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US-Börse Anleger wollen Geld sehen

Investoren machen Druck auf die großen Technologieunternehmen. Die sollen Dividenden ausschütten und das Geld nicht in Zukäufe stecken. Die beste Geschichte aus dem aktuellen US-Magazin Barron's.

Das Logo des Quelle: EPA/ANDREW GOMBERT/dpa

Wall Street trifft Redmond: Am 14. September lädt Microsoft zur Analysten-Konferenz ins kalifornische Anaheim. Das beherrschende Thema scheint schon jetzt festzustehen – die Anleger werden vom High-Tech-Unternehmen eine höhere Dividende einfordern. Ob Microsoft-Chef Steve Ballmer sich dazu jedoch erweichen lässt, kann bezweifelt werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich über die von den Investoren gehegte Hoffnung auf eine Erhöhung der Dividendenrendite von derzeit knapp 2,5 Prozent berichte. Die jährliche Analystenkonferenz ist gewöhnlich der Zeitpunkt, an dem sich der Vorstand von Microsoft mit diesem Thema befasst. Meiner Meinung nach ist mit einer Erhöhung zu rechnen – dramatisch dürfte die gleichwohl nicht ausfallen. Im Vorjahr stieg die Dividende um 23 Prozent, im Jahr davor um 18 Prozent.

Aber ich will hier nicht nur auf Microsoft herumhacken. Der Analyst Tavis McCourt von der US-Investmentgesellschaft Morgan Keegan, der sich unermüdlich für höhere Ausschüttungen einsetzt, befasst sich in einem gerade veröffentlichten Bericht ganz allgemein mit den Erträgen der Aktionäre von IT-Unternehmen.

Technologieaktien mit niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnissen

Bargeld zu horten, behauptet McCourt, "zerstöre den Aktionärswert von High-Tech-Unternehmen". Technologieaktien, betont er, notieren trotz vielfach besserer Wachstumsaussichten insgesamt mit niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) als die Aktien vieler anderer Branchen. Einschließlich der modrigen alten Industriewerte.

Im Branchenvergleich horten die Technologieunternehmen seinen Berechnungen zufolge die – gemessen an der Gesamtkapitalisierung – höchsten Barmittelbestände. Obwohl die Aussichten auf ein überproportional hohes Ertragswachstum gut seien, hätten die Aktien im Durchschnitt die niedrigsten Bewertungen.

Im Schnitt belaufen sich die Barmittel nach Schätzungen von McCourt auf 28 Prozent des Unternehmenswertes. Das durchschnittliche KGV liege bei nur dem 10,4-Fachen des für das laufende Jahr erwarteten Gewinns pro Anteilsschein.

In den vergangenen zwölf Monaten brachten es US-Technologieaktien auf eine Gesamtrendite von nur 7,6 Prozent. Das heißt, sie lagen sogar unter dem Niveau der Versorger, die mit 7,9 Prozent rentierten. Nicht von ungefähr liegt auch die durchschnittliche Dividendenrendite im Technologiesektor bei mickrigen 1,4 Prozent.

Der Eingang des amerikanischen Quelle: Christof Kerkmann

Und das schlägt sich auch auf die Performance der Aktien nieder. Anteilsscheine von Unternehmen mit höheren Ausschüttungen übertreffen innerhalb des Technologiesektors die von vergleichbaren Firmen, schreibt McCourt: "Über das vergangene Jahr gesehen, legten die Aktien der guten Dividendenzahler mit einer Gesamtrendite von 10,4 Prozent eine weit bessere Performance vor als die der schlechten Dividendenzahler mit 4,7 Prozent." Und dies, obwohl die Gewinnaussichten der Dividendenzahler zuletzt schlechter waren. Bei ihnen wird ein Rückgang des Gewinns je Aktie von 2,0 Prozent erwartet, bei Nicht-Dividendenzahlern soll der Gewinn dagegen um 9,7 Prozent steigen.

Wirklich absurd aber sei, dass die Unternehmen mit ihren Bargeld-Massen aufwendige Akquisitionen tätigen, anstatt die Gelder an die Aktionäre auszuschütten. McCourt nennt zwar keine Namen, aber die 12,5-Milliarden-Dollar-Offerte von Google für die Mobilfunksparte von Motorola ist wohl ein treffendes Beispiel, auch wenn Google die Übernahme als gutes Geschäft bezeichnen mag.

Studien wie die von McCourt liefern deutliche Hinweise auf die sich zunehmend verhärtenden Fronten zwischen Anlegern, die Ausschüttungen verlangen, und Unternehmen, die ihr Geld lieber in Fusionen und Akquisitionen stecken.

Apple hortet Gelder

Als Steve Jobs vor zwei Wochen den Chefposten bei Apple aufgab, entbrannten sofort heftige Spekulationen, ob der Konzern nun eine Dividende einführen würde oder einen Aktienrückkauf plane. Einige Analysten meinen, eine derartige Maßnahme könne wertorientierte Anleger anlocken, was der Aktie nach dem Abgang von Jobs eine zusätzliche Absicherung böte.

Derzeit erwarte ich nichts dergleichen, jedenfalls nicht so lange, wie der Dividenden-Gegner Jobs Vorsitzender des Verwaltungsrats (Board of Directors) ist.

Also wird die Gesamtposition an Barmitteln und Wertpapieren in der Bilanz von Apple, die sich inzwischen auf erstaunliche 76,2 Milliarden Dollar belaufen, weiter hervorstechen wie ein Leuchtturm in der Wüste. Dabei zeigt sich Apple seit Jahren nur mäßig akquisitionsfreudig und hat auch keine große Übernahme ins Auge gefasst. Wozu horten sie wohl das viele Geld? Im vergangenen Jahr generierte Apple einen freien Cash-Flow in Höhe von erstaunlichen 16,6 Milliarden Dollar. Damit hätte das Unternehmen den Rückkauf eigener Aktien im Umfang von fünf Prozent seiner gesamten Börsenkapitalisierung finanzieren können. Oder Apple hätte 17,90 Dollar je Aktie an die Aktionäre ausschütten und damit die Dividendenrendite auf rund fünf Prozent steigen lassen können.

Das sind natürlich extreme und sicher nicht realistische Vorschläge. Aber sie veranschaulichen das immense Ausschüttungspotenzial von Apple, das Ausmaß an Geldern, die zur Verfügung stünden, selbst wenn das Unternehmen das bereits auf der Bank liegende Geld nicht angreifen würde.

Das Bargeld, das im Tech-Sektor schlummert, hat jetzt Aufkäufer angelockt, die auf der Suche nach geeigneten Übernahmezielen sind. Eine ganze Anzahl möglicher Kandidaten wurde bereits bekannt. Zum Objekt der Begierde wurden sie nicht, weil ein Käufer sich mit ihnen verstärken wollte, es sind also keine „strategischen“ Überlegungen. Vielmehr handelt es sich um Firmen, die üblicherweise von Finanzinvestoren wie etwa Private-Equity-Gesellschaften gekauft, umstrukturiert und wieder verkauft werden.

Einer der in der vergangenen Woche genannten Namen war AOL, das einstige Internet-Vorzeigeunternehmen, das nur mehr ein Schatten seines zu Dotcom-Zeiten so großartigen Selbst ist. Die "New York Post" berichtete, AOL überlege gemeinsam mit Banken einen Rückzug von der Börse. Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR) gilt als einer der möglichen Interessenten

AOL hat sich in letzter Zeit zu einem wichtigen Content-Anbieter entwickelt. Das Unternehmen besitzt zum Beispiel die amerikanische Web-Zeitung "The Huffington Post". Von Interesse ist der Internet-Konzern jedoch in erster Linie wegen seiner ursprünglichen Tätigkeit als Internet-Anbieter, der Millionen von Menschen gegen eine monatliche Gebühr Netzzugang verschafft. Tatsächlich verdient AOL mit dieser Sparte noch immer eine erhebliche Summe. UBS-Analyst Brian Fitzgerald erwartet für das laufende Jahr 732 Millionen Dollar beziehungsweise rund ein Drittel des Gesamtumsatzes aus diesem längst schrumpfenden Zugangsgeschäft.

In einem jüngst publizierten Kommentar schreibt Fitzgerald, AOL enthalte "versteckten Wert". Das Internet-Zugangsgeschäft werde zwar in diesem ebenso wie im kommenden Jahr um 23 Prozent schrumpfen, aber was übrig bleibe, sei insofern eine attraktive Geldmaschine, deren Unterhalt kaum Kosten verursache.

Zu große Unsicherheiten

Mit der mit 79 Prozent sehr hohen Gewinnmarge vor Steuern und minimalem Kapitalbedarf bringt das Netzzugangsgeschäft AOL laut Schätzungen von Fitzgerald in diesem Jahr einen freien Cash-Flow in Höhe von 600 Millionen Dollar. Das entspricht zwölf Dollar je AOL-Aktie; die Aktie notierte zuletzt mit rund 14 Dollar nicht weit darüber.

Der Wert der Summe aller übrigen Teile von AOL beläuft sich nach Berechnungen von Fitzgerald auf nahezu 20 Dollar je Aktie. Diese Schätzung ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber das ist nicht der springende Punkt: Was die Aufkäufer anlocken könnte, ist die Cash-Maschine, die AOL durch das Netzzugangsgeschäft sein Eigen nennt. Mit ihr allein ließe sich die Übernahme fast schon finanzieren. Ein potenzieller Käufer würde das Unternehmen umstrukturieren und die Internet-Zugangssparte an jemanden verkaufen, der aus dem Cash-Flow größeren Nutzen zu schlagen weiß.

Ich würde nie zum Kauf eines potenziellen Übernahmezieles raten, die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten sind zu groß. Aber ganz abwegig erscheinen diese Gerüchte nicht, denn es liegt tatsächlich massenhaft Bargeld völlig untätig herum.

AOL ist nur ein prominentes Beispiel. Unter dem Strich erscheint mir eine Phase hektischer Übernahmen im Tech-Sektor letztlich wahrscheinlicher als eine dramatische Erhöhung der Dividenden.

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