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Shutdown US-Etatstreit schickt Europas Börsen auf Talfahrt

Der weiter schwelende US-Haushaltsstreit hat die europäischen Börsen am Montag auf Talfahrt geschickt. "Bis wir eine Lösung bekommen, halten sich die Anleger ihr Geld für den Fall zurück, dass das Undenkbare passiert", sagte Richard Hunter, Chef des Aktiengeschäfts beim Brokerhaus Hargreaves Lansdown.

Wer unter dem Shutdown leidet – und wer profitiert
Auch die für Freitag geplante Veröffentlichung der US-Arbeitslosenzahlen fällt dem Verwaltungsstillstand zum Opfer. Die Arbeitslosenquote und die Angaben zu den neu geschaffenen Jobs im September würden zu einem späteren Zeitpunkt verkündet würden, hatte das US-Arbeitsministerium am Donnerstag in Washington mitgeteilt. Ein neuer Termin wurde zunächst nicht genannt. Ein Großteil der Mitarbeiter des Ministeriums befindet sich im Zwangsurlaub. Quelle: dpa
Vom Shutdown der US-Verwaltung seit drei Tagen sind auch Bereiche der Luftfahrtaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) betroffen. Auch wenn der Luftverkehr in den USA laut der FAA wie üblich verlaufe, schrillen bei den Unternehmen der Branche bereits die Alarmglocken. Denn während des Shutdowns wird die FAA keine Zertifizierungen vornehmen – damit können die Maschinen nicht ausgeliefert werden. Flugzeugbauer Boeing fürchtet nun um den Zeitplan für die Produktion des Dreamliners. Die Boeing 787 (hier ein Foto der Maschine mit Flugsimulator), die in South Carolina gebaut werden, seien vom Shutdown direkt betroffen, teilte Boeing mit. Flieger, die im Bundesstaat Washington gebaut werden, sind dagegen nicht betroffen. Die FAA hat die Aufgaben dort ausgelagert. Quelle: AP
Boeings europäische Konkurrent Airbus bekam die Folgen bereits am ersten Tag des Shutdowns zu spüren. Der Flugzeugbauer konnte ein Flugzeug an die amerikanische Fluggesellschaft Jetblue (hier ein Jetblue-Flugzeug) nicht ausliefern, weil eine offizielle Absegnung nicht möglich war. Die Maschine ist laut Informationen des Wall Street Journal immer noch nicht an ihrem Ziel angekommen. Jetblue musste eine offizielle Empfangszeremonie für den A320 aus diesem Grund abbrechen. Quelle: REUTERS
Auch der Industriekonzern United Technologies hatte am Mittwoch bereits angekündigt, schlimmstenfalls mehr als 5000 seiner Mitarbeiter in Zwangsurlaub schicken zu müssen, wenn der „Government Shutdown“ bis zum November anhalte. 2000 Mitarbeiter würden schon ab Montag nach Hause geschickt, 2000 weitere wohl im Laufe der Woche. Zu United Technologies gehören der Hubschrauberbauer Sikorsky, der Triebwerkshersteller Pratt & Whitney sowie der Luftfahrtzulieferer UTC Aerospace Systems. Diese beliefern auch das US-Militär, etwa mit dem Kampfhubschrauber Black Hawk (Foto). Bei der Fertigung müssten staatliche Inspektoren anwesend sein, erläuterte der Konzern. Die fehlten nun aber wegen die Lahmlegung der Regierungsbehörden. Bestimmte Produktionen müssten deshalb angehalten werden. Quelle: REUTERS
Der britische Luftfahrt- und Rüstungskonzern BAE Systems rechnet ebenfalls damit, dass zehn bis 15 Prozent seiner 34.500 Mitarbeiter in den USA von dem Stillstand in Mitleidenschaft gezogen würden. Quelle: REUTERS
Der Lkw- und Motorenbauer Navistar erklärte, dass alle neuen Militäraufträge auf Eis lägen und die Bezahlung für erledigte Arbeiten verzögert würde. Quelle: dpa
Besonders stark betroffen vom Stillstand der Verwaltung sind US-Unternehmen mit hohem Exportanteil. Denn sie können Zollformalitäten (hier Mitarbeiter des US-Zolls) nicht erledigen. Superior Products etwa, ein Hersteller von Gasventilen, liefert nach eigenen Angaben zwischen 30 und 40 Prozent seiner Produkte ins Ausland. „Wenn wir wegen unerledigtem Papierkram und Kontrollen beim Export gebremst werden, würde uns das ganz schön wehtun“, sagte Manager Greg Gens dem Wall Street Journal. „Es würde nicht lange dauern, bis unsere Kunden in Übersee anfingen, sich für ihre Bestellungen nach anderen Leuten umzuschauen.“ Quelle: AP

