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Starker Greenback Der Dollar steigt und steigt - wie lange noch?

Neue Prognosen sehen den Euro im Jahr 2017 nur noch bei 80 US-Cent. Was die Dollarstärke für die US-Wirtschaft bedeutet und warum ein Abwertungswettlauf (noch) unwahrscheinlich ist.

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Die Parität zwischen Dollar und Euro scheint greifbar nahe. Quelle: REUTERS

Bisher wurde der schwache Euro vor allem in Deutschland als Konjunkturprogramm gefeiert. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft könne es kaum besser kommen, hieß es. Mögliche Risiken wurden weitestgehend ausgeklammert, zu gewichtig schienen die Vorteile. Mittlerweile steht die Diskussion allerdings an der Kippe. Denn zentraler als der schwache Euro ist der starke Dollar. Und der droht, das System aus dem Gleichgewicht zu heben.

Aktuell kostet ein Euro nur noch 1,06 Dollar. Allein in diesem Jahr hat Europas Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar rund zwölf Prozent an Wert verloren. Die Parität zwischen beiden Währungen scheint greifbar nah. Zuletzt gab es diesen Patt zwischen Euro und Dollar im Januar 2002, nach dem Zerplatzen der Dotcom-Blase.

Biografische Daten der Fed-Chefin

Während die Parität kaum noch angezweifelt wird, sorgten zuletzt langfristige Prognosen der große Devisenhändler für Unruhe. Zunächst legten die Devisenexperten der Deutschen Bank vor, sie erwarten, dass 2017 ein Euro nur noch 85 US-Cent kosten könnte. Am Freitag legten die Kollegen von Goldman Sachs nach und unterboten den Wert, sie rechnen 2017 mit einem Kurs von 80 US-Cent je Euro.

Kommt es soweit, hätte sich der Kurs halbiert, 2008 kostete ein Euro fast 1,60 Dollar. Stellt sich die Frage, ob derartige Prognosen fundamental gerechtfertigt sind. Ist das Vertrauen der Investoren in die USA so viel höher als in Europa? Wie lange akzeptieren die Vereinigten Staaten einen so starken Dollar?

Unterschiedliche Wege der Währungshüter

Wenig zweifelhaft scheint, dass ein langfristiger Boden noch längst nicht erreicht ist. "Der Euro bleibt unter Druck", analysieren die Experten der Dekabank. Zwar nehme bei Parität das Korrekturpotenzial deutlich zu, dennoch sprechen auch fundamentale Faktoren für eine Abwertung des Euro bis 2016. "Die Geldpolitik stellt für längere Zeit eine zentrale Belastung für den Euro dar", so die Analysten.

Während die Europäische Zentralbank (EZB) um Präsident Mario Draghi immer mehr Euro in den Markt pumpt, um die angebliche Deflationsgefahr im Euro-Raum zu bekämpfen, hat die US-Notenbank Fed ihre Anleihekäufe beendet, könnte in den nächsten Monaten sogar erstmals nach der Krise ihre Zinsen wieder leicht erhöhen. Die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks sind also auf einer ganz anderen Strategie unterwegs - so unterschiedlich wie jetzt waren die Wege der Währungshüter nur selten.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

In der Euro-Zone ist der Weg zunächst klar. Bis September 2016 will die EZB monatlich für 60 Milliarden Euro Anleihen kaufen, an Zinserhöhungen ist noch deutlich darüber hinaus vorerst nicht zu denken. Hinsichtlich der Fed dagegen kommen immer öfter Stimmen auf, die Notenbank könne auf den starken Dollar reagieren. Am kommenden Mittwoch wird es daher wie immer auf jedes Wort von Fed-Chefin Janet Yellen ankommen. Sollte die Fed ihre Haltung zur Zinserhöhung weiter als "geduldig" bezeichnen, rechnen Beobachter mit einer Erhöhung des Leitzins ab Juni.

