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USA-Iran-Krise Und wenn die Lage doch noch eskaliert?

Irak, Anbar, am 13. Januar 2020: US-Soldaten betrachten die Trümmer auf dem US-Stützpunkt Ain al-Assad. Der gezielte Vergeltungsschlag des Iran verletzte mehrere amerikanische Soldaten. Quelle: dpa

