US-Börsen bekommen Notausschalter Casino Royale an der Börse

Absurde Kursstürze, Handelsausfälle und Schein-Orders: Die Aktienmärkte werden immer unzuverlässiger. Jetzt wird sogar ein Notausschalter für den Handel geplant. Börse verkommt zum Glücksspiel.

Die Aufsichtsbehörden sollten Hochfrequenzhändler stärker kontrollieren. Quelle: dpa

Nomen est omen. Ausgerechnet Procter & Gamble! Die Aktie fiel am 30. August um 18.11 Uhr binnen einer Sekunde von 77,50 auf 73,61 Dollar und sprang prompt zurück. Ein Kurssturz um fünf Prozent, der die Aktie wirklich zum "gamble" (Glücksspiel) macht.

Ursache: Ein Verkäufer soll aus Versehen viel zu viele Procter-Aktien verkauft und so den Kurs gedrückt haben. Auffällig: Auch beim Flash-Crash im Mai 2010 war Procter von Kurzzeit-Abstürzen betroffen.

Der jüngste Mini-Flash-Crash passt ins Bild. Längst sind an der Börse dubiose Kursstürze, Handelsausfälle und massenhaft Schein-Orders keine Ausnahmeerscheinung mehr. Schnell werden Fehl-Orders als Ursache ausgemacht. Tatsächlich führen die Spuren aber häufig zu Hochfrequenzhändlern, die mittlerweile einen Großteil des Börsenhandels ausmachen.

Wenn der Computer Millionen verzockt
Wegen technischer Probleme hat die Derivate-Börse Eurex den Handel am Montagmorgen vorübergehend gestoppt. "Die Aussetzung wurde durch eine fehlerhafte Zeit-Synchronisierung im System verursacht", teilte die Tochter der Deutschen Börse mit. Aus diesem Grund sei der Handel zwischen 08:20 und 09:20 Uhr (MESZ) angehalten und sämtliche Produkte auf den Stand vor Börseneröffnung zurückgesetzt worden. Dies ist die erste Unterbrechung an der Eurex seit dem 11. Oktober 2011. Damals hatten Probleme mit einem Großrechner den Handel mit Dax-Future, Bund-Future & Co. für mehrere Stunden zum Erliegen gebracht. Vergangene Woche hatte eine Panne die US-Technologiebörse Nasdaq drei Stunden komplett lahmgelegt. ´ Im Vergleich zum Vorjahr sind bei diesen Pannen aber immerhin keine Vermögen vernichtet worden... Quelle: Fotolia
440 Millionen in 45 MinutenNeu ist nicht immer besser. Die Börsenfirma Knight Capital verlor schnell die Freude an ihrer frisch installierten Software. In nur 45 Minuten bescherte die Software dem Börsenhändler einen Schaden von 440 Millionen US-Dollar. Das Programm kaufte und verkaufte fleißig verschiedene Aktien. Dabei kaufte der Computer zum Marktwert und verkaufte mit Rabatt. Pro Trade gingen zwar nur einige Cents verloren, doch der Computer war so schnell, dass bis zum Beheben des Fehlers 440 Millionen Dollar weg waren. Nur eine 400 Millionen Dollar schwere Finanzspritze einer Gruppe von Investoren sicherte letztlich das Überleben der Börsenfirma. Zur Umfrage: Das Software-Beratungsunternehmen SQS fragte die eigenen Berater nach den größten Software-Pannen 2012 und veröffentlichte die Ergebnisse. Quelle: AP
Der RohrkrepiererDas Börsenunternehmen Bats blamierte sich 2012 selbst. Beim Börsengang floppte die handelseigene Software des Börsenbetreibers und konnte nicht einmal den Kurs der eigenen Aktie anzeigen. Nach einer Serie von technischen Pannen musste die drittgrößte US-Börse Bats Global Markets schließlich die Notbremse ziehen und sich am Tag ihres Marktdebüts wieder aus dem Handel verabschieden. Die Aktie stürzte vom Ausgabepreis von 16 Dollar auf weniger als einen Penny ab. Quelle: AP
Größter Börsengang des Jahres wird größter FloppDer Börsengang des sozialen Netzwerks Facebook war das Thema an der Börse 2012. Doch der Börsengang floppte. Nicht nur weil sich der Wert die Aktie innerhalb weniger Tage halbierte, sondern auch weil die Nasdaq Probleme beim ersten Kurs der Aktie hatte. Die Anzeige des ersten Kurses verzögerte sich um mehrere Minuten. Dabei gingen wohl viele Orders einfach im Nichts verloren. Die Panne betraf laut SQS nicht weniger als 30 Millionen Aktien. Quelle: dpa
Peinliche Panne bei MicrosoftDer Cloud-Computing-Dienst „Azure“ von Microsoft hatte den 29.Februar schlicht und einfach vergessen. Der Dienst, der alle Daten von überall erreichbar machen soll, war zwölf Stunden lang nicht erreichbar. Microsoft entschuldigte sich für den Fehler, bei dem laut Microsoft keine Daten verloren gingen. Wegen des zusätzlichen 29. Februar kam auch ein Bezahlsystem der australischen Krankenversicherungen zwei Tage lang zum Erliegen. 150.00 Patienten konnten die Bezahlfunktion ihrer Versichertenkarte nicht nutzen. Quelle: dpa
Kündigungsgebühren aus dem NichtsEin deutscher Energieversorger kassierte bei seinen Kunden zu Unrecht ab. Eine Software hatte nämlich bei 94.000 Kunden Kündigungsgebühren angerechnet, obwohl keine angefallen waren. Das Energieunternehmen musste insgesamt 1,7 Millionen Euro zurückzahlen. Quelle: dpa
US-Regierung mit teurem UpdateTeuer ist nicht gleich gut. Ein Update der Steuer-Software der USA, das 1,3 Milliarden Dollar gekostet hatte, brachte den Steuerbeamten jede Menge Sorgenfalten. Insbesondere bei der Steuererstattung machte die Software Ärger. 85 Prozent aller Erstattungen kamen zu spät an. Quelle: AP

Beispiele gefällig? Am 4. September stellte die US- Börse Nasdaq normalen Marktteilnehmern sechs Minuten lang für 113 Aktien keine Kursdaten mehr zur Verfügung. Hochfrequenzhändler, die automatisch in Millionstel-Sekunden ihre Aufträge abgeben, bekamen über andere Systeme aber weiter Nasdaq-Daten gestellt. Laut Datendienstleister Nanex wurde mit den betroffenen Aktien während der Störung 5.060 Mal an der Nasdaq gehandelt, oft zu Kursen abseits der eigentlichen Marktpreise. In einer Mitteilung der Nasdaq selbst, erst 19 Minuten nach dem Ausfall verschickt, klang das anders: "Der Handel war nicht betroffen." Erst am 22. August hatte die Nasdaq den kompletten Handel drei Stunden gestoppt - auch da waren wohl Abstimmungsprobleme zwischen Systemen schuld. Jetzt plant die US-Börsenaufsicht SEC als Konsequenz einen Notausschalter, den sogenannten "Kill Switch", der den Börsenhandel sofort lahmlegen soll, wenn der Handel stockt.

Kuriose Börsenpannen

"In jedem anderen Industriezweig haben Computer Transparenz gebracht. Aus der Börse haben sie ein schwarzes Loch gemacht", schimpft Nanex-Chef Eric Hunsader. Ihn stört, dass die superschnellen Börsendealer Massen an Schein-Orders aufgeben - Kauf- oder Verkaufsaufträge, die sie direkt wieder stornieren. So wollen sie Umsätze vortäuschen, andere Trader anlocken oder den Datenfluss an den Börsen verlangsamen, um an Unterschieden zwischen alten und aktuellen Preisen zu verdienen. Diese Schein-Orders sollen schon Systemausfälle verursacht haben. Auch gezielte Kurssprünge sollen möglich sein. Laut Credit Suisse waren 600 europäische Aktien von Juli bis September 2012 18,6 Mal von Schein-Orders betroffen. Jede von ihnen! Täglich! Meist dauern die Bombardements nur Sekunden. Erstmals aufgetreten sind sie 2007. Da starteten auch Hochfrequenzhändler.

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Privatanleger spüren die Folgen. Kursstürze können Stop-Loss-Marken zum Vabanque-Spiel machen. Auf jeden Fall strapazieren die Kapriolen die Nerven. Sollen Privatanleger nicht abgeschreckt werden, müssen die Börsenbetreiber ihre Systeme besser koordinieren und bekannte Schwachstellen schließen. Die Aufsicht sollte Hochfrequenzhändler stärker kontrollieren. Eine Mindestgültigkeit für Kauf- und Verkaufsaufträge wäre ein erster Schritt, um Schein-Orders auszurotten.

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