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Unternehmensfinanzierung

Blankokredite auf dem Vormarsch

Wegen der Gefahr einer Kreditklemme wird der Realkredit von Unternehmen an Unternehmen zunehmend eine Alternative zum realen Kredit der Banken. Dies birgt jedoch große Risiken.

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Baukräne stehen auf einer Großbaustelle am Messegelände in Frankfurt am Main Quelle: dpa

Wenn Banken durch Pleiten und gesetzliche Restriktionen, wie den Basel-II und III-Bestimmungen, sich eine verhaltene Vergabe von Krediten, Darlehen, Kontokorrent und ähnlichem auferlegen, hat dies konsequenterweise unmittelbare Effekte auf die Realwirtschaft. Denn eine restriktive Vergabepraxis von Darlehen aus der Finanzwirtschaft muss notwendigerweise durch Kreditsubstitute aus der Realwirtschaft kompensiert werden.

Der einfachste Weg, um im Kurzfristbereich Reduzierungen von Betriebsmittelkrediten aufzufangen oder zu egalisieren, ist dabei die Ausweitung der Kreditlinien bei Kreditoren durch erweiterte Zahlungskonditionen. Diese sollten kontraktgemäß zwar regelmäßig verhandelt werden, müssen aber oft auch stillschweigend vom Gläubiger akzeptiert werden.

Das entstehende Problem dabei ist, dass die Liquidität des Lieferanten stärker eingeschränkt wird und zusätzlich in hohem Maße sowohl das Risikovolumen als auch das Risikopotential ansteigen. Denn anders als es Usus der Banken ist, wird beim Warenkredit die Bonität des Abnehmers oft nur unzulänglich geprüft, geschweige denn, dass Forderungen durch Sicherheiten verbürgt und abgesichert werden.

Weniger Sicherheit, mehr Risiko

Während Banken quasi alle Linien ihres „realen Kredits“ – hierzu zählen neben langfristigen Darlehen auch kurzfristige Geldmittel – zunächst durch eine Analyse des Kreditnehmers belegen (wobei diese Bonitätsanalyse gesetzlich vorgeschrieben ist) und dieser anschließend durch weitergehende Sicherheiten untermauert wird, sind Lieferanten oft bereit, mit wenigen Standardinformationen erhebliche Risiken einzugehen, die keine werthaltigen Aussagen, wie sie beispielsweise Kennzahlen liefern, zulassen. Deren „Realkredit“, sprich: der dingliche Lieferantenkredit, gründet deshalb im Insolvenzfall zunächst allein auf den sogenannten „einfachen Eigentumsvorbehalt“, also den unverarbeiteten, direkt zuzuordnenden Waren des Gläubigers, dessen Eigentum bis zur vollständigen Zahlung vorbehalten wird.

Schon im Falle der Vermengung oder Weiterveräußerung, kann es zu kollidierenden Rechten mit Dritten kommen, die insbesondere bei einer masselosen Pleite häufig uneinbringlich sein wird. Ähnlich diffizil ist die Situation bei Verarbeitungsprozessen, bei denen bereits eine Wertschöpfung durch Produktion stattfand. Oft sind diese Risikotypen extern unversichert, weil es anders als in der Finanzbranche keinerlei Verpflichtungen zu einer vertraglichen Ausgestaltung gibt. Sie bleiben dementsprechend oft - als unternehmerische Entscheidung - blanko.

In diesen Fällen wird der Begriff „Kredit“ also auf seinen semantischen Ursprung zurückgeführt: Glauben (und Hoffen).

Um dem riskanten, bei Klumpenrisiken auch Existenz gefährdenden, B2B-Handel eine betriebswirtschaftlich gesicherte Basis zu geben, vertrauen insbesondere größere Mittelständler, aber auch Konzerne auf externe Dienstleister, die dann das wesentliche Obligo bei einem Ausfall übernehmen. Analog der Finanzbranche heißen diese Absicherungen „Kreditversicherungen“. Ferner besteht die Möglichkeit, dass der Lieferant den Forderungsbestand komplett oder selektiv refinanziert, um damit seinerseits die Liquidität vollumfänglich aufrecht zu erhalten.

Einkauf vorfinanzieren

Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers Quelle: dapd

Alternativ kann der Debitor den Einkauf vorfinanzieren, um damit neue oder ersetzende Linien zu schaffen. Diese Option wird beispielsweise dann relevant, wenn entweder keine Ausweitungen der Zahlungsziele möglich sind oder Exporteure keine Kreditversicherungsfazilitäten im Heimatland haben.

Mit der in 2012 erneut aufflammenden Gefahr einer Kreditklemme, die sich bereits schon jetzt im Misstrauen des Interbankenhandels bemerkbar macht, weiten sich entsprechend die Ersatzlinien aus Realkrediten/Lieferantenkrediten aus, da Unternehmen vorab dem Thema begegnen. Sollte es im Laufe der kommenden Quartale eine deutliche Kreditklemme geben, ist zu erwarten, dass jene folglich signifikant ansteigen, da diese ex post aufgefangen werden müssen.

Eine internationale Kreditklemme entstand bereits kurz vor der Lehman-Pleite in 2008 (die in Deutschland allerdings keine nennenswerte Auswirkung über alle Branchen hatte), als ein reges Misstrauen der Banken untereinander herrschte. Und auch heute liegt eine Kreditklemme in der Schwebe und basiert vor allem auf dem gegenseitigen Verdacht der korrespondierenden Banken, dass die Geschäftspartner hohe unwerthaltige Positionen horten.

