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Spezial Mittelstand Pensionsrisiken – unterschätzte Gefahr bei Firmenübernahmen

Selten war die Gelegenheit so günstig als Chef-Nachfolger in ein Unternehmen einzusteigen, der Markt ist voll von Übernahme-Kandidaten. Doch Vorsicht: Vor allem familienfremde Interessenten übersehen die Risiken, die Ihnen noch auf Sicht von 20 und mehr Jahren durch nicht ausfinanzierte Pensionszusagen eines Unternehmens drohen können.

Die Pensionsansprüche früherer Angestellter sollten bei Unternehmensübernahmen berücksichtigt werden Quelle: dpa

Kuckucksvögel schaffen es bekanntlich, dass fremde Eltern ihren Nachwuchs aufziehen. Bei Unternehmensübernahmen droht eine vergleichbare Gefahr, nämlich dass Nachfolger unterfinanzierte Pensionszusagen und Betriebsrenten übernehmen. Sie zahlen dann unter Umständen ohne Refinanzierung noch jahrelang Renten an ehemalige Mitarbeiter und deren Hinterbliebene, zu denen sie keinerlei persönlichen Bezug haben.

Übernahme-Interessenten sollten das Thema betriebliche Altersversorgung (bAV) umfassend betrachten. Hier gilt generell die Haftung des Arbeitgebers für erteilte Zusagen, die entsprechend auf einen neuen Inhaber übergeht. Die Prüfung erfordert einen tiefen Blick in die Vertragswerke von Versicherungen, in teils bestehende Versorgungsordnungen oder das Regelwerk jener bAV-Durchführungswege, die das Zielunternehmen bislang gewählt hat.

Vielen Unternehmen fehlen die Rücklagen für Pensionszusagen

Kritisch sind hierbei besonders Direktzusagen zu sehen, auf die mit rund 285 Milliarden Euro die Hälfte aller Deckungsmittel in der bAV entfällt. Um diese Zusagen jedoch tatsächlich zu erfüllen, dürfte schätzungsweise ein ungefähr ebenso hoher Betrag in den Bilanzen aller deutschen Unternehmen fehlen.

Zur Person


Etwa jedes vierte mittelständische Unternehmen hat nach Erfahrung der diz AG eine oder mehrere direkte Pensionszusagen erteilt, meist für Geschäftsführer oder leitende Angestellte. Dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung zufolge überträgt knapp die Hälfte der Eigentümer ihr Unternehmen an Nachfolger, die nicht der Inhaberfamilie angehören. Daher dürfte hinsichtlich direkter Pensionszusagen bei gut jeder zehnten Firmenübernahme die bezeichnete „Kuckucksgefahr“ bestehen. Darüber hinaus können in jedem Unternehmen bAV-Risiken schlummern.

Wie lässt sich vorbeugen?

Grundsätzlich sollten bei einer Übernahme, egal ob intern oder externer Nachfolgekandidat, die letzten Bilanzen nach Pensionsrückstellungen, Rückdeckungsversicherungen und Betriebsausgaben nach § 4d EStG durchsucht werden. Pensionszusagen müssen bilanziert werden, so dass diese Information eigentlich aufgedeckt sein sollte. Aber Vorsicht! Es gab durchaus  Fälle, in denen Pensionszusagen nicht offengelegt wurden. Daher sollten sich Nachfolger schriftlich zusichern lassen, dass der Verkäufer alle Pensionszusagen inklusive sämtlicher Nachträge, die bestehenden Rückdeckungsversicherungen sowie alle Versorgungsordnungen und Betriebsvereinbarungen auf den Tisch gelegt hat.

Welche Fallstricke gibt es?

Viele: von pauschaldotierten Unterstützungskassen über Bilanzsprungrisiken bei Eintritt biometrischer Risiken, nicht kongruent rückgedeckte Zusagen – die Liste ist lang.

Selbst vermeintlich vollständig ausfinanzierte Zusagen bergen Risiken. Ein Beispiel: Die Altersrente ist komplett über einen Versicherer abgedeckt, aber der Versorgungsberechtigte wird vor Renteneintritt erwerbsunfähig – er hat „Rücken“. In den Vertragsbedingungen mit der Rückdeckungsversicherung wurde jedoch ein Teilrisiko, nämlich zufällig genau „Rücken“, vertraglich ausgeschlossen, nicht aber in der von der Firma erteilten Versorgungszusage für den Invaliditätsfall. Das Unternehmen hat dann die Zahlpflicht, bekommt aber kein Geld vom Versicherer.

Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmenskäufer und -verkäufer die betriebliche Altersversorgung neben der Ausfinanzierung auch hinsichtlich der inhaltlichen Gestaltung überprüfen. Oftmals ist diese nicht den aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst oder die Rückdeckung entspricht nur einem Flickenteppich – Altersrente zum Teil abgesichert, Berufsunfähigkeit zur Hälfte und die Hinterbliebenenversorgung begünstigt unfreiwillig noch den früheren Ehepartner oder wurde ganz vergessen – ganz zu schweigen von Anwartschafts- und Rentendynamiken.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Bevor Unternehmen zur Übernahme angeboten werden, sollte in Sachen bAV „klar Schiff“ gemacht werden. Zur Lösung der Probleme empfehlen Versicherer gerne die Einrichtung von zusätzlichen Rückdeckungsversicherungen. Weitaus eleganter und preiswerter kann eine Neuordnung der bAV sein, zum Beispiel durch den Wechsel des Durchführungswegs. Hierzu ist aber dringend der Rat von bAV-Experten erforderlich. Um den anfänglichen bildlichen Vergleich hier noch einmal aufzunehmen: Die Aufgabe der bAV-Spezialisten sollte es sein, Kuckuckseier aus dem Nest – sprich der Bilanz – zu werfen.

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