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US-Shutdown „Ami-Land“ ist abgebrannt

Die USA stehen mit 16,7 Billionen Dollar Schulden kurz vor der offiziellen Pleite. Keine neue Situation – doch eine mit bisher völlig gegensätzlichen Auswirkungen auf die Börsen. Was die Geschichte Anleger lehren sollte.

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Wenn sich Republikaner und Demokraten nicht rechtzeitig auf eine höhere Schuldenobergrenze einigen, gerät der US-Staatsapparat ins Schlingern. Bereits jetzt kostet die Einschränkung des Staatsdienstes die Wirtschaft rund 300 Millionen US-Dollar täglich. Quelle: Getty Images

Frankfurt Im Land der fast unbegrenzten Möglichkeiten ist die gesetzlich festgeschriebene Schuldenobergrenze von aktuell 16,7 Billionen US-Dollar erreicht. Der US-Staatshaushalt steht deshalb kurz vor dem Kollaps. Wieder einmal. Es ist nun schon das achtzehnte Mal seit 1976, dass es zum sogenannten „Shutdown“ gekommen ist: Schon jetzt wurden öffentliche Bedienstete in den Zwangsurlaub geschickt, Museen, Bibliotheken und öffentliche Parks sind geschlossen worden.

Und das alles, weil die Republikanische Partei einer Erhöhung des Schuldenlimits nur dann zustimmen will, wenn Präsident Obama Kompromisse bei der gesetzlichen Krankenversicherung eingeht. Die knappe Zeit bis zum 17. Oktober nutzen die Republikaner als politischen Hebel, den sie vermutlich bis zur letzten Sekunde ausspielen: Denn bis zu diesem Datum muss die Heraufsetzung der Schuldenobergrenze beschlossen werden. Ansonsten dürfen die USA zur weiteren Finanzierung ihrer Ausgaben keine weiteren Kredite mehr aufnehmen.

Die Kosten für dieses Spiel sind schon jetzt unverhältnismäßig hoch: „An den Zollstellen in den Häfen und Flughäfen, in denen Waren umgeschlagen werden, wird nur noch mit halber Kraft gearbeitet. Genehmigungsverfahren in den Behörden werden aufgeschoben, Gerichtsentscheide vertagt, zu prüfende Unterlagen für anstehende Bahntransporte bleiben liegen. Die Einschränkung des Staatsdienstes kostet die Wirtschaft schon jetzt rund 300 Millionen US-Dollar täglich“, rechnet Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, vor.

Düster nehmen sich auch die Prognosen des US-Finanzdienstes Macroeconomic Advisers aus: Eine Woche Stillstand würden demnach im vierten Jahresquartal rund 25 Milliarden US-Dollar kosten – das entspräche 550 Millionen US-Dollar pro Tag. Beißen sich Republikaner und Demokraten im Kongress ineinander fest, und kommt es zu keiner Lösung, drohen den USA und auch der Weltwirtschaft unabsehbare Folgen.


Der 17. Oktober und was danach kommt

Der Spuk könnte schnell vorbei sein. Die Erhöhung des Schuldenlimits ist eigentlich nur ein kleiner Verwaltungsakt. Und es gibt gute Gründe, warum nur wenige Experten damit rechnen, dass die Republikaner am 17. Oktober den Karren tatsächlich gegen die Wand fahren lassen. Der wichtigste Grund: Eine Umfrage des Fernsehsenders ABC ergab, dass 70 Prozent der Befragten den Republikanern die Schuld an der aktuellen Misere geben. Im Senat regieren die Demokraten, die Republikaner haben die Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Dadurch können sie die Gesetzgebung derzeit blockieren.

„Doch im kommenden Jahr sind Zwischenwahlen. Wenn es zum Schlimmsten käme und die Mehrheit der US-Bevölkerung das derzeit unrühmliche Verhalten der Republikaner bis dahin nicht vergessen hat, könnte sie das die Mehrheit im Abgeordnetenhaus kosten. Ich glaube nicht, dass sie das riskieren werden“, sagt Robert Halver. Schon haben moderate Republikaner im Kongress signalisiert, im nationalen – und letztlich auch im eigenen – Interesse gemeinsam mit den Demokraten abzustimmen.

Deshalb erwartet Halver, dass die Schuldengrenze in Kürze – wenn auch vielleicht temporär nur bis Januar 2014 - angehoben wird. „Dann kämen die gleichen Budgetprobleme zwar wieder auf den Tisch. Aber immerhin dürfte sich zunächst die Auswirkung auf die Finanzmärkte und die amerikanische Wirtschaft in Grenzen halten“, so Halver.

Selbst wenn der Shutdown nicht rechtzeitig beendet und die Schuldenobergrenze nicht angehoben wird, bestünde trotzdem Hoffnung, dass die USA ihren ausstehenden finanziellen Verpflichtungen nachkommen würden: „Das Schatzamt könnte beispielsweise bestimmte Tilgungen vorziehen“, erklärt Asoka Wöhrmann, Co-Anlagechef bei der Deutsche Bank Asset & Wealth Management.

