WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Unternehmensanleihe Schifffahrtskonzern Rickmers testet den Anleihemarkt

Das traditionsreiche Schifffahrtsunternehmen Rickmers wagt sich mit einer hochverzinsten Anleihe an die Frankfurter Börse. Für die Konzernleitung geht es weniger um billiges Kapital, sondern um neue Wege der Unternehmensfinanzierung.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Das Museumsschiff Rickmer Rickmers an den Landungsbrücken in Hamburg St. Pauli. Quelle: GNU

Das traditionsreiche Schifffahrtsunternehmen Rickmers wagt sich mit einer hochverzinsten Anleihe an die Frankfurter Börse. Für die Konzernleitung geht es weniger um billiges Kapital, sondern um neue Wege der Unternehmensfinanzierung. Das ist mutig.

Die meisten Hamburg-Besucher dürften einem Schiff aus dem Hause Rickmers schon begegnet sein – und wenn es schon kein Containerschiff der Rickmers-Flotte war, so doch bestimmt die Rickmer Rickmers. Das Schiff ist schon 117 Jahre alt und hat eine bewegte Geschichte mit zahlreichen Umbauten, Umbenennungen und unter verschiedenen Flaggen. Der 97 Meter lange Großsegler liegt seit den 80er Jahren als Museumsschiff an den Landungsbrücken von St. Pauli und hat sich zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt.

Der Schifffahrtskonzern Rickmers Gruppe ist sogar noch älter, doch weit weniger wechselhaft: Die Gruppe existiert bereits seit 1834 und ist seit fünf Generationen mehrheitlich im Besitz der Familie Rickmer. Der Unternehmer Rickmer C. Rickmers hatte 1834 eine Werft in Bremerhaven gegründet. Die heutige Rickmers-Gruppe entwickelt und baut Schiffe, betreibt, verchartert und verwaltet eigene und fremde Schiffe. Zudem betreibt Rickmers eine Seefrachtlinie für Stückgut- und Schwerlasttransporte. 2012 erreichte die Gruppe einen Umsatz von 618,3 Millionen Euro und einen operativen Gewinn vor Steuern von 90,5 Millionen Euro.

Gemessen an der Krise, die deutschen Werften und Reedereien seit einigen Jahren durchmachen, geht es der Rickmers-Gruppe noch einigermaßen gut. Dennoch braucht sie viel Geld – und dafür betritt die Rickmers Holding erstmals den deutschen Kapitalmarkt. Rickmers will sich mit der Anleihe unter der Wertpapierkennnummer A1TNA3  bis zu 200 Millionen Euro von Anlegern leihen – und legt dafür auch seine Geschäftszahlen für 2011 und 2013 offen. Vom 27. Mai bis zum 7. Juni können Anleger das festverzinste Papier mit einer Stückelung zu 1000 Euro zeichnen. Der Zinssatz ist mit 8,875 Prozent pro Jahr im Vergleich zu einer fünfjährigen Bundesanleihe mit einem Zins von einem Viertel Prozent eine wahre Rendite-Rakete – vorausgesetzt, Rickmers kann die Anleihegläubiger auch tatsächlich auszahlen.

Die extrem konjunkturabhängige Branche leidet schon seit 2008 unter Auftragsrückgängen, unausgelasteten Kapazitäten und Finanzierungsproblemen. Erst Anfang April rief Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Konferenz der maritimen Wirtschaft in Kiel die Branche dazu auf, sich auf Spezialschiffe zu konzentrieren und dafür mehr in Forschung und Innovation zu investieren.

