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Stockender Aktienhandel Chinas Führung kämpft gegen trübe Marktstimmung

Die chinesischen Aktienmärkte bereiten Anlegern wie Regierung weiter Kopfschmerzen. Quelle: AP

Chinas Aktienmarkt ist dieses Jahr einer der weltweit schwächsten. Die Regierung von Präsident Xi versucht, die Talfahrt mit einer Reihe von Versprechen und Maßnahmen zu stoppen. Aber hat sie damit Erfolg?

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Lu Yushan hat einen Rat für Anleger an Chinas Aktienmarkt: Verkauft eure Anteile. Genau das hat der 65-jährige Rentner dieses Jahr selbst getan – abgeschreckt durch sinkende Kurse, Skandale um Insidergeschäfte, die sich abkühlende Wirtschaft im Land und den Handelskonflikt mit den USA. „Investoren sollten aussteigen“, meint Lu, während er bei einem Pekinger Börsenmakler die Kursentwicklung verfolgt – nur noch aus Interesse, wie er sagt, „nicht, um Geld zu machen.“

Diese Art von Pessimismus ist in China weit verbreitet, und die Regierung von Xi Jinping hat alle Mühe, sich dagegen zu stemmen, den Aktienpreisen wieder Auftrieb zu geben. Sie versucht es unter anderem mit dem Versprechen von Steuersenkungen, Lockerungen bei der Kreditvergabe der Banken und einer Öffentlichkeitskampagne.

Leicht ist es nicht. Der Leitindex Shanghai Composite hat von Januar bis Mitte Oktober um 30 Prozent eingebüßt. Die Preise gingen so stark zurück, dass Chinas Aktienmarkt seinen weltweit zweiten Rang als Finanzplatz hinter den USA an Japan abgab und zur Nummer 3 wurde. Der Index hat zwar seit Ende Oktober fünf Prozent zugelegt, ist aber global Schlusslicht dieses Jahres.

Die Marktentwicklung bedeutet eine weitere Herausforderung für die Regierung, die versucht, das Wirtschaftswachstum aufzumöbeln und US-Präsident Donald Trump im laufenden Handelsstreit Paroli zu bieten. Auch wird die Umsetzung von Plänen für die Staatsindustrie schwerer, Aktienverkäufe zum Abtragen eines Multimilliarden-Schuldenberges und zur Modernisierung zu nutzen.

Chinas Märkte unterscheiden sich wesentlich von denen anderer großer Länder. Zur Beschaffung von Geldern für die Staatsindustrie ins Leben gerufen, weisen sie mittlerweile zwar eine wachsende Zahl von privaten Unternehmen auf, aber werden nach wie vor von staatseigenen Unternehmen dominiert. Ausländische Investoren haben zwar etwas mehr Zugang als früher, aber insgesamt ist der Markt weiter stark abgeschottet.

Der jüngste Sinkflug der Preise begann im Januar, nachdem Peking die Kreditvergabe von Banken beschränkt hatte, um die ausufernde Verschuldung im Zaum zu halten. Anteile an Immobilienfirmen und anderen Unternehmen, deren Wohlergehen stark vom Kreditfluss abhängt, wurden hart getroffen. Aluminium Corp. of China etwa, ein größerer Lieferant von Baumaterialien, büßte 52 Prozent ein.

Die durch die Kreditkontrollen verursachte wirtschaftliche Abschwächung war so abrupt, dass die Pekinger Planer eine Kehrtwende machten: Die Banken wurden angewiesen, wieder mehr zu verleihen. Und nachdem das Wirtschaftswachstum im dritten Jahresquartal auf 6,5 Prozent – den niedrigsten Stand nach der Finanzkrise von 2008 – gesunken war, wurden neben Steuersenkungen eine Reihe weiterer Maßnahmen zum Gegensteuern in Aussicht gestellt.

Aber ihr Nutzen hat sich bisher nicht in Wirtschaftsdaten niedergeschlagen. „Die Marktstimmung ist sehr schwach geblieben“, formulierten es Volkswirtschaftler der Schweizer Großbank UBS in einem Report.

So hat sich denn auch Student Shao Xinyu aus Zhengzhou zur Zurückhaltung entschlossen. Vor knapp einem Jahr hatte er umgerechnet 3800 Euro an Erspartem und Geschenken von seinen Eltern in Aktien gesteckt, die dann ein Drittel an Wert verloren. „Ich investiere nicht mehr“, sagt der 21-Jährige. „Ich muss erst einmal sehen, wie sich die Wirtschaft und der Markt entwickeln.“

Chinas Aktienmärkte haben seit 1990, als die erste Börse nach der kommunistischen Revolution von 1949 in Shanghai öffnete, eine Achterbahnfahrt erlebt. Eine zweite Börse folgte ein Jahr später in Shenzhen nahe Hongkong. Preise gingen hoch und stürzten ab – 2001, 2008 und dann erneut 2015. Trotzdem gab es einen Zustrom kleinerer Investoren.

Die Zahl einzelner Börsenkonten stieg zwischen 2006 und 2017 fast um ein Fünffaches an, auf 192 Millionen, wie es im Jahresbericht der Shanghai-Börse hieß. Der Marktanteil individueller Investoren lag demnach Ende 2017 bei 21 Prozent. Der Shenzhen-Börse zufolge sind drei Viertel der chinesischen Börsenkonten weniger als umgerechnet 70.000 Euro wert.

Bemühungen in den vergangenen Jahren, Investoren zu längerem Festhalten an ihren Aktien zu bewegen, fruchteten nicht. So machten 2017 individuelle Anleger 82 Prozent des Daytrading-Volumens an der Shanghai-Börse aus.

Die Regulierer lassen daher schrittweise mehr ausländische Käufer zu, in der Hoffnung, dass sie als Langzeit-Investoren für etwas Stabilität sorgen. Seit 2014 ist es Ausländern erlaubt, über Hongkong einige A-Shares zu kaufen – Wertpapiere von chinesischen Unternehmen, die in der chinesischen Währung Renminbi in Shanghai oder Shenzhen notiert sind. Im Juli gaben die Regulierer bekannt, dass Ausländer, die in China arbeiten, Zugang zum gesamten Markt erhalten sollen.

Die Regierung versucht auch verbal, die Kursverluste zu stoppen. So warb Xis Top-Wirtschaftsberater Liu He Mitte Oktober öffentlich für mehr Vertrauen. Billigere Aktien böten „gute Investmentgelegenheiten“, sagte er. Der Notenbank-Vorsitzende Yi Gang wurde mit den Worten zitiert, dass die „wirtschaftlichen Grundlagen“ gut seien.

Der Shanghai Index legte vier Prozent zu, nachdem die Führung der herrschenden kommunistischen Partei am 31. Oktober „verstärkte Reformen“ versprochen hatte. Das weckte die Erwartung weiterer Kredit-Lockerungen. Dann folgte Xi am 1. November mit einer Rede, in der er Steuersenkungen und andere Hilfen für Unternehmer in Aussicht stellte.

Das alles zusammen hat Liu Fei, Managerin bei einer Immobilienfirma in Shanghai, ermutigt. Zwar hatte sie nach starken Verlusten 2015 an ihren Aktien festgehalten, aber ihr Vertrauen schwand dahin. Jetzt, so sagt die 28-Jährige, fühle sie sich wieder etwas besser.

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