Tether Eine Kryptowährung lässt den Bitcoin taumeln

Die Kryptowährung Tether kannten lange nur Insider. Jetzt ist sie wegen Betrugsverdacht im Fadenkreuz der Aufsicht. Dunkle Machenschaften der Tether-Bosse könnten einen Großteil des Bitcoin-Booms und -absturzes erklären.

Die Kryptowährung hat eine Berg- und Talfahrt hinter sich. Quelle: imago/Science Photo Library

DüsseldorfWas ist los am Krypto-Markt? Nachdem der Bitcoin im Januar seine schlechteste Entwicklung seit 2013 hingelegt hatte, geht es auch im Februar abwärts. Am Freitagnachmittag notierten alle wichtigen Kryptowährungen deutlich im Minus. Bitcoin gab laut der Website coinmarketcap.com, die zahlreiche Börsen auswertet, rund 15 Prozent auf 8.290 Dollar nach. Für Ethereum ging es 22 Prozent, für Ripple sogar 33 Prozent nach unten.

Viele Anleger und Analysten sind verunsichert. Zwar stattete Japans Finanzaufsicht der von einem Hackerangriff getroffenen Börse Coincheck am Freitag einen Kontrollbesuch ab; auch die schlechten Nachrichten der vergangenen Woche mögen einen Teil des Abwärtstrends erklären. Und doch bleibt der anhaltende Kursrutsch rätselhaft. Ins Fadenkreuz rückt eine bisher wenig beachtete Kryptowährung Tether, die hinter ihr stehenden Bosse und eine fast unglaubliche Theorie, die sowohl den Bitcoin-Anstieg von 5.000 auf 20.000 Dollar im Herbst, als auch den jüngsten Absturz zumindest zum Teil erklären könnte. Aber der Reihe nach.

Lange kannten nur Krypto-Enthusiasten Tether, damit ist Schluss. „Tether geht durch alle Medien. Diese erhöhte Öffentlichkeit führt zu einer deutlichen Verunsicherung der Kurse und Anleger“, sagt Christoph Schüler, Mitgründer des Düsseldorfer Krypto-Beratungs- und Investmenthauses Postera. Tether nimmt eine Sonderstellung in der Krypto-Welt ein: Die herausgegebenen virtuellen Münzen sind laut eigener Aussage 1:1 an den Dollar gekoppelt. Und: Tether will das Verhältnis durch eine Dollar-Deckung sicherstellen. Für jeden eingenommenen Dollar wird demnach ein Tether herausgegeben, nicht mehr und nicht weniger.

Das Modell galt lange als Alleinstellungsmerkmal und erfreute sich unter vermögenden Anlegern einiger Beliebtheit. „Viele tauschten bei Kursrücksetzern Bitcoin und Co. in Tether um“, erklärt der Kieler Krypto-Investor und Bitcoin-Pionier Darius Karampoor, „um Kursgewinne vor Verlusten zu schützen, sie gleichzeitig aber nicht versteuern zu müssen, wie es beim Umtausch in Euro und Dollar nötig gewesen wäre.“

Kritik am Tether-Modell gibt es seit Anbeginn. Sie bezieht sich zum einen auf die grundsätzliche Konstruktion – die Währung wird nur von einer Firma herausgegeben –, als auch auf den intransparenten Hintergrund der Firma.

Tether ist mit der Umtauschbörse Bitfinex über einen gemeinsamen Geschäftsführer verbandelt. Letztere hat europäische Chefs, asiatische Büros und Adressen in der Karibik. „Ich habe mich immer von Tether ferngehalten, schon aufgrund des Ansatzes einer zentral gesteuerten Kryptowährung“, erklärt Karampoor seine Skepsis.

Am Dienstag schreckte dann eine Nachricht des Informationsdienstes Bloomberg die Märkte auf: Die US-Optionsmarktaufsicht CFTC hat bereits Anfang Dezember Vorladungen an die Verantwortlichen von Bitfinex und Tether verschickt. Beobachter bezweifeln, dass Tether wirklich über die behaupteten Dollar-Reserven verfügt. Rund 2,2 Milliarden Dollar müssten auf den Bankkonten liegen, um jede ausgegebene Münze zu decken. Eine Bestätigung durch unabhängige Wirtschaftsprüfer war zuletzt geplatzt. Im Raum steht nun der Vorwurf eines gigantischen Betrugs.

