Stufenzins-Papiere: Zinsen angeln für Anleger
Für ihre Geldanlagen sollten Anleger stets versuchen, die besten Zinsen zu angeln
Foto: fotoliaDie Banken haben schnell auf das Sicherheitsbedürfnis der Anleger reagiert. Neuartige Zinszertifikate bieten deutlich mehr als Tagesgeld oder kurzlaufende Bundespapiere. Sie sollen Sparer locken, die Aktien und Hochzinsanleihen meiden und zu Recht das Vertrauen in Staatspapiere wackliger Schuldner verloren haben. „Auf Sicherheit und regelmäßige Kuponzahlungen legen Anleger derzeit besonderen Wert“, sagt Thomas Mildner, Zertifikatefachmann der DZ Bank. Unter dem Strich lassen sich auch mit einigen dieser Zertifikate die notwendigen vier Prozent schaffen. Die Zinsen müssen aber in die richtige Richtung laufen, die Bank darf nicht, was durchaus passieren kann, vorzeitig kündigen – und schon gar nicht pleitegehen.
Der Gattungsname „Zertifikate“ taucht bei diesen Papieren kaum noch auf. „Die Bezeichnung Zertifikat ist in der Lehman-Krise verbrannt“, räumt der Zertifikatespezialist einer großen Filialbank ein. Die Marketingstrategen der Banken wären ihre Boni nicht wert, wenn ihnen nicht neue Prädikate eingefallen wären: Und so werden jetzt „Stufenzinsanleihen“, „Zuwachsanleihen“, „Schatzanleihen“ oder „Step-Up-Anleihen“ vertickt. Der Trick funktioniert: 40 Milliarden Euro haben die Deutschen schon in solchen Zinspapieren stecken, so viel, wie in keinem anderen Zertifikatetyp.
Mehr als drei Viertel werden nicht online, sondern am Bankschalter an klassische Beratungskunden verkauft. Der Kunde bekommt sie, wie neue Aktien, als Neuemissionen, auch „Zeichnungsprodukte“ genannt. Das suggeriert Exklusivität und gibt das gute Gefühl, früher und günstiger als andere an das Papier zu kommen – obwohl nahezu alle auch später zu annähernd gleichen Konditionen nachgekauft werden können.
Kündigungsklauseln
Fest einplanen kann der Anleger seine Rendite nicht immer. Die Stufenzinsanleihe 38 der Deutschen Bank etwa, die 38. derartige Emission der Großbank, kam im Juni 2009 auf den Markt und versprach bis zur Fälligkeit 2015 Kuponzahlungen von 4,00 bis 4,40 Prozent. Eine schöne Rendite von einem renommierten Schuldner. Selbst wer heute das Papier über die Börse kauft, käme bis zur Fälligkeit noch auf 4,07 Prozent Rendite. Doch die Deutsche Bank dürfte das Papier vorzeitig kündigen, wie schon die meisten zuvor ausgegebenen Stufenzinsanleihen der Bank. Wer jetzt einsteigt, bekommt wahrscheinlich nur noch 1,73 Prozent Rendite – und muss sich ab Juni dieses Jahres nach einer neuen Anlage umschauen.
Etwa 50 Prozent aller Stufenzinsanleihen, so stellen die Zertifikateanalysten der Ratingagentur Scope fest, sind mit einem Sonderkündigungsrecht versehen. Die Emissionsbank sichert sich damit die Möglichkeit, die ausgegebenen Papiere vor Ende der Laufzeit wieder zurückzukaufen. „Da dieses Kündigungsrecht für die Bank einen Wert hat, kann die Rendite dieser Papiere etwas höher ausfallen als bei Papieren ohne Kündigungsrecht“, sagt Anouch Wilhelms, Derivateexperte der Commerzbank.
Gekündigt wird meist, wenn das allgemeine Zinsniveau zurückgeht. Würde die Anleihe weiterlaufen, müsste die Bank weiter die anfangs zugesagten hohen Zinsen zahlen, obwohl sie selbst bei ihren eigenen Zinsgeschäften entsprechend dem Gesamtmarkt nur noch niedrigere Renditen bekommt.
