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Fortsetzung der Hausse oder Trendumkehr? Quelle: dpa

Kaufen oder verkaufen?

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Reinigendes Gewitter oder Trendumkehr – das ist die Frage an den Börsen. Anleger sollten sich darauf vorbereiten. Welche Anzeichen für einen Crash sprechen und warum es bis dahin noch etwas dauern kann.

Die Aktienmärkte der Welt sind unter Druck. Quasi über Nacht ist Volatilität an die Märkte zurückgekehrt. Die Zeit stetig steigender Aktienkurse scheint vorbei. Stellt sich die Frage, ob es sich um ein reinigendes Gewitter handelt, welches die Grundlage für die Fortsetzung der Hausse legt oder um einen Trendumkehr.

Trendbrüche erfolgen genauso wie die Entwicklung in den vergangenen Tagen. Ohne erkennbaren Grund und abrupt. Erst in der Rückschau wird man feststellen können, ob es ein solcher Bruch war oder nicht. Und auch erst dann wird man die Ursachen sehen, die sich heute noch unter der Oberfläche verstecken.

Einbruch kann nicht überraschen

Zunächst darf uns der Einbruch nicht überraschen. Schon seit langem gab es gute Gründe, mit einer Korrektur zu rechnen, gar mit einem ausgewachsenen Crash: rekordhohe Bewertungen, Sorglosigkeit der Investoren, zunehmende „passive Investments“ die prozyklisch wirken und die Illusion der täglichen Verfügbarkeit nähren, die geringen Cashquoten der Investoren und nicht zuletzt die zunehmende Spekulation auf Kredit.

Der entscheidende Grund für den Einbruch ist in der Zinsentwicklung der vergangenen Wochen zu sehen. Zunächst stiegen Zinsen und Aktien parallel. Angesichts der guten Konjunktur herrschte die Meinung vor, dass die Märkte, die eigentlich von nichts so sehr abhängen wie vom tiefen Zinsniveau, steigende Zinsen problemlos verkraften können. Prominente Investoren wie Bill Gross und Jeff Gundlach warnten hingegen frühzeitig vor den Folgen steigender Zinsen. Den Risikobereich sahen sie oberhalb von 2,60 Prozent für die zehnjährige US-Staatsanleihe.

Gross und Grundlach behielten Recht:  nachdem die Marke von 2,7 Prozent erreicht wurde, kam der Aktienmarkt unter Druck. Die Investoren begannen Aktien zugunsten von Anleihen zu verkaufen. Sobald die Verkäufe einsetzten, kam es zu dem hier immer wieder beschriebenen Ausverkauf in Folge zu hoher Verschuldung der Marktteilnehmer. Leverage wirkt auf dem Weg nach oben wie ein Renditeturbo – auf dem Weg nach unten wie ein Brandbeschleuniger. Dies erklärt auch die Geschwindigkeit des Umbruchs. Es sind Margin Calls, die den Absturz beschleunigen. Diesmal noch verstärkt durch die –ebenfalls mit viel Kredit/Leverage betriebene - Spekulation auf anhaltend tiefe Volatilität.

Parallele zu 2007

Ähnlich lief es übrigens im Jahre 2007 ab. Zunächst stiegen die Zinsen auf - aus heutiger Sicht unglaubliche – fünf Prozent, bevor es an den Börsen schepperte. Im weiteren Verlauf des Jahres reduzierten die Investoren ihre risikoreicheren Investments, vor allem im Bereich der Anleihen. Erste Probleme im Finanzsektor deuteten sich an (Bear Stearns schloss die ersten Leveraged Fonds) und die Notenbanken reagierten. In der Folge erholten sich die Börsen wieder und starteten erst 2008 zur richtigen Talfahrt.

Gut möglich, dass es diesmal auch so ist. Auf weitere Unterstützung durch die Notenbanken setzen denn auch die Optimisten, die betonen, dass den Notenbanken gar nichts anders übrig bleibt als wieder auf das Gaspedal zu treten, wollen sie einen Kollaps verhindern. Angesichts der zunehmenden Inflationstendenzen ist das jedoch keineswegs garantiert. Hinzu kommt, dass die Notenbanken im Unterschied zu 2007 nur noch wenig Munition übrig haben.

Ist es zu früh, eine Parallele zu 2007 auszurufen? Die Wirtschaft sah damals wie heute gesund aus. Damals hatten wir eine Immobilienblase in den USA und einigen Ländern Europas. Heute haben wie eine „Alles-Blase“ von Aktien über Anleihen bis hin zu Immobilien und Kunst. Vor allem haben wir heute deutlich mehr Schulden! Weltweit liegen die Schulden mit über 215 Billionen US-Dollar (325 Prozent des Welt-BIP) 70 Billionen höher als noch vor zehn Jahren. In den Industrieländern wuchsen sie seit 2006 von 348 Prozent des BIP auf 390 Prozent, in den Schwellenländern – vor allem von China getrieben – von 146 auf 215 Prozent. Eine hoch verschuldete Welt kann alles gebrauchen, nur keine höheren Zinsen.

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