Es würde einen Zeitgewinn bedeuten. Das Feilschen dürfte sich in diesem Fall noch bis in den November hineinziehen. „Dann sollte es jedoch eine Lösung geben. Die Auswirkung auf die Wirtschaft dürfte im vierten Quartal dennoch deutlich sein, nämlich dann aufs Jahr gerechnet rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, so Wöhrmann.

Doch es kann natürlich auch anders kommen: Der für die Wirtschaft gefährlichste, aber auch unwahrscheinlichste Fall, ist, dass es im November zu einem Zahlungsausfall der USA kommt. „Das dürfte zu einer erheblichen Volatilität an den Märkten führen“, so Wöhrmann. Vor allem bei US-Staatsleihen würde es demnach vermutlich starke Verwerfungen geben. Die Risikoaversion würde weltweit ansteigen, es würde zu einem weltweiten Verkauf von als riskant eingestuften Anlageklassen kommen, etwa bei Aktien.


Verschiedene Szenarien sind denkbar

Der Schaden für die Wirtschaft dürfte erheblich sein und das Wachstum für einige Zeit deutlich belasten. „Der entscheidende Faktor dabei ist der Vertrauensverlust, der für Probleme über sämtliche riskanten Anlageklassen hinweg sorgen sollte“, warnt Wöhrmann. Zudem würde eine Zahlungsunfähigkeit der USA eine Serie hochkomplexer Ereignisse im Finanzsystem in Gang setzen, die nicht mehr aufzuhalten wären. „Dabei bestünde das Risiko eines finanziellen Infarkts à la Lehman.

Die Wahrscheinlichkeit, den Patienten wiederbeleben zu können, wäre dann sehr viel geringer als noch 2008, denn in der Zwischenzeit hat man die geld- und fiskalpolitische Munition weitgehend verpulvert“, sagt Willem Verhagen, Volkswirt bei ING IM International. Nicht nur der US-Haushalt steht auf der Kippe, sondern auch die weitere Entwicklung der Aktienmärkte. Verschiedene Szenarien sind denkbar.

Anleger, die nun davon ausgehen, dass sich die politischen Wogen in letzter Minute doch noch glätten werden, könnten vermuten, dass danach erst einmal Ruhe an der Börse einkehrt. Zumal mit der nicht überraschenden Nominierung von Janet Yellen als neuer US-Notenbankchefin eine Nachfolgerin in Ben Bernankes Fußstapfen tritt, von der nichts anderes erwartet wird als eine Fortsetzung der bisherigen Politik der Notenbank. Und das bedeutet: Weiterhin niedrige Zinsen und ein ungebremster Ankauf von US-Staatsanleihen. Also business as usual?

Die Geschichte lehrt Anderes: Von Ruhe nach dem Sturm können Investoren nicht ausgehen – selbst wenn das Tagesgeschäft in den Verwaltungen wieder normal aufgenommen wird. Denn nicht zum ersten Mal treiben die Haushaltspolitiker im US-Kongress die Börsianer in den Wahnsinn. Der Streit um den hochverschuldeten US-Haushalt ist mittlerweile ein eingeübtes Ritual. Trotzdem reagieren die Börsen jedes Mal immer noch überraschend heftig nach dem jeweiligen Streit um die Erhöhung des Schuldenlimits.

Immerhin: In den meisten Fällen starteten die Börsen nach der politisch hart umkämpften Einigung im Kongress eine Rally, beispielsweise nach der Jahreswende 1995/96, als im Haushaltsstreit zwischen Bill Clinton und seinem republikanischen Kontrahenten Newt Gingrich die Bundesverwaltung insgesamt 26 Tage geschlossen blieb. Auch nach der Jahreswende 2012/2013, als das Schuldenlimit nach langer Diskussion von 16,4 Billionen auf aktuell 16,7 Billionen US-Dollar heraufgesetzt wurde, zogen die Aktienkurse in den USA stark an.

Doch als im April vor zwei Jahren Demokraten und Republikaner die finanzielle Lähmung des Landes buchstäblich in letzter Sekunde vor einem Shutdown verhinderten, stürzte der Kurs des S&P 500 Index in den folgenden sechs Monaten um rund 30 Prozent ab. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Unter dem Strich bleibt: Bisher waren insbesondere die Wochen direkt nach einer Haushaltsentscheidung für die Börsen im wahrsten Sinne des Wortes sehr bewegt.


Produkte für das jeweilige Szenario

In welche Richtung sich die Aktienkurse nach dem 17. Oktober entwickeln, lässt sich nur schwer prognostizieren. Sollten die Börsen auf die Politik in Washington so reagieren wie in den vergangenen Jahren, dann wird es jedoch eine starke Reaktion sein. Fallen die Kurse, dann wird die Volatilität in den kommenden Wochen stark zunehmen. Für Discount- und Bonus-Zertifikate sowie für Aktienanleihen würde dies bedeuten, dass deren Preise nicht nur durch sinkende Aktienkurse, sondern auch durch die stark steigende Volatilität in der Folge unter Druck gerieten.