Beweise, dass es bei Tether zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, haben die Aufseher noch nicht präsentiert. Insider vermuten aber folgenden Zusammenhang:

  • Die Tether-Bosse könnten mehr Tether ausgegeben haben, als sie in Dollar eingesammelt haben. Da ihre Firmenstruktur intransparent ist und sie allein über die Tether-Ausgabe herrschen, wäre das niemandem aufgefallen.
  • Mit den ungedeckten Tether haben sie demnach ab Herbst 2017 große Mengen Bitcoin und andere Münzen gekauft. Im Anschluss kam es zu einer Preisinflation an den Märkten, in der Spitze stieg der Bitcoin bis auf 20.000 Dollar. Als weitere Kurstreiber wirkten die neuen Bitcoin-Futures in Chicago. Deren Start könnte von den Tether-Verantwortlichen sogar gezielt abgepasst worden sein.
  • Seit der Vorladung durch die Aufsicht steht Tether unter Generalverdacht. Die Folge: Die Hintermänner könnten ihre zu Unrecht erworbenen Bitcoins in großem Stil in Dollar umgetauscht haben, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Auch normale Anleger tauschen aktuell ihre Tether in Bitcoin und Co. um, so lange das noch möglich ist, und werfen letztere gegen Dollar auf den Markt. Einen direkten Umtausch Tether in Dollar hat Bitfinex bereits erschwert.

Stimmt die Theorie, dann stünde Tether im Zentrum des bisher größten Krypto-Betrugs. Tether wäre in diesem Fall nichts anderes als der von langer Hand geplante, betrügerische Mantel einer virtuelle Druckerpresse. Der Bitcoin-Boom des vergangenen Herbst wäre dann auch die Folge einer gigantischen Preismanipulation.

Diese Interpretation teilen längst nicht alle Beobachter. Vom Handelsblatt befragte Krypto-Experten weisen darauf hin, dass es sich beim aktuellen Kursverfall auch um eine ganze normale Korrektur eines überhitzten Markts handeln könnte – im Lichte regulatorischer Unsicherheit und schlechter Nachrichten. Auch Analyst Christoph Schüler glaubt: „Wie viel genau an den Vorwürfen dran ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer einzuschätzen.“ Unklar sei, ob die Tether-Verantwortlichen wirklich Fehltritte begangen haben und wie die Aufsicht darauf reagieren wird.

Das Problem: Selbst wenn am Ende der CFTC-Untersuchung herauskommt, dass die Tether-Bosse gar nicht betrogen haben, sich die ganze Theorie als von Konkurrenten gestreute Schimäre erweist, könnte der Vorgang so viel Unsicherheit in den Markt gebracht haben, sodass der Ausverkauf weiter andauert. „Der Markt für Krypto-Assets ist nach wie vor sehr volatil. Einzelne Gerüchte und schlechte Nachrichten reichen als Auslöser für starke Kursbewegungen aus“, erklärt Schüler. Der Gründer des Zahlungsdiensts TenX, „Krypto-Guru“ Julian Hosp rechnet bereits damit, dass der Bitcoin-Kurs dieses Jahr bis auf 5.000 Dollar absinken könnte – den Wert, den er vor Beginn des Rauschs Ende November erreicht hatte. Danach gehe es wieder aufwärts.

Darauf hofft auch Christoph Schüler: „Mittel- und langfristig wird sich der Markt nach unserer Einschätzung wieder positiv entwickeln. Für einen Abgesang auf Bitcoin und Co. ist es deutlich zu früh. Der Markt für Krypto-Assets hat noch sehr viel Potential. Zahlreiche große Spieler steigen gerade erst ein.“

Stand jetzt liegt Bitcoin immer noch auf dem Achtfachen des Preisniveaus von vor einem Jahr.

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