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Stelter strategisch
An den Weltfinanzmärkten braut sich die nächste Krise zusammen, fast überall gibt es schon Bärenmärkte Quelle: dpa

Die nächste Krise kommt – das sollten Anleger tun

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Der Oktober ist vorbei und eine Zwischenerholung könnte einsetzen. Das ändert nichts daran, dass die Märkte ihren Zenit überschritten haben. Das können Anleger tun.

Während sich bei uns alles um den Teilrückzug von Frau Merkel dreht und erste ernsthafte Diskussionen zur schlechten wirtschaftspolitischen Bilanz ihrer Amtszeit beginnen (siehe auch Ein ernüchternder Blick auf Deutschland), braut sich an den Weltfinanzmärkten die nächste Krise zusammen. Zwar hat es der S&P 500 mit einer kleinen Rallye, die auch den DAX mitgezogen hat, doch noch geschafft, bis Ende Oktober den geringen Jahresgewinn von 1,8 Prozent zu sichern. Die anderen Märkte bleiben jedoch ernsthaft angeschlagen.

Russland, Brasilien und USA noch im Plus

Wie groß die Probleme an den Weltbörsen mittlerweile sind, zeigt ein Blick auf die Entwicklung einzelner Handelsplätze und Marktsegmente. Dabei ist es nicht nur schwer, Märkte zu identifizieren, die noch im Plus liegen. Zunehmend schwer ist auch, Märkte zu finden, die sich noch nicht in einem Bärenmarkt befinden. Von einem solchen spricht man, sobald eine Aktie oder ein Index mehr als 20 Prozent vom Höchststand der letzten zwölf Monate verloren haben.

Gewinner seit Jahresbeginn sind so betrachtet einzig der S&P und die Nasdaq (an dieser Stelle ausführlich diskutiert), die beide mittlerweile ebenfalls den Rückwärtsgang eingelegt haben, sowie die Börsen in Russland und Brasilien. Doch auch diese Märkte notieren unter dem in den letzten zwölf Monaten erreichten Hoch.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich der Hang Seng (Hong Kong), der CSI (China) und der MSCI Emerging Markets Index. Diese drei sind mit Kursverlusten von über 20 Prozent gegenüber dem jüngsten Hoch eindeutig in einem Bärenmarkt. An der Börse von Korea, traditionell ein Land mit großer Signalwirkung für den Zustand der Weltwirtschaft, fehlt nicht mehr viel, um auch von einem Bärenmarkt zu sprechen. Gleiches gilt für den Dax.
Besonders gebeutelt hat es Banken und Automobilwerte. Sowohl der Stoxx 600 Banken wie auch Automobile haben rund 30 Prozent gegenüber dem Höchststand verloren. Dabei gibt es keinen einzigen Wert im Automobilindex, der nicht mindestens 20 Prozent gegenüber dem Höchststand eingebüßt hat. Bei den Banken notiert immerhin noch jede fünfte weniger als 20 Prozent unter dem Höchstkurs der letzten zwölf Monate. Lange dürfte dies angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht mehr der Fall sein.

Indizes wiegen in falscher Sicherheit

Ohnehin ist es gefährlich auf die Indizes zu schauen, wenn man einen Markt beurteilen will. Wir haben an dieser Stelle immer wieder diskutiert, wie dünn die Aufwärtsbewegung an der Wall Street geworden ist. So standen hinter dem Rekord im S&P 500 vor allem sechs Aktien: Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Microsoft und Google (Alphabet). Immerhin ein Drittel der Kursgewinne seit dem Tief vom Februar gingen auf diese Werte zurück. Beim Nasdaq war die Entwicklung noch extremer. Nach Daten von Bloomberg hatten alleine Amazon, Apple, Netflix und Google einen Anteil von 48 Prozent am Durchbruch über 8000 Punkte.

Seither haben Amazon, Google (Alphabet) und Netflix in der Spitze über 20 Prozent verloren, Apple über zehn Prozent. Ende Oktober waren immerhin fast 40 Prozent der Indexbestandteile von S&P 500 und Nasdaq bereits im Bärenmarkt. Nicht besser sieht es im Rest der Welt aus (Anteil der Indexbestandteile im Bärenmarkt):

• MOEX (Russland): fast 40 Prozent
Bovespa (Brasilien): 40 Prozent
• Nikkei (Japan): über 40 Prozent
• STOXX 600 (Europe): über 40 Prozent
• FTSE (UK): über 40 Prozent
• DAX: 60 Prozent
• S&P BSE (Indien): über 60 Prozent
• Hang Seng: 65 Prozent
• KOPSI (Korea): über 80 Prozent
• CSI (China): über 80 Prozent

Man muss kein Charttechniker sein, um diese Zahlen als eindeutiges Warnsignal zu sehen.

Der „Alles-Blase“ geht die Puste aus

Deutlicher kann man nicht unterstreichen, dass es langfristig keinen Wohlstand schafft, wenn Notenbanken ungebremst und billig Liquidität in die Märkte pumpen. Es sind immer nur temporäre Strohfeuer, die angefacht werden. Wobei ich gestehen muss, dass das aktuelle Strohfeuer an den Börsen lange nachgewirkt hat, was auch daran liegen dürfte, dass die Dimensionen historisch einmalig sind. Doch auch dieser „Alles-Blase“, die zeitweise alle Vermögenswerte von Anleihen über Aktien und Immobilien bis hin zu Kunst und anderen Sammlerobjekten getrieben hat, geht immer offensichtlicher die Puste aus. Damit erleidet sie das Schicksal früherer Blasen.

Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass der Dow Jones in Gold gerechnet 1999 seinen historischen Höchststand erreicht hat. Der Euro-Stoxx 50 hatte sein All-Time-High (in Euro!) im März 2000 und liegt 18 Jahre später immer noch über 40 Prozent unter dem Stand von damals. Der Shanghai Composite Index erreichte seinen Höchststand im Oktober 2007 und liegt trotz der beeindruckenden schuldenfinanzierten Expansion in China immerhin 60 Prozent unter dem damaligen Niveau. Bitcoin und Marihuana-Aktien dürften die vorerst letzten Blasen sein, die geplatzt sind.
Bleibt die Frage: Wie geht es an den Märkten weiter? Trotz der jüngsten Korrekturen an der Wall Street scheint es immer noch ein gehöriges Maß an Optimismus zu geben. Große Spekulanten, vor allem Hedge Fonds, haben in den letzten Tagen deutlich investiert. Sie haben sich also günstiger eingedeckt. Andererseits zeigt ein Blick auf die Geschichte, dass gerade an Wendepunkten die großen Spekulanten falsch liegen, weil sie dazu neigen, dem Trend zu folgen und erst verspätet realisieren, dass der Trend wendet.

Packen wir dazu die gesamtwirtschaftliche Lage (erste Anzeichen für eine Abschwächung der Weltwirtschaft, namentlich auch in den USA, steigenden Zinsen) und die geopolitischen Unsicherheiten (Verschärfung des Handelskonfliktes, höhere Ölpreise im Zuge der Iran-Sanktionen, Brexit), spricht viel dafür – und hier wiederhole ich meine Empfehlungen der letzten Monate – Positionen abzubauen und die Liquiditätsquote zu erhöhen.

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