Finanzierung surrealer Wirtschaft

Mit anderen Worten verdächtigen sich Banken erneut gegenseitig der Finanzierung einer „surrealen Wirtschaft“ und produzieren damit womöglich eine „reale Rezession“. Die Folge für die Realwirtschaft ist, dass sich die Unternehmenskredite ausweiten werden und damit zum einen der Bedarf an zusätzlichen Sicherheiten ansteigt, anderseits auch die Liquidität knapp wird und anderweitig erbracht werden muss.

Nach wie vor wirkt das Thema, dass etliche (Groß-) Banken sich neben Ihrem eigentlichen Kerngeschäft über die letzten Jahrzehnte zunächst dem Investmentbanking (M&A) zuwendeten, dann aber - fatalerweise - den Eigenhandel von Derivaten entdeckten, der mit geringem Mitteleinsatz enorme Gewinne verspricht.

Dieser Hebeleffekt hat einen verheerenden Anreiz auf die dort agierenden Protagonisten, auch weil es an abschreckenden Werkzeugen mangelt, die zu vernünftigem „daytraden“ anhält. Dieser Businesszweig wurde von seitens der wertschöpfenden Industrie und des Gewerbes als Surrealwirtschaft wahrgenommen, nachdem sich in 2008 vielfach herausstellte, dass der Handel von Wertpapieren nicht aus echten Geschäften abgeleitet wurde, sondern dass es sich hierbei um „Blasen“ handelte. Derivate, vom Wesen her notwendige Versicherungsprodukte, die die globalen Wertschöpfungsketten sinnvoll unterstützen, haben sich aber parallel dazu „verselbstständigt“, als sie nicht mehr aus der Realwirtschaft abgeleitet waren.

Ironischerweise gab es bereits in den Anfängen des Bankwesens Praktiken, die aus heutiger Sicht als „Finanzierung des Surrealen“ bezeichnet werden können: So hat etwa bereits im 16 Jahrhundert das erste deutsche Bankhaus, das Bankhaus Fugger in Augsburg, den katholischen Ablasshandel mitfinanziert, mit dem seinerzeit der gewaltige Petersdom in Italien gebaut wurde.

Neue Rollen und Funktionen

Eine Mitarbeiterin gibt Geld durch eine Durchreiche Quelle: dpa

Mit dem sogenannten „Ablassbrief“ wurden „Sündenerlasse“ erstanden, mit denen verstorbene Angehörige aus dem „Fegefeuer“ freigekauft werden sollten. In Deutschland wurde dieser durch den berühmt-berüchtigten Johann Tetzel, als frühem Powerseller Roms und Vertriebschef des Ablasses, feilgeboten. Der einzige Unterschied zu Blasen heutiger Zeit ist, dass die damalig geprellten Gläubiger die Chimäre qua Beweis noch nicht aufdecken konnten und somit nie ein (wohl berechtigter) Rückzahlungsanspruch gefordert wurde. Wer’s glaubte wurde wenigstens selig.

Die durch gesetzliche Vorgaben vermehrten Abschreibungen von Krediten bei Ausfällen sowie dem Misstrauen der „Surrealwirtschaft“ untereinander mit der Folge einer nun drohenden Kreditklemme führt ergo dazu, dass Unternehmen selbst in die Rolle der Finanziers Ihrer Abnehmer eintreten (müssen).  Sei es größtenteils als Waren- oder zum Zweiten auch als Finanzdarlehensgeber. Als drittes Modell fungieren Unternehmen zudem „indirekt“ als Kreditgeber, indem sie qua Beteiligungen Ihr eigenes Distributionsnetzwerk mit Eigenkapital unterstützen.

Wandel von Forderungen

Als Marketinginstrument wird diese Option mit geringen Beteiligungsquoten angewendet, solange kein gesetzlich definierter maßgeblicher Einfluss zugeschrieben werden kann. Auch im Zuge des neuen Insolvenzrechts könnte es indes zu einer Zunahme von Distributionskanalbeteiligungen kommen, wenn durch einen „Wandel von Forderungen“ Anteile erzeugt werden, dem sogenannten „debt-equity-swap“.

Im Normalfall wird jedoch der Abnehmer, der sein Risiko kalkulieren möchte, bemüht sein, durch das Absicherungstool „Kreditversicherung“ seinem Debitorenstamm eine verbesserte Werthaltigkeit zu unterlegen. Immerhin umfasst das Volumen dieser Kreditform in der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung eine Größenordnung, die denen der kurzfristigen „realen Kredite“ aus dem Finanzsektor entspricht.

Im kurzfristigen Bereich wird die Absicherung der Debitoren durch Waren- und Ausfuhrkreditversicherungen ermöglicht, bei mittel- und langfristigen Zahlungszielen, etwa von Projektgeschäften oder bei revolvierendem Anlagenbau, durch die sogenannte Investitionsgüterkreditversicherung. Hier bleibt lediglich zu befürchten, dass die Kapazitäten von Obligoübernahmen, also der Erweiterung neuer Risikotransferzusagen der Kreditversicherer, an neu anfragende Unternehmen, zunehmend knapper werden können, sollte die Kreditklemme All-Branchen umfassend greifen. Denn die Kreditversicherer begründen den Zahlungsanspruch Ihrer Kunden mit konkreten Bonitätsanalysen ähnlich der Banken.

Börse



Sollten also Kreditinstitute erhebliche Reduzierungen ihrer „realen Kredite“ vornehmen, wird dies nicht unbegrenzt in gleichem Maße durch besicherte „Realkredite“ zu ersetzen sein.

Aber es muss, auch unter Einsatz geeigneter Instrumente, nicht zwangsläufig zu einer Liquiditäts- und Risikoklemme kommen, die dann die Gesamtwirtschaftsleistung in Deutschland und der EU hemmen würde: wenn die Realwirtschaft sich selbst zu helfen weiß.

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