Christoph Balz, Analyst bei der Commerzbank, rechnet zunächst nicht mit einer Reaktion der Fed auf den starken Dollar. "Unsere Analysen der Geldpolitik der Fed haben keine merkliche Korrelation zwischen Wechselkurseffekten und den geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank gezeigt", erklärt Balz. Viel stärker orientiere sich die Fed an den Wachstums- und Inflationsaussichten. Ein Gegensteuern der Fed - der befürchtete Abwertungswettlauf - sei daher vorerst nicht wahrscheinlich.

Fed-Chefin Yellen will Lohnzuwächse sehen

Tatsächlich spricht auch die Lage der US-Konjunktur nicht unbedingt für ein voreiliges Eingreifen der Fed. Ein Blick auf das Zahlenwerk zeigt, dass die USA der Euro-Zone tatsächlich einiges voraus hat. Vom Arbeitsmarkt kommen immer wieder Erfolgsmeldungen. Die Erwerbslosigkeit fiel im Februar auf 5,5 Prozent und ist damit so niedrig wie seit Mai 2008 nicht mehr. Im Vorjahr lag sie noch bei 6,7 Prozent. Allein im Februar entstanden 295.000 neue Stellen, teilt das Arbeitsministerium in Washington mit. Das ist weit mehr, als Experten erwartet hatten. Das zeigt, dass die nötige Dynamik da ist.

Wie sich EZB und Euro-Länder vor neuen Turbulenzen schützen

Auch wenn die Fed eine mögliche Zinserhöhung ursprünglich an die Arbeitslosenquote geknüpft hatte, will Fed-Chefin Yellen offenbar sicher sein, dass die breite Mehrheit der Arbeitnehmer vom Aufschwung profitiert – und der Job-Boom auch weit über den Niedriglohnsektor hinausgeht. Daher will sie erst einmal größere Lohnzuwächse sehen.

Höhere Löhne würden auch die derzeit niedrigen Inflationsraten tendenziell nach oben ziehen. Aktuell liegt die Teuerungsrate, bedingt durch den Verfall des Ölpreises, bei -0,1 Prozent. Von ihrem Ziel stabiler Preise, welches bei knapp zwei Prozent verankert ist, ist die Fed also noch weit entfernt. Laut Yellen ist mittelfristig aber wieder mit anziehenden Preisen zu rechnen. Dafür könnte auch ein Konsumplus sorgen. Zuletzt war die Stimmung der Verbraucher eher bedrückt - Ökonomen rechtfertigen das allerdings mit dem kalten und schneereichen Winter. Sobald die Temperaturen steigen, könnte auch die Kauflaune wieder zunehmen.

Wenig spricht für Abwertungswettlauf

Zudem sehen viele Volkswirte die Sache mit dem starken Dollar eher positiv, denn die USA sind auf die Europäer als starke Konsumenten angewiesen. „Für den Euro-Raum ist der schwache Euro der einzige Weg für eine konjunkturelle Belebung“, sagt Balz. Von einer stärkeren Euro-Konjunktur würde dann im Gegenzug auch die US-Wirtschaft profitieren.

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Nichtsdestotrotz belastet der starke Dollar die Exporte der großen US-Konzerne. Rund zwei Fünftel der Umsätze der amerikanischen S&P-500-Unternehmen hängen von ausländischen Märkten ab. Chiphersteller Intel musste zuletzt seine Absatzprognosen für das erste Quartal aufgrund der schwächeren Nachfrage nach unten korrigieren. „Der starke Dollar ist ein zweischneidiges Schwert“, sagt Balz. Der Belastung für die US-Exporte steht der mögliche Aufschwung in Europa und die dadurch steigende Nachfrage gegenüber.

Kurzfristig spricht seitens der US-Wirtschaft bisher wenig für einen Abwertungswettlauf. Mittelfristig kann sich das aber schnell ändern, zumal Barack Obama eigentlich den Exportanteil an der Wertschöpfung erhöhen wollte.

In den kommenden Monaten und Jahren wird sich zeigen, wie konsequent und mit welchen Mitteln der US-Präsident dieses Ziel verfolgen will. Denn Anzeichen für einen schnellen Kursumschwung zwischen Euro und Dollar gibt es kaum. Dafür verläuft die Politik der Notenbanken zu unterschiedlich.

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