Südeuropas Börsen Einstiegschancen in den Krisenstaaten

Die Börsen Südeuropas waren schon auf Erholungskurs, als ihnen die Wahl in Italien einen herben Rückschlag verpasste. Ist das eine Chance für den Einstieg? Welche Werte Anleger beobachten sollten.

Die spannendsten Länder für Anleger
Michael Keppler sitzt an der Quelle. Seit Jahren ist die Finanzmetropole New York die Heimat des Fonds-Managers, der über die Jahre mehr als ein Dutzend länderübergreifende Aktienfonds aufgelegt hat, etwa den Keppler-Global Value oder den Keppler-Emerging Markets. Dabei strukturiert der ehemalige Investmentbanker seine Fonds nach einem klaren Mantra: der
Ausgehend von Einzelaktien, die den Markt des jeweils betrachteten Landes wiederspiegeln, baut Fonds-Manager Keppler dann Länderwerte zusammen. Um sie dann zu bewerten, sieht der Analyst unter anderem auf das durchschnittliche Preis-Buchwert-Verhältnis, Preis-Cashflow-Verhältnis, Preis-Gewinn-Verhältnis, auf die durchschnittliche Dividenden- und Eigenkapitalrendite – allerdings nicht nur auf deren aktuelle, absolute Werte. Quelle: rtr
Insgesamt kennt Keppler vier Bewertungssäulen: Ihn interessiert nicht nur, wo die Kennzahlen der aggregierten Länderwerte aktuell rangieren und wie sie sich über die vergangenen sieben Jahre absolut entwickelt haben. Auch die aktuelle und zurückliegende relative Performance der Kennzahlen spielt für den Analysten eine Rolle. Als Vergleichswert dient dem Fonds-Manager der Morgan Stanley Capital International (MSCI) World Index. Quelle: dpa
Unterbewertete MärkteAustralien ist einer der Länderwerte, den die Analysten von Kepplers Vermögensverwaltung in ihrer Januar-Analyse der Industrieländer für unterbewertet halten. Sie raten zum Kauf. Zwar liegt der Aktienkurs
Auch Deutschland gehört zur Liste derjenigen Länder, denen Keppler Potential nach oben bescheinigt. Das Preis-Buch-Verhältnis liegt mit 1,48 bereits näher an seinem
Der Blick auf die absoluten aktuellen Kennzahlen für Hong Kong, zeigt sich ein gespaltenes Bild. Während das Preis-Buchwert-Verhältnis mit 1,38 den Index deutlich (1,77) unterbietet, rangiert das Preis-Gewinn-Verhältnis mit 16,3 auf vergleichsweise hohem Niveau (MSCI: 14,8). Die Dividendenrendite, die Hongkongs Firmen durchschnittlich erwirtschaften, liegt mit 2,53 unter der des Index (2,79). Dennoch rät Keppler zum Kauf – wohl auch aufgrund der Entwicklung über die vergangenen sieben Jahre. Preis-Buch- und Preis-Gewinn-Verhältnis lagen meist höher. Quelle: dpa
Die Schweizer Wirtschaft hat in den vergangenen 12 Monaten durch die massive Aufwertung des Frankens an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Der kriselnde Euro hat die Nachfrage nach der eidgenössischen Währung aufgebläht. Kein Wunder also, dass auch Schweizer Aktien im Durchschnitt zu teuer sind. Mit einem Preis-Buchwert-Verhältnis von 2,28 und einem Preis-Gewinn-Verhältnis von 18,2 übertrifft der Länderwert Schweiz den MSCI Welt Index um jeweils gut 12 Prozent. Die Keppler Vermögensverwaltung rät zum Verkauf. Ein weiteres Indiz dafür, sich tendenziell von Schweizer Papieren zu trennen: Der repräsentative Aktienkorb konnte innerhalb der letzten 12 Monate nur eine minimale Renditesteigerung von 0,1 Prozent vorweisen. Quelle: AP

Frank Fischer ist mit seinen Aktien aus den Eurokrisenstaaten sehr zufrieden. Vor einem Jahr hatte der Berater des Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen die schlechte Stimmung am Aktienmarkt zum Einstieg genutzt und Aktien aus den kriselnden südeuropäischen Börsen in sein Portfolio genommen. „Nach dem Ausverkauf im Frühjahr 2012 waren viele Aktien extrem unterbewertet. Wir hatten uns schon vorher mit Italien beschäftigt und eine Vielzahl italienischer Aktien unter Beobachtung, die wir dann günstig kaufen konnten. Das hat sich bereits gelohnt.“ So konnte sein Fonds etwa die Aktie des italienischen Diagnostik-Spezialisten Diasorin bei Kursen zwischen 18 und 22 Euro einsammeln. Inzwischen liegt Fischer mit den Papieren rund 50 Prozent im Plus.