Auch die soeben am 25. Februar neu herausgegebene Stufenzinsanleihe 31 der WGZ Bank hat ein Kündigungsrecht – und zwar schon nach der ersten Zinsausschüttung. In diesem Fall gäbe es im Februar 2012 zunächst 2,75 Prozent, dann bekäme man den Nennwert zu 100 Prozent komplett zurück. Die weiteren Zinsstufen, die immerhin bis auf 3,75 Prozent gehen, gäbe es dann aber nicht mehr.
Natürlich sind 2,75 Prozent auf ein Jahr gesehen keine Katastrophe. Doch selbst solide Pfandbriefe mit sechs Jahren Laufzeit werfen derzeit 3,2 Prozent pro Jahr ab. Unkündbare Schatzanleihen bringen ähnlich viel.
Stufenzinspapiere und Schatzanleihen haben einen bestimmten Kupontermin. Einmal im Jahr bekommen Anleger Geld von der Bank überwiesen. Aufgelaufene Zinsen (Stückzinsen) müssen wie bei einer normalen Anleihe beim Kauf zunächst bezahlt werden. Einen Einfluss auf den Kursverlauf haben sie nicht, bei der Kuponzahlung kommt es nicht zu einem Kursknick.
Trotzdem müssen Anleger bei diesen Papieren mit merklichen Schwankungen leben – und die gehen derzeit vor allem nach unten. Grund dafür ist der scharfe Zinsanstieg an den Anleihemärkten. So ist die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen seit Herbst von 2,2 Prozent auf bis zu 3,2 Prozent angesprungen. Die Deutsche Bank dürfte dies kaum dazu bewegen, auf ihr Kündigungsrecht zu verzichten – dazu ist das Zinsniveau, gemessen an den offerierten vier Prozent aus 2009, noch zu niedrig.
„Der Zinsanstieg bringt aber derzeit vor allem Papiere unter Druck, die mit niedrigen Kupons ausgestattet sind“, sagt Frank Haak, Derivateexperte der WestLB. Eine Schatzanleihe der Deutschen Bank vom Juli 2010 mit fünf Jahren Laufzeit verlor in den vergangenen sechs Monaten bis zu vier Prozent. Dieser Wertverlust ist höher als die 2,65 Prozent, die der Kupon im ganzen Jahr einbringt. Die Zuwachsanleihe der WestLB Nummer 41 von 2010 sackte in der gleichen Zeit sogar von 100 auf 95 Prozent; hier liegt der Kupon nur bei 2,1 Prozent.
Wer die Papiere bis zur Endfälligkeit hält, bekommt zwar seine 100 Prozent des Nennwerts zurück. Anleger, die vorher verkaufen müssen, erleiden aber einen empfindlichen Wertverlust.
Floater-Zertifikate
Einen Ausweg aus der Zinsfalle versprechen Floater-Zertifikate. Das sind Schuldverschreibungen, deren Renditen bei steigenden Zinsen ebenfalls zulegen. Grundidee dabei: Die Bank zahlt zunächst einen Mindestzins und legt dazu einen Referenzzins fest, in der Regel den Euribor für drei oder sechs Monate. Der Euribor ist der Zins, den Banken in der Euro-Zone sich untereinander bezahlen. Steigt der Euribor über den Mindestzins des Floaters, bestimmt er die Höhe der Ausschüttung; liegt er darunter, gibt es immerhin den Mindestzins. Eine Gewinngrenze (Cap) deckelt den möglichen Zinsanstieg; meist liegt diese Grenze bei vier bis fünf Prozent.
Gerade herausgegeben hat die HypoVereinsbank Euribor Cap Floater mit Laufzeit bis Dezember 2015. Der Mindestzins beträgt 2,25 Prozent, Referenzzins für die Mehr-Rendite ist der Drei-Monats-Euribor, maximal kann der Kupon auf bis zu 5,00 Prozent steigen.