Die USA steuern auf eine Zahlungsunfähigkeit zu, weil sich Republikaner und Demokraten im US-Kongress bislang nicht auf einen neuen Haushalt und die Anhebung der gesetzlichen Schuldenobergrenze von derzeit 16,7 Billionen Dollar einigen konnten. Weil immer noch keine Einigung in Sicht ist und das öffentliche Leben in den USA bis auf weiteres lahm gelegt ist, reagieren die Märkte zunehmend nervöser. Dax und EuroStoxx50 verloren jeweils ein knappes Prozent auf 8539 und 2902 Punkte. Im Gegenzug schossen die Volatilitätsindizes VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen, jeweils etwa zehn Prozent in die Höhe. Am Rohstoffmarkt drückte die Furcht vor den Folgen des US-Haushaltsnotstandes für die Weltwirtschaft die Preise für Rohöl und Kupfer um jeweils etwa 0,8 Prozent.

"Wäre erst einmal klar, dass Gläubiger der Vereinigten Staaten von Amerika zu Geiseln im parteipolitischen Hickhack genommen werden, wäre der Nuklearblitz da", warnte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Denn wenn Amerikas Politiker erst einmal diese Hemmschwelle überschritten hätten, wäre kaum anzunehmen, dass sie noch irgendein Tabu kennen."

Vor diesem Hintergrund nahmen einige Anleger Kurs auf als sicher geltende Häfen. Der Bund-Future, der auf der zehnjährigen Bundesanleihe basiert, legte 24 Ticks auf 140,20 Punkte zu. Gold verteuerte sich um 0,4 Prozent auf 1316,01 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Ein Euro kostete mit 1,3579 Dollar etwas mehr als zum New Yorker Freitagsschluss.

Versorger gefragt - SAP wegen Blackberry-Spekulation tiefer

Bei den Unternehmen konnten sich RWE und E.ON dem Abwärtstrend des Gesamtmarktes entziehen. Die Aktien stiegen um 4,9 beziehungsweise 3,4 Prozent. Börsianern zufolge profitierten die beiden Versorger von unterschiedlichen Nachrichten: Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge will die EU die Subventionspolitik für Erneuerbare Energien in Deutschland umkrempeln. Darüber hinaus hatte die Bank Exane BNP die Papiere von RWE und E.ON hochgestuft.

Unter Druck standen dagegen SAP, die sich um 2,3 Prozent auf 52,89 Euro verbilligten. Börsianer verwiesen auf einen Reuters-Bericht, dem zufolge der angeschlagene Smartphone-Pionier Blackberry auf der Suche nach einem neuen Großaktionär auch beim Walldorfer Software-Konzern angeklopft habe. "Einige Anleger fürchten vermutlich, dass SAP zu viel zahlen könnte", sagte einer von ihnen. Unabhängig davon warnten die Analysten der Deutschen Bank angesichts der bevorstehenden Quartalszahlen mit einer Prognose-Senkung.

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Im Nebenwerte-Index MDax sorgte ein gut zwölfprozentiger Kursrutsch von TAG Immobilien für Aufsehen. Als Auslöser nannten Börsianer einen Bericht der "Welt am Sonntag" über einen angeblichen Interessenkonflikt bei einem privaten Immobilien-Deal des Vorstandschefs Rolf Elgeti. Eine Sprecherin der TAG bezeichnete die Vorwürfe als unfair und teilweise falsch.

An der Mailänder Börse stiegen Banca Monte dei Paschi di Siena (BMPS) um bis zu 5,4 Prozent auf ein Sechs-Wochen-Hoch von 0,23 Euro. Der Verwaltungsrat der ältesten Bank der Welt wollte am Montag einen verschärften Sanierungsplan genehmigen und sich damit die Zustimmung der EU-Kommission zu milliardenschweren Staatshilfen sichern.

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