Kaufgelegenheiten im Kurstal

Börsen im Sturzflug bieten nervenstarken Anleger oftmals gute Kaufgelegenheiten. Am 26. Februar schien wieder so eine Chance für Anleger gekommen: Als sich das Ergebnis des Urnengangs in Italien abzeichnete und deutlich wurde, dass eine Regierungsbildung aufgrund der unterschiedlichen Mehrheiten in Italiens Parlament und Senat nahezu unmöglich wird, reagierten die Börsen prompt mit herben Kursverlusten. Vor allem die Mailänder Börse knickte ein. Der Börsenindex MIB büßte seitdem zeitweise 13 Prozent ein. Die üppigen Kursgewinne der vorangegangenen Monate waren dahin.

Die Verkaufswelle erfasste umgehend die Börsen weltweit. Denn mit dem unbrauchbaren Wahlausgang war plötzlich auch die Eurokrise wieder zentrales Gesprächsthema in den Handelssälen und auf dem Parkett - nachdem sich in den drei Monaten zuvor die Krisenangst an der Börse endlich etwas gelegt hatte. Die Befürchtung, ohne durchsetzungsstarke Regierung in Italien könnte die Krisenbekämpfung in Europa erlahmen, verursachte eine Schockwelle an Europas Börsenplätzen. Betroffen waren vor allem die Märkte in den krisengeplagten Ländern der Eurozone. Die Börsen in Athen und Lissabon sackten um rund sieben Prozent ab. Die Madrider Börse verlor zeitweise sogar mehr als acht Prozent - konnte sich aber zwischenzeitlich wieder erholen. Auch die Börsen in Paris und Frankfurt mussten deutliche Abschläge hinnehmen.

Börsen-Einbruch nach der Italien-Wahl

Keine kopflose Verkaufspanik

Plötzliche Kurseinbrüche wie der beschriebene bieten immer auch Chancen zum Einstieg. Schließlich gibt es auch in den überschuldeten Krisenländern Unternehmen, die solide Geschäfte machen und eine herausragende Marktstellung innehaben. Bei der Verkaufswelle im Frühling 2012 wurden nahezu alle Aktien an den Börsen in Athen, Mailand, Madrid und Lissabon in Gruppenhaft genommen. So konnten Investoren wie Fondsberater Fischer bis zum Tief im Sommer Qualitätsaktien deutlich unter ihrem fairen Wert in ihr Depot legen. Wer seinerzeit Aktien aus den Krisenländern kaufte, konnte sicher sein, dass sich die Kurse der zu unrecht abgestraften Papiere schnell erholen würden, wenn die Krise abklingt. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) - ein einfaches Maß dafür, ob eine Aktie teuer oder vergleichsweise günstig ist - fielen auf teils absurd niedrige Werte. Allgemein gilt ein KGV unter zehn als Indiz für eine unterbewertete Aktie, ein KGV von mehr als 15 signalisiert ein eher teures Wertpapier.

Doch nachdem der Wahlausgang in Italien die Eurokrise in Erinnerung rief, verlief der Abverkauf nicht so pauschal über alle Branchen wie 2012. Die ganz große Verkaufspanik blieb aus. Qualitätsaktien wie Diasorin kamen erst gar nicht unter die Räder, sondern zuckten bestenfalls kurz. „Der Markt differenziert inzwischen wieder stärker, die Aktien sind nicht mehr durchweg günstig“, sagt Fondsberater Fischer. „Die guten Aktien sind gar nicht mehr gefallen, sondern teilweise sogar gestiegen. Die gewissenhafte Auswahl ist für Anleger daher noch wichtiger geworden. Sie müssen einfach ein paar Steine mehr umdrehen, um eine Kaufgelegenheit zu entdecken.“

Die gibt es jedoch zweifellos. Die Suche könnte sich lohnen, denn derzeit spricht einiges für eine neue Hausse an den Aktienmärkten. Vor allem der Mangel an Anlagealternativen im Niedrigzinsumfeld und die historisch betrachtet noch immer niedrige Bewertung der Aktienmärkte sorgen für Kursfantasien. Wenn sich die Angst vor einem Zusammenbruch der Eurozone irgendwann gelegt hat, die Schuldensünderstaaten mit ihrem Sparkurs Erfolg haben und sich auch die Konjunktur in diesen Ländern allmählich wieder erholt, dürften die Börsen in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland überproportional profitieren.

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