Stressindex nach Populisten-Erfolg Die Weltfinanzmärkte unterschätzen die Risiken

Erst der Brexit, dann Trump, jetzt Italien: Die politischen Schocks hören nicht auf. Doch an den Börsen herrscht merkwürdige Ruhe. Die Weltfinanzmärkte sind unserem Stressindex zufolge gelassener als gut wäre.

Gelassene Reaktion: Fieberkurve der Weltfinanzmärkte. Quelle: imago

Die Schockwellen an den Finanzmärkten sind rasch verebbt nach dem überraschenden Wahlsieg Donald Trumps in den USA. Und das Italien-Referendum, dessen Ausgang antieuropäische Kräfte stärkte, hatte kaum Reaktionen an den Börsen zur Folge. Im deutschen Aktienindex Dax gaben nur Bankenwerte nach wegen der Probleme italienischer Geldinstitute. Der Stressindex für die weltweiten Finanzmärkte, den das Kölner Institut für Kapitalmarktanalyse (IfK) für die WirtschaftsWoche berechnet, deutet auf Sorgen, aber keine Panik der Finanzmarktakteure als Reaktion auf die Erfolge populistischer Kräfte hin. Das Barometer stieg im Dezember auf minus sechs Zähler und liegt dabei etwa auf dem gleichen Niveau wie nach dem Brexit-Schock im Juni. Der hatte die Märkte erst stark verunsichert, doch schnell entspannte sich die Lage wieder. Wie sind die Signale zu deuten?

„Die gelassene Reaktion der Finanzmärkte auf die jüngsten politischen Ereignisse in den USA und Europa ist paradox“, sagt der Vermögensverwalter und IfK-Chef Markus Zschaber.

Die gegenwärtige Ruhe an den Finanzmärkten sei trügerisch und durch die globale Geldpolitik verzerrt. Allein die umfangreichen und historisch einmaligen expansiven Maßnahmen der Notenbanken hätten dafür gesorgt, dass die Welt nicht aus den Fugen geraten ist. Das Referendum in Italien ist laut IfK als Vorbote für künftige Turbulenzen zu sehen, die gerade in Europa aus der Politik in die Wirtschaft getragen würden.

Der Stressindex kann als Fieberkurve der Weltfinanzmärkte gelesen werden. Er soll vor Gefahren von Finanzkrisen warnen, wenn diese die Realwirtschaft anstecken könnten. In seine Berechnung fließen 6500 weltweite finanzielle und konjunkturelle Indikatoren ein, darunter Aktien-, Währungs- und Rohstoffkurse sowie Zinsen auf Staats- und Unternehmensanleihen oder die Kosten für Versicherungen gegen Kreditausfälle. Die Skala ist in drei Stufen unterteilt: Im unteren Bereich mit den Werten minus 100 bis minus 20 sind die Finanzmärkte entspannt. In der Zone zwischen minus 20 und plus 20 herrscht Nervosität, bei der weitere schlechte Nachrichten die nächste Krise ausbrechen lassen könnten. Der Indikator steigt dann in den Hochdruckbereich auf Werte zwischen plus 20 und plus 100.

IfK-Chef Zschaber ist allerdings skeptisch, ob die Finanzmärkte das politische Risiko und den zu erwartenden Stress für die Wirtschaft derzeit richtig einpreisen. Beispiel Italien: Die Prämien für Ausfallversicherungen auf italienische Staatsschulden sind laut IfK, gemessen an den tatsächlichen Risiken, zu niedrig, zudem drückt die Zentralbank die Renditen für Staatsanleihen nach unten. Das mindert den Reformdruck auf die Regierung in Rom.

Realitätsfern sei auch, dass die US-Finanzmärkte die Ankündigung von Donald Trump feierten, die Steuern zu senken, Bürokratie abzubauen und mehr für Infrastruktur auszugeben. Die Börsen vernachlässigten dabei das Risiko, dass die von Trump ebenfalls angekündigten Strafzölle und Einwanderungsverbote Vergeltungsaktionen anderer Nationen hervorrufen könnten. Das könnte einen Handelskrieg entfachen, der die Globalisierung zurückdreht.

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