategie. Wer aber versucht, immer in die Kurstäler und -spitzen zu handeln, generiert hohe Handelsgebühren, die viel von der Rendite aufzehren. Hier gilt eher der Börsenspruch: "Durch eine verpasste Gelegenheit ist noch niemand arm geworden." Gleiches gilt für Gewinnmitnahmen bevor der Kurs seinen Gipfel erklommen hat. Quelle: dpa
"Beim Denken ans Vermögen, leidet oft das Denkvermögen"Diesen Spruch gibt es auch in vereinfachter Form: Gier frisst Hirn. Zwar neigt die Psyche des Menschen dazu, sich die eigenen Fehler schönzureden und wer allzu gierig ist, schlägt leicht über die Stränge oder geht allzu vollmundigen Versprechen oder gar Betrügern auf den Leim. Aber im Grunde ist diese Erkenntnis nutzlos, denn schließlich kann sich kein Anleger seiner Psyche entziehen. Der einzige Rat der daraus folgt, sollte für Anleger an der Börse eigentlich eine banale Selbstverständlichkeit sein: Bewerten Sie die Fakten so objektiv wie möglich und verlassen Sie sich nicht einfach auf ihr Bauchgefühl. Das weiß aber jeder Anleger, der schon einmal zulange an einem Wertpapier festgehalten und dadurch schmerzliche Verluste gemacht hat. Quelle: dpa
"Buy on bad news, sell on good news"Grundsätzlich ist es ja richtig: Gibt es zu einer Aktie schlechte Nachrichten, fällt in der Regel der Kurs, und das Papier kann billig gekauft werden. Aber häufig sind bei Unternehmen in Schwierigkeiten ganze Serien schlechter Nachrichten zu beobachten, so dass die Kurse immer noch tiefer fallen. Woher sollen Anleger auch wissen, ob es nicht noch schlimmer kommt? Umgekehrt gilt das ebenso: Es gibt Unternehmen, die regelmäßig mit ihren Ergebnissen die Markterwartungen übertreffen. Wer gleich bei der ersten positiven Überraschung verkauft, verpasst womöglich das Beste. Beispiele dafür waren in der Vergangenheit etwa Werte wie Apple oder Google. Was die Zukunft aber bringt, kann kein Anleger wissen. Quelle: AP
Hermann Josef Abs und Josef Fischer Quelle: Picture-Alliance/dpa
"Ein Spekulant der auf fallende Kurse setzt, gräbt eine Grube, in die andere hineinfallen."Hintergrund ist, dass zum Beispiel Hedgefonds Aktien verkaufen können, die sie gar nicht besitzen. Geschieht das in großer Menge, fallen die Kurse und der Spekulant kann die Aktien günstiger kaufen, um seine Verkaufsposition auszugleichen - und erzielt so einen Spekulationsgewinn auf Kosten der anderen Aktionäre. Die Erkenntnis hilft einem Privatanleger jedoch wenig, denn mit seinen kleinen Handelspositionen ist er dem Auf und Ab durch derlei Kursmanipulationen zunächst ausgeliefert. Ist der Kurssturz jedoch nicht durch fundamentale Daten wie Umsatz, Gewinn oder Cash-Flow eines Unternehmens untermauert, dürfte sich eine so heruntergeprügelte Aktie in der Folge wieder erholen. Anleger können die Schwächephase also aussitzen. Quelle: dpa
"An der Börse kann man nur 100 Prozent verlieren, aber 1.000 Prozent gewinnen."Frank Lehmann, der ehemalige Börsenberichterstatter der ARD, verstand es, die Börse dem Publikum mit einfachen Worten und auf unterhaltsame Weise näher zu bringen. Mitunter waren seine Sätze jedoch allzu zugespitzt. Denn wer "nur" alles verloren verloren hat, dürfte die Nase von der Börse gestrichen voll haben. Die Verzehnfachung des Investments ist zwar möglich, aber auch eher eine Ausnahmeerscheinung. Was dem Satz aber unzweifelhaft innewohnt, ist vielmehr, das hohe Risiken auch mit großen Chancen einhergehen. Des Risikos sollten sich Anleger dabei aber immer bewusst sein - und an der Börse nur Geld investieren, auf dass sie schlimmstenfalls verzichten können. Quelle: dpa
"Börsensignale sind wie Musik, man benötigt eine Antenne um sie aufzufangen, um dann den Rhythmus zu erkennen."Mit musikalischem Verständnis kommt man an der Börse nicht weit, nicht einmal bei den Aktien von Konzertveranstaltern oder Tickethändlern. Der Ausspruch ist genauso gefährlich, wie das Festhalten an einem Trend oder das Vertrauen auf das Bauchgefühl. An Börsen wird auf die wirtschaftliche Zukunft von Unternehmen gewettet - und die einzigen Anker dafür sind die Börsenbewertung, die Geschäftszahlen, die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und die mehr oder minder fundierten Erwartungen zur Zukunft. All das müssen Aktionäre berücksichtigen - sonst spielt die Musik ohne sie oder endet jäh. Quelle: dpa
"Man kann auch durch Zufall die richtigen Entscheidungen treffen."Der Satz ist zweifellos richtig. Da sich der Zufall jedoch nicht planen lässt, ist der Satz eher nutzlos. Sollte damit gemeint sein, dass sich Anleger bei ihren Anlageentscheidungen vom Zufall leiten lassen können, ist der Spruch sogar gefährlich. Es stimmt zwar, dass eine zufällige Auswahl von Wertpapieren in Versuchen mit Affen ähnlich erfolgreich war, wie die gezielte Auswahl durch gestandene Fondsmanager. Langfristig zahlt sich jedoch die gezielte Auswahl von Wertpapieren aus, weil Verluste möglichst vermieden werden. Schließlich investieren Anleger in Unternehmen, die Geld verdienen wollen. Ein Spiel am Roulettetisch kann hohe Gewinne bescheren - ein Investment ist es jedoch nicht. Und am Ende gewinnt immer das Casino. Quelle: dpa

Ein solches Hoch erwartet auch Robert Rethfeld von Wellenreiter Invest ab Mitte Juni. Deswegen sollten Anleger die Ansage „sell in May“ lieber nicht allzu wörtlich nehmen. Ratsamer seien Gewinnmitnahmen bei Kurssprüngen.

Ein kompletter Ausstieg aus Aktien ist für Analysten dagegen gar nicht ratsam, angesichts der niedrigen Zinsen fehlt es weiter an möglichen Anlagealternativen.

Ein gutes hat die Börsenweisheit allerdings: sie lenkt die Aufmerksamkeit der Anleger auf mögliche schwankende Kurse. Denn Risikofaktoren wie die unsichere Zukunft Griechenlands, eine mögliche Zinswende in den USA oder die schwelende Ukraine-Krise gibt es durchaus.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Wer aber die Kurse im Blick hat und rechtzeitig reagieren kann beziehungsweise die richtigen Absicherungsmaßnahmen trifft, der sollte mittelfristig von den positiven Kursfaktoren profitieren. Dazu gehört nicht nur das Geld aus dem Anleihekaufprogramm der EZB, sondern auch der niedrige Ölpreis und der schwache Euro.

Fazit: angesichts der Höchststände an den Börsen müssen Anleger wachsam sein wie nie. Gewinnmitnahmen können Sinn machen, ein Ausstieg ist aber nicht angebracht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%