US-Börsen Konzerne gieren nach Übernahmen

Die Konzerne haben zu viel Cash, also kaufen sie andere. Schon jetzt haben sie angekündigt, 2013 Wettbewerber für 160 Milliarden Dollar zu schlucken. Innovationen wären für Aktionäre attraktiver.

Fressen und gefressen werden: Unter US-Konzernen rollt eine Übernahmewelle Quelle: Citron / CC-BY-SA-3.0 / Marcel Stahn für WirtschaftsWoche Online

Laut einer im US-Magazin "Science" publizierten Studie wirken sich Spuren von Psychopharmaka, die durch menschliche Ausscheidungen ins Abwasser und dann in die Flüsse gelangen, negativ auf das Verhalten von Fischen aus. Das zeigen schwedische Untersuchungen von Flüssen in dicht bevölkerten Gebieten. Fische, die in Versuchen Psychopharmaka ausgesetzt wurden, legten ihr Verhalten als "Schwarmfische" ab. Sie zeigten ein "sehr viel gierigeres Fressverhalten und erwiesen sich als effizientere Futterbeschaffer" als drogenfreie Artgenossen. Die erhöhte Risikobereitschaft führte aber auch dazu, dass gedopte Fische häufiger von Räubern erwischt wurden.

Milliardenabschreibungen statt fetter Gewinne
Ron Sommer investierte 2001 rund 40 Milliarden Euro in die Übernahme des US-Mobilfunkanbieters Voicestream. Der damalige Telekom-Chef wollte damit den US-Markt erobern - der Plan ging schief. Bis heute leidet die Telekom unter der Übernahme. Im dritten Quartal 2012 hat die Telekom den Buchwert der US-Tochter um brutto 10,6 Milliarden korrigiert. Insgesamt hat die Telekom schon rund 20 Milliarden Euro auf das Übersee-Geschäft abgeschrieben. Der aktuelle Telekom-Chef René Obermann möchte dem Debakel durch eine Fusion mit den Konkurrenten MetroPCS Herr werden. Quelle: AP
2001 kaufte die Deutsche Post unter Klaus Zumwinkel den amerikanischen Expressdienst DHL - für 22 Milliarden Euro. 2005 legte er 5,6 Milliarden Euro für den britischen Kontraktlogistiker Exel hin. Beide Zukäufe brachten das Unternehmen nicht voran. Im Gegenteil: Das US-Inlandsnetz DHL erwies sich als katastrophaler Geldvernichter. DHL konnte sie nie gegen die US-Konkurrenten Fedex und UPS durchsetzen. Mit dem Kauf des Flugdienstes Airborne, der dazu gedacht war, das DHL-Geschäft auszubauen verbrannte der Post-Chef nur weitere 310 Millionen Dollar. 2008 beschloss der neue Konzernchef Frank Appel den Ausstieg aus dem desaströsen US-Geschäft. Quelle: dpa/dpaweb
Unter Jürgen Schrempp fusionierte Daimler 1998 mit den US-Autobauer Chrysler. 36 Milliarden Dollar flossen in die Hochzeit. Die Ehe erwies sich als eine der größten Pleiten der Automobilindustrie. Dank Chrysler rutschten die Stuttgarter in die roten Zahlen. Schrempp-Nachfolger Dieter Zetsche machte der glücklosen Verbindung 2007 ein Ende und verkaufte Chrysler. Kosten für den Fehlgriff: 30 Milliarden Euro. Weitere Milliarden verbrannte Daimler-Chef Schrempp mit der Beteiligung an Mitsubishi - 2005 stiegen die Schwaben wieder aus. Quelle: dpa/dpaweb
Ursprünglich wollte Ex-E.On-Chef Wulf Bernotat den spanischen Energiekonzern Endesa komplett übernehmen und dafür 42,3 Milliarden Euro locker machen. Stattdessen kamen die italienische und spanische Konkurrenz zum Zug. E.On musste sich mit Beteiligungen im Wert von 11,5 Milliarden Euro zufrieden gegeben - immer noch viel zu viel wie sich herausstellte. Ende 2011 waren die Beteiligungen nur noch gut 9,4 Milliarden Wert. Durch die missglückte Expansion nach Südeuropa hat den Energiekonzern bisher Abschreibungen im Wert von 6,5 Milliarden Euro angehäuft. Quelle: AP
Siemens-Chef Peter Löscher zieht 2009 die Übernahme des israelischen Solarthermie-Unternehmens Solel durch. Kosten: 284 Millionen Euro. Jetzt will er die Sparte wieder loswerden. Im Geschäftsjahr 2010/11 musste Siemens auf Solel insgesamt 231 Millionen Euro abschreiben. Etwa fünf Milliarden Euro zahlte Siemens für das US-Unternehmen Dade Behring, mehr als das Vierfache des Jahresumsatzes oder fast das 19-Fache des Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Als völlig überteuert kritisierten viele Analysten den Deal – und behielten recht. Im Herbst 2010 musste Löscher auf Dade Behring schließlich 1,1 Milliarden Euro abschreiben. Grob verschätzt hat sich Löscher auch beim Kauf der oberbayrischen Leuchtenfirma Siteco durch die Siemens-Tochter Osram im Februar 2011. Der Kaufpreis lag bei 260 Millionen Euro. Siteco entwickelt sich, etwa wegen der schwächeren Margen im Lichtgeschäft, schlechter als erwartet. Ende Juni schrieb Osram 100 Millionen Euro ab. 2010 fuhr Siteco einen operativen Verlust von 6,9 Millionen Euro ein. Weder Siemens noch Osram verraten, ob die Tochter inzwischen profitabel ist. Quelle: REUTERS

Die Geschichte verführt zu Rückschlüssen auf die aktuelle Flut von Fusionen und Akquisitionen am US-Markt. Die Hypothese, der verbreitete Einsatz von Psychopharmaka könne die Aktivitäten auf den Finanzmärkten beeinflussen, wird schließlich nicht zum ersten Mal aufgestellt.

Hauptursache der Flut an Übernahmen ist aber, dass zu viel Geld, das von Zentralbanken in die Märkte gepumpt wurde, ertraglos in den Unternehmensbilanzen herumliegt. Das will ausgegeben werden. Und so belaufen sich die 2013 angekündigten Deals bisher bereits auf rund 160 Milliarden Dollar – der stärkste Jahresbeginn seit 2005.

Zu den Deals zählen die 23 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Ketchup-Herstellers Heinz durch Berkshire Hathaway und die brasilianische Investmentfirma 3G Capital, die Komplettübernahme der von General Electric gehaltenen 49 Prozent des Mediengiganten NBC Universal durch Comcast für 16,7 Milliarden Dollar, der geplante Rückkauf des Computerriesen Dell für 24 Milliarden Dollar, die auf elf Milliarden Dollar veranschlagte Fusion der insolventen US-Fluggesellschaft American Airlines mit der US Airways Group sowie die 16 Milliarden Dollar schwere Übernahme der britischen Virgin Media durch den amerikanischen Kabelkonzern Liberty Global.

Auffällig an all diesen Übernahmen und Zusammenschlüssen ist, dass es immer nur um Konsolidierung geht, nicht um Innovation oder aufregende neue Perspektiven. Das Hauptargument ist profan: Mit den Zusammenschlüssen ist mehr Ertrag zu machen als mit den mageren Zinsen, die das viele Bargeld in den Bilanzen der Unternehmen abwirft.

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