Shutdown

Das Gerangel um den US-Haushalt gleicht einer schlechten Sitcom

In einem Gastbeitrag zeigt Vermögensverwalter Guy Kieffer die Ähnlichkeiten des US-Haushaltsstreits mit einer amerikanischen Serie auf. Und erklärt auch, warum es nicht so schlimm ist, mal eine Folge zu verpassen.

Wer unter dem Shutdown leidet – und wer profitiert
Auch die für Freitag geplante Veröffentlichung der US-Arbeitslosenzahlen fällt dem Verwaltungsstillstand zum Opfer. Die Arbeitslosenquote und die Angaben zu den neu geschaffenen Jobs im September würden zu einem späteren Zeitpunkt verkündet würden, hatte das US-Arbeitsministerium am Donnerstag in Washington mitgeteilt. Ein neuer Termin wurde zunächst nicht genannt. Ein Großteil der Mitarbeiter des Ministeriums befindet sich im Zwangsurlaub. Quelle: dpa
Vom Shutdown der US-Verwaltung seit drei Tagen sind auch Bereiche der Luftfahrtaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) betroffen. Auch wenn der Luftverkehr in den USA laut der FAA wie üblich verlaufe, schrillen bei den Unternehmen der Branche bereits die Alarmglocken. Denn während des Shutdowns wird die FAA keine Zertifizierungen vornehmen – damit können die Maschinen nicht ausgeliefert werden. Flugzeugbauer Boeing fürchtet nun um den Zeitplan für die Produktion des Dreamliners. Die Boeing 787 (hier ein Foto der Maschine mit Flugsimulator), die in South Carolina gebaut werden, seien vom Shutdown direkt betroffen, teilte Boeing mit. Flieger, die im Bundesstaat Washington gebaut werden, sind dagegen nicht betroffen. Die FAA hat die Aufgaben dort ausgelagert. Quelle: AP
Boeings europäische Konkurrent Airbus bekam die Folgen bereits am ersten Tag des Shutdowns zu spüren. Der Flugzeugbauer konnte ein Flugzeug an die amerikanische Fluggesellschaft Jetblue (hier ein Jetblue-Flugzeug) nicht ausliefern, weil eine offizielle Absegnung nicht möglich war. Die Maschine ist laut Informationen des Wall Street Journal immer noch nicht an ihrem Ziel angekommen. Jetblue musste eine offizielle Empfangszeremonie für den A320 aus diesem Grund abbrechen. Quelle: REUTERS
Auch der Industriekonzern United Technologies hatte am Mittwoch bereits angekündigt, schlimmstenfalls mehr als 5000 seiner Mitarbeiter in Zwangsurlaub schicken zu müssen, wenn der „Government Shutdown“ bis zum November anhalte. 2000 Mitarbeiter würden schon ab Montag nach Hause geschickt, 2000 weitere wohl im Laufe der Woche. Zu United Technologies gehören der Hubschrauberbauer Sikorsky, der Triebwerkshersteller Pratt & Whitney sowie der Luftfahrtzulieferer UTC Aerospace Systems. Diese beliefern auch das US-Militär, etwa mit dem Kampfhubschrauber Black Hawk (Foto). Bei der Fertigung müssten staatliche Inspektoren anwesend sein, erläuterte der Konzern. Die fehlten nun aber wegen die Lahmlegung der Regierungsbehörden. Bestimmte Produktionen müssten deshalb angehalten werden. Quelle: REUTERS
Der britische Luftfahrt- und Rüstungskonzern BAE Systems rechnet ebenfalls damit, dass zehn bis 15 Prozent seiner 34.500 Mitarbeiter in den USA von dem Stillstand in Mitleidenschaft gezogen würden. Quelle: REUTERS
Der Lkw- und Motorenbauer Navistar erklärte, dass alle neuen Militäraufträge auf Eis lägen und die Bezahlung für erledigte Arbeiten verzögert würde. Quelle: dpa
Besonders stark betroffen vom Stillstand der Verwaltung sind US-Unternehmen mit hohem Exportanteil. Denn sie können Zollformalitäten (hier Mitarbeiter des US-Zolls) nicht erledigen. Superior Products etwa, ein Hersteller von Gasventilen, liefert nach eigenen Angaben zwischen 30 und 40 Prozent seiner Produkte ins Ausland. „Wenn wir wegen unerledigtem Papierkram und Kontrollen beim Export gebremst werden, würde uns das ganz schön wehtun“, sagte Manager Greg Gens dem Wall Street Journal. „Es würde nicht lange dauern, bis unsere Kunden in Übersee anfingen, sich für ihre Bestellungen nach anderen Leuten umzuschauen.“ Quelle: AP
Ausgerechnet die für die Sanktionen gegen den Iran zuständige Abteilung im US-Finanzministerium ist im Zuge des derzeitigen Etatstreits größtenteils beurlaubt worden. Während der Lahmlegung der Regierung reduziert die öffentliche Verwaltung der USA ihre Tätigkeiten auf unerlässliche Aufgaben. Der Kongress in Washington beharre immer wieder darauf, den Druck auf Teheran mit Sanktionen aufrechtzuerhalten. Dennoch würden nun diejenigen, die sich darum kümmerten, in den Zwangsurlaub geschickt, kritisierte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Marie Harf, am Donnerstag (Ortszeit). Damit werde im Atomstreit mit Teheran eine „widersprüchliche Botschaft“ gesendet. (Foto: Screenshot vom iranischen Fernsehen IRIB vom 15. Februar 2012 zeigt Zentrifugen in der Atomanlage in Nathans) Quelle: dpa
Doch es gibt auch Nutznießer des Shutdowns – zumindest in kleinem Rahmen. Das Washington City Paper berichtet von Rekordzahlen beim Bikesharing in der Hauptstadt und beruft sich dabei auf einen Eintrag auf Facebook des lokalen Bikesharing-Unternehmens „ Capital Bikeshare“. Am Dienstag seien 9028 Räder ausgeliehen worden, am Mittwoch 9104 – beides Rekorde. Der Grund: Der öffentliche Verkehr ist wegen des Shutdowns eingeschränkt. Die Washingtoner Metrobetreiber, die Washington Metropolitan Area Transit Authority (WMATA), lässt während des Shutdowns nämlich statt der üblichen acht U-Bahn-Wagen nur vier fahren. Aber es seien wegen des Urlaubs auch 22 Prozent weniger Pendler unterwegs, heilte die WMATA mit. Viele Zwangsurlauber hätten die ersten Tage des Shutdowns dazu genutzt, mit dem Rad zu Freunden oder in den park zu fahren – anstatt mit der U-Bahn zur Arbeit. Quelle: AP

Wer zurzeit als Außenstehender den Haushaltsstreit und das Handeln der Beteiligten verfolgt, dem drängt sich fast zwangsläufig der Verdacht auf, dass er Zuschauer einer US-amerikanischen Sitcom ist. Denn genau so verhalten sich die Beteiligten: Ständig geht eine neue Tür auf und ein weiterer Akteur hat seinen Minuten-Auftritt. Mal ist es der Präsident, der kurzzeitig im Rampenlicht steht, mal ist es ein Republikaner.

Das Problem dieses Schauspiels, das weltweit Milliarden Menschen beobachten, ist allerdings: Die Handlung kann die Zuschauer nicht wirklich amüsieren. Im Gegenteil, sie sorgt sogar für richtig schlechte Stimmung und steigende Unsicherheit. In der breiten Öffentlichkeit ist etwa die Zustimmung für den US-Kongress auf ein Rekordtief gesunken. Zudem brach der Gallup Economic Confidence Index, dem eine Befragung von US-Bürgern nach ihrer Einschätzung des aktuellen wirtschaftlichen Zustands sowie dessen weiterer Entwicklung zugrunde liegt, zuletzt so stark ein wie seit 2006 nicht mehr. Man kann es auch mit anderen Worten ausdrücken: Das Panikbarometer steigt. 

Die Volatilität könnte noch weiter zunehmen

Am Kapitalmarkt nimmt die Nervosität rapide zu. Zwar sind die Kursabschläge in den großen Indizes bislang überschaubar. So haben der Dow Jones und vor allem auch der DAX von ihren im September erreichten Rekordständen bislang nur minimal abgegeben. Doch das Geplänkel zwischen Demokraten und Republikanern hat die Volatilität deutlich erhöht. Und je näher der 17. Oktober rückt – das ist der Tag, bis zu dem sich die Parteien geeinigt haben müssen, um der Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten aus dem Weg zu gehen –, desto stärker könnte die Schwankungsbreite zunehmen. 


Die Qualität der Sitcom, die gerade aus den USA in die ganze Welt ausgestrahlt wird, ist gerade auch deshalb so fragwürdig, weil man wie so oft bei einem solchen Format das Ende vorausahnen kann: Wird der Druck der Märkte erst groß genug sein, müssen die Politiker handeln – dann wird trotz der zwischenzeitlich feurigen Rhetorik aus Washington wohl letztlich keine der Parteien riskieren, dass sie für einen Zahlungsausfall der USA verantwortlich gemacht werden kann. Dann wird man sich einigen – müssen. 

Langfristig orientierte Anleger bleiben gelassen

Für kluge Investoren zahlt es sich einmal mehr aus, dass sie mit einen langfristigen Anlagehorizont planen. Denn sie können dem mehr oder minder schlechten Film, der sich in den USA abspielt, verhältnismäßig entspannt zuschauen. Sie müssen sich von der ganzen „Action“ nicht anstecken lassen. So sehr die aktuelle Unruhe den Markt auch verunsichern mag, auf lange Sicht tritt sie in den Hintergrund. Schließlich unterliegen die Börsen grundsätzlich immer Schwankungen, ob diese nun politisch oder ökonomisch bedingt sind. Mal fallen diese Schwankungen heftiger, mal weniger heftig aus.

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Der langfristig orientierte Investor hat den Vorteil, dass er sich nicht von jeder Schwankung des Marktes beunruhigen lassen muss. Statt auf Nachrichten, politische Entwicklungen oder Konjunkturdaten mit hektischer Betriebsamkeit zu reagieren, investiert und handelt er stets in Ruhe nach seiner langfristig ausgelegten breit streuenden Strategie. Das heißt im Klartext: Wenn das Portfolio bestens diversifiziert in verschiedenen Anlageklassen ist und das definierte Risikoprofil exakt passt, dann braucht ein Anleger nur das Risiko des Portfolios neu zu gewichten.

Das Anpassen an das ursprüngliche Risikoprofil bedeutet schließlich nichts anderes, als eine Anklageklasse zu einem höheren Preis zu verkaufen und eine andere Anlagenklasse zu einem niedrigen Preis zurückzukaufen, ohne dass die Entscheidungen von Emotionen, politischen Entscheidungen oder von panikartigen Presseartikeln gesteuert werden. Die Aufrechterhaltung der strategischen Verteilung des Depots ist von wesentlicher Bedeutung und Hauptgarant für die Performance.Wer diese Strategie befolgt, der muss nicht bei jeder einzelnen Bewegung des Marktes aktiv werden. Oder um im Bild zu bleiben: Wer eine Folge dieser Sitcom verpasst, dem ist nicht viel entgangen.

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