Das sieht die Rickmers-Gruppe offenbar ähnlich. Sie will in Konzernwachstum, den Ausbau der Rickmers-Linie sowie in die Entwicklung energieeffizienter Schiffe für Containerlinienbetreiber investieren. Doch das ist nicht so einfach. Denn für eine Innovationsoffensive benötigt die Branche viel Geld, insbesondere Schiffsbau und -entwicklung bindet über Jahre viel Kapital. Aber eine Finanzierung über Banken ist weitgehend unmöglich. „Seit der Pleite von Lehman Brothers ist die Kapitalversorgung der Branche zusammengebrochen“, sagt Ignace Van Meenen, Finanzchef der Rickmers-Gruppe. Im Zuge der Finanzkrise musste etwa die HSH Nordbank ihr Geschäft mit der Schifffahrtsindustrie aufgeben. Zudem sind zahlreiche Schiffsfonds im Konjunkturtief Pleite gegangen. „Weder die Finanzierungsmöglichkeiten über die Landesbanken noch über Fonds von Kapitalgesellschaften haben sich seit 2008 erholt. Deshalb müssen wir uns neue Kapitalquellen erschließen.“

Anleihemarkt ist Neuland für die Branche

Ein Frachtschiff der Rickmers-Reederei

Van Meenen erwartet, dass diese neue Form der Finanzierung sich nur langsam etabliert. 2007 machte das Unternehmen bereits einen ersten Schritt an den Kapitalmarkt, als eine Asien-Tochter Aktien an der Börse in Singapur platzierte. Die Anleihe in Frankfurt sei nur ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg zu neuen Finanzierungsquellen. Vorreiter für eine Anleihefinanzierung in der Branche war  Hapag Lloyd mit einer fünfjährigen Anleihe aus dem Jahr 2010, 2012 gab es die „Traumschiffanleihe“ von den Eigentümern des Passagierkreuzers MS Deutschland.

Ganz auf die Banken verzichten will Rickmers jedoch nicht. „Die Banken bleiben für uns ganz wesentlich und wichtig, dort haben wir aktuell 1,8 Milliarden Euro Verbindlichkeiten. Aber unsere Investitionskapazitäten sind weitgehend gebunden und damit zu gering für das geplante Wachstum des Unternehmens“, sagt Mark-Ken Erdmann, stellvertretender Finanzchef.

Die Bankkonditionen seien auch nicht zu teuer, aber vor dem Hintergrund, dass die Projekte in der Schifffahrt sehr kapitalintensiv und die Banken zurückhaltend sind, will sich Rickmers alternative Finanzierungswege erschließen. „Deshalb steht die Zinshöhe auf dem Coupon nicht allein im Fokus. Die Anleihe wird für uns teurer als der Durchschnitt unserer Bankkredite“, so Van Meenen. „Wenn wir aber an den Kapitalmarkt gehen, wird das auch von den Kreditabteilungen der Banken goutiert. Das eröffnet Spielräume.“ Anders ausgedrückt: Klappt die Finanzierung über die Anleihe und weitere Finanzierungsrunden über den Kapitalmarkt, dürften auch die Banken wieder mehr Mut bei der Kreditvergabe entwickeln.

Börse



Für Anleger sind die Rickmers-Papiere aufgrund des hohen Zinssatzes sicher attraktiv. Aber das erhebliche Risiko der gesamten Branche hat der Anleihe auch nur ein Rating unterhalb von „Investment Grade“ beschert. Die Bonitätsprüfer stufen das Papier somit als hochspekulativ ein. Andererseits ist die Rickmers-Gruppe auch viel breiter aufgestellt als eine reine Werft, deren Konjunktur- und Kreditrisiken nochmals schwerer wiegen und die deshalb vielfach mit einem noch schlechteren Rating leben müssen. Dennoch muss Anlegern klar sein: Der Branche geht es schlecht, das Geschäft schwankungsanfällig und sollte Rickmers in Zahlungsschwierigkeiten geraten, drohen Anlegern Kursverluste und im Extremfall sogar ein Zahlungsausfall der kompletten Anleihe.

Aufgrund der niedrigen Stückelung zu 1000 Euro könnte die Anleihe auch als Depotbeimischung für Privatanleger dennoch interessant sein. Rickmers-Finanzchef Van Meenen will vor allem hochwertige, langfristig orientierte Investoren für die Anleihe gewinnen. „Die Zuteilung erfolgt nach Ablauf der Zeichnungsfrist selektiv nach Qualität“, sagt er. „Bisher ist das Interesse sehr gut“, ergänzt Erdmann.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%