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Übernahmen an der Börse Wetten auf das große Fressen

Anleger, die ihre Angel richtig werfen, können Aktien von Übernahmekandidaten an Land ziehen und satte Kursgewinne kassieren - oder selbst ins Netz gehen. Wie und wo Übernahmespekulationen 2017 funktionieren könnten.

Geschäfte mit Übernahmen: Wer kann mit den großen Jungs fischen? Quelle: Getty Images

Die Nachricht klingt banal: Am 17. November 2015 teilt ein feines Family Office namens Günther Holding mit, dass sie mehr als 30 Prozent der Aktien der M.A.X. Automation AG hält. Eine Pflichtmitteilung, die Börsengesetze verlangen es so, reine Routine also. Doch als die Meldung morgens um viertel nach neun auf dem Bildschirm im Büro von Georg Issels aufpoppt, ist es für ihn vorbei mit der Routine. Issels springt auf und läuft ins Büro seines Geschäftspartners Hans Peter Neuroth. Sie besprechen sich kurz. Minuten später greift Issels zum Telefonhörer und ordert 40.000 Aktien der M.A.X., eines Spezialisten für Umwelttechnik und Automatisierung. Kaufpreis: knapp eine Viertelmillion Euro.

Issels und Neuroth sitzen im Vorstand der Kölner Beteiligungsgesellschaft Scherzer. Issels hat schütteres graues Haar, trägt zum dunkelblauen Anzug ein weißes Hemd mit kantigen Manschettenknöpfen. Seine Firma ist darauf spezialisiert, sogenannte Sondersituationen am Aktienmarkt zu erkennen, zum Beispiel eine Übernahme. Im Fall von M.A.X. wittert Issels eine Chance: „Als wir sahen, dass die Günther-Gruppe einsteigt, war das ein Zeichen, dass ein strategischer Investor kommt und mehr will.“ Am Ende vielleicht sogar eine Komplettübernahme.

Für Anleger, die die Aktien von Übernahmezielen früh genug im Depot haben, kann sich das richtig lohnen. Wenn große Investoren ganze Unternehmen schlucken, müssen sie den Aktionären großzügige Angebote machen. Im vergangenen Jahr gab es für einige börsennotierte deutsche Gesellschaften solche Offerten. Die Käufer boten zwischen 20 und 60 Prozent mehr, als die Aktie in den 100 Tagen vor dem Angebot an der Börse im Schnitt kostete. Wer rechtzeitig einstieg, fuhr eine stattliche Rendite ein.

Das sind die dicksten Deals 2016
Platz 12: Microsoft kauft LinkedInDas soziale Netzwerk LinkedIn richtet sich hauptsächlich an professionelle Kunden, die Geschäftsbeziehungen pflegen oder knüpfen möchten. Im Juni erklärte Microsoft, das Unternehmen für 25 Milliarden Euro kaufen zu wollen. Quelle: Dealogic Quelle: dpa
Platz 11: Abbott Laboratories kauft St Jude MedicalDas große Fusionsfieber in der Pharmabranche scheint etwas abgeflaut. Die Übernahme von St. Jude Medical durch Abbott Laboratories für 27,1 Milliarden Dollar zählt dennoch zu den größten Deals 2016. St. Jude stellt medizinische Geräte für Krankheiten des Herzens und des Nervensystems wie Herzschrittmacher oder implantierte Defibrillatoren her. Benannt ist das Unternehmen nach dem Apostel Judas Thaddäus, dem Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle. Quelle: REUTERS
Platz 10: Softbank kauft ARM HoldingsIm Juli wurde die Übernahme angekündigt, im September war sie perfekt: Für 28,7 Milliarden Euro übernahm der japanische Mobilfunkriese Softbank den britischen IT-Konzern ARM Limited. ARM soll als eigenständiges Unternehmen allerdings bestehen bleiben, auch das Personal soll aufgestockt werden. Quelle: REUTERS
Platz 9: General Electric kauft Baker HughesAm Ende war der Widerstand zu stark: Im Mai 2016 scheiterte die 28 Milliarden Euro schwere Fusion der Öldienstleister Halliburton und Baker Hughes am Widerstand US-amerikanischer und europäischer Kartellbehörden. Im Oktober kündigte dann der US-Industrieriese General Electric an, Baker Hughes für 29,3 Milliarden Euro zu übernehmen und sein Öl- und Gasgeschäft mit dem Ölfeldausrüster zusammenzulegen. Eine Entscheidung gegen den Trend: Die Energiebranche steckt angesichts niedriger Ölpreise bereits seit 2015 in einer Dauerkrise. Quelle: AP
Platz 8: Centurylink kauft Level 3 CommunicationsIm Oktober 2016 gab der US-Telekomkonzern Centurylink bekannt, den Telekomdienstleister Level 3 Communications für 30,6 Milliarden Euro zu übernehmen. Level 3 betreibt ein Glasfasernetz von 120.000 Kilometern Länge, mehrere Backbones und vier transatlantische Verbindungen von Europa nach Nordamerika. Im Rahmen der NSA-Affäre geriet das Unternehmen in Verdacht, Daten deutscher Nutzer an US-Geheimdienste weitergegeben zu haben, dementierte die Vorwürfe jedoch. Quelle: AP
Platz 7: Enbridge kauft Spectra EnergyDer kanadische Konzern Enbridge ist der größte Pipelinebetreiber der Welt. Im September kündete das Unternehmen an, den US-Rivalen Spectra Energy übernehmen zu wollen. Die Finanzplattform Dealogic misst dem Deal einen Wert von 38,5 Milliarden Euro zu. Quelle: REUTERS
Platz 6: Chemchina kauft SyngentaChinesische Staatskonzerne gerieten 2016 in einen regelrechten Kaufrausch, auch in Deutschland gingen die Asiaten auf Shoppingtour. Mit dem ersten Megadeal des Jahres fuhr Chemchina allerdings gleich mal einem deutschen Industriegiganten in die Parade: Anfang Februar kündigte die China National Chemical Corporation die Übernahme des Agrochemiekonzerns Syngenta an – und schnappte die Schweizer damit BASF unter der Nase weg. Dealogic bewertet den Deal mit 43 Milliarden Euro. Quelle: REUTERS

Der Übernahmezug steht unter Volldampf. Im vergangenen Jahr wurden Deals im Wert von 183 Milliarden Euro mit und von deutschen Unternehmen abgewickelt oder angekündigt, wie Daten des Finanzdatenportals Thomson One zeigen. Das ist der höchste Wert seit dem Boomjahr 2000. Gerade chinesische Investoren schlugen hierzulande zu. Sie investierten laut der Unternehmensberatung EY bis Oktober umgerechnet elf Milliarden Euro in deutsche Unternehmen, ein Rekord. Den größten Fisch zog der chinesische Elektronikkonzern Midea an Land. Eine viereinhalb Milliarden Euro schwere Offerte erfreute die Aktionäre des Roboterherstellers Kuka. Sie verdienten bei Mideas Fischzug kräftig mit (siehe Grafik unten).

2017 werden sich Anlegern mit deutschen Aktien wieder einige solcher Chancen bieten. Christoph Ohme, Fondsmanager bei der DWS, glaubt, dass der Trend zu Übernahmen anhalten wird. „Die Treiber sind nach wie vor vorhanden.“ Die Gründe:

- Vor allem die niedrigen Zinsen spielen Käufern in die Karten. „Beim aktuellen Zinsniveau sind auch Übernahmen, die mit viel Kredit finanziert werden, gut machbar.“

- Das maue Wirtschaftswachstum spricht für weitere Transaktionen. „Unternehmen fällt es in diesem Umfeld schwer, aus eigener Kraft zu wachsen“, so der Fondsmanager. Mehr Umsatz und Gewinn können sie stattdessen einfach durch Zukäufe einsammeln.

- Als Käufer könnten 2017 neben Chinesen auch amerikanische Investoren in Deutschland auftreten. Der schwache Euro macht Investitionen hierzulande billiger.

Übernahmeangebote brachten 2016 bis zu 77 Prozent Rendite (Kurse in Euro).

- Investoren sitzen auf viel Geld. Jens Kengelbach leitet den Fachbereich Übernahmen und Fusionen bei der weltweit tätigen Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). „Die Kassen von Hedgefonds sind gut gefüllt, und auch die Unternehmen selbst halten Bargeldbestände auf Rekordniveau“, sagt er. Sein Fazit: „Ein Ende des Booms bei Übernahmen ist nicht absehbar.“

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