Die Gewinner fallender Kurse und erhöhter Volatilität wären Put-Optionsscheine, also Optionsscheine, mit denen Anleger auf fallende Aktienkurse setzen. Oder auch Reverse Bonus-Zertifikate, wie zum Beispiel ein Reverse Bonus-Zertifikat auf den Dax (WKN GT59MA). Die Idee: Wenn die US-Börsen stark einknicken, wird der Dax mit hoher Wahrscheinlichkeit der US-Vorgabe folgen. Vorteil: Das Währungsrisiko des Euro gegenüber dem US-Dollar wird in diesem Fall ausgeklammert. Das oben genannte Papier hat eine Laufzeit bis 27. Dezember 2013. Aktuell kostet das Zertifikat 55,27 Euro. Sofern der Dax bis zum 20. Dezember nicht auf oder über 9.000 Punkte steigt, erhalten Anleger am Laufzeitende des Zertifikats 60 Euro ausgezahlt. Das entspricht einer Rendite von rund zehn Prozent oder 55,2 Prozent per annum.

Anleger, die einen kurzfristigen starken Anstieg der Aktienkurse erwarten, könnten beispielsweise in ein Sprint-Zertifikat auf den S&P 500 investieren (WKN VZ0ELK). Das Zertifikat ist so konstruiert, dass innerhalb einer festgelegten Bandbreite zwischen 1.694 und 1.789 Indexpunkten die Bewegung des S&P 500 in ihrer Wirkung verdoppelt wird. Rutscht der Kurs des Index unter diese Kursspanne, verhält sich das Papier genauso wie der Index.

Nach oben schränkt ein so genannter Cap die Gewinnzone für die mögliche Kursverdoppelung ein. Kursbewegungen über den Cap hinaus – in diesem Fall 1.789 Punkte – werden vom Zertifikat nicht mehr nachvollzogen. Im Fall des genannten Papiers sieht die Rechnung so aus: Aktuell kostet der Sprinter, der am 26. September 2014 fällig wird, 12,11 Euro. Bei einem Euro-Dollar Kurs von derzeit 1,3522 entspricht dies 16,37 US-Dollar. Der S&P 500 steht aktuell bei 1.659 Punkten. Das Zertifikat kostet also weniger als ein Hundertstel des S&P 500 Index in US-Dollar. Sollte der Kurs des S&P 500 über die Marke von 1.694 Punkten hinaus steigen, wird jeder Punkt in seiner Wirkung verdoppelt.

Ein S&P-Stand von 1.789 Punkten am Laufzeitende des Zertifikats würde bei gleichbleibendem US-Dollarkurs eine Auszahlung von 13,75 Euro bedeuten. Das entspricht einer Rendite von 13,85 Prozent. Im US-Dollar-Wechselkurs liegen gleichzeitig ein Risiko und eine Chance: Das Verhältnis der US-Währung zum Euro hat einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Performance des Zertifikats.


Gefährliche Strategie

Für Anleger, die keine Prognose wagen, aber davon ausgehen, dass die Kursschwankungen demnächst stark zunehmen, bedeutet die aktuelle Situation, dass sie vorsichtig agieren sollten - und im Zweifelsfall einfach abwarten, was in den kommenden Tagen passiert. Denn es gibt keine passenden Produkte für eine Strategie, die unabhängig von der Richtung von einer starken Kursbewegung profitieren würde.

Darauf zu setzen, dass die Kurse unentschlossen in einem engen Korridor weiter vor sich hin dümpeln, könnte eine gefährliche Strategie sein. Besonders kritisch sind in diesem Zusammenhang Inline-Optionsscheine zu sehen. Diese spezielle Art von Optionsscheinen hat eine Kurs-Ober- und eine Untergrenze, bei deren Berühren oder Unterschreiten die Scheine wertlos verfallen. Sollten auch diesmal nach dem Ringen im US-Kongress die Kurse an den Börsen stark ansteigen oder fallen, wären Inliner im Depot deshalb eine höchst riskante Wette.
Fazit: Im aktuellen Ringen um die Erhöhung des Schuldenlimits im US-Kongress ist die Lunte gezündet worden, die mit großer Wahrscheinlichkeit spätestens nach dem 17. Oktober zu einer heftigen Reaktion an den Börsen führen wird – je nach Ausgang des Streits.

Die meisten Experten erwarten, dass es wie immer ausgeht: Die Schuldengrenze wird erhöht, und alles geht weiter wie bisher. Die wahrscheinlichste Folge ist eine große Erleichterung und in der Folge ein starker Kursanstieg an den Aktienmärkten. Doch mit Wahrscheinlichkeiten ist das so eine Sache. Börsenaltmeister André Kostolany formulierte das so: An der Börse ist alles möglich - auch das Gegenteil.

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