Dennoch hat das Papier nach noch nicht einmal zwei Monaten auf dem Markt schon zwei Prozent verloren – obwohl in dieser Zeit die Zinsen gestiegen sind. Sind Floater eine Mogelpackung? „Die meisten Papiere dieser Art haben ein Problem“, sagt Hubert Thaler, Vermögensverwalter aus Starnberg. „Sie beziehen sich nur auf kurzfristige Zinsen und reagieren nicht auf den deutlichen Anstieg der Renditen am Anleihemarkt.“ Zwar ist der Drei-Monats-Euribor in den vergangenen zehn Wochen ebenfalls gestiegen, aber eben nur von 1,0 Prozent auf 1,1 Prozent. Die kurzfristigen Zinsen stiegen weniger stark als die der Anleihen, an deren Verzinsung auch das Floater-Zertifikat gemessen wird.
Wesentlich mehr Gewinn versprechen sogenannte Index-Floater. Hier sind die Kupons zunächst an einen offiziellen Zinssatz gekoppelt, auf den es dann einen deutlichen Aufschlag gibt. Goldman Sachs etwa verspricht mit einer Floater-Anleihe auf den Euro Stoxx sogar 5,7 Prozentpunkte auf den Drei-Monats-Euribor (derzeit 1,1 Prozent) oben drauf. Insgesamt wären das üppige 6,8 Prozent Kupon, bei einem höheren Euribor entsprechend mehr.
Der Zins wird allerdings mit mehreren Risiken erkauft. Zunächst gibt es den Nennwert am Ende der Laufzeit im September 2013 nur dann zurück, wenn der europäische Aktienindex Euro Stoxx bis dahin nie den Stand von 1378,69 Punkten berührt oder unterschreitet. Bei einem aktuellen Index von 3030 ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Anleger die Zinsen einstreichen und den Nennwert komplett wiedersehen. Das Problem dabei: Gerade weil die Rendite von aktuell rund drei Prozent so sicher erscheint, notiert das Papier schon bei 107,20 Prozent. Wer im September 2010 zu knapp 100 zeichnete, liegt jetzt gut vorn. Klar ist aber auch: Solche Floater sind keine Zinspapiere, sondern verkappte Aktienengagements. Der Euribor wird erst anziehen, wenn die Notenbanken die Leitzinsen deutlich erhöhen. Wer dennoch jetzt schon auf Floater setzt, sollte sich mit einer hohen Mindestverzinsung eine akzeptable Basisrendite sichern. Attraktiver sind direkte Wetten auf steigende Kapitalmarktzinsen, etwa über börsengehandelte Fonds, die Verluste des Anleihebarometers Euro-Bund-Future direkt in Gewinne ummünzen.
Umweg über Währungen
Der direkte Zugang zu kurzfristigen Zinsen vom Typ Euribor ist über Papiere möglich, die erstmals unter dem Namen „Zinszertifikate“ in Deutschland eingeführt wurden. Die Bezeichnung ist problematisch, weil die kurzfristigen Zinsen bei diesen Papieren nur einen meist kleinen Teil der Wertveränderungen ausmachen. Den zweiten, meist größeren, steuern Wechselkursveränderungen bei. Im Grunde handelt es sich hier um Währungsanlagen, bei denen es kurzfristige Zinsen obendrauf gibt.
Weil der Euro derzeit angeschlagen ist, könnten diese Papiere wieder interessant werden. „Wir sehen Fremdwährungszertifikate derzeit positiv“, sagt Vermögensverwalter Thaler. „Unsere Favoriten sind vor allem Währungen rohstoffreicher Länder, etwa von Australien.“ Down Under liegen die kurzfristigen Zinsen bei 4,6 Prozent. Nicht ganz so viel kommt beim Neuseeland-Dollar zusammen, der vom weltweiten Agrarboom beflügelt wird. Hier liegt der Kurzfrist-Zins bei 2,95 Prozent – mehr, als viele Stufenzinsanleihen und Floater derzeit bieten. Mögliche Währungsverluste würden das Ergebnis schmälern, Währungsgewinne kämen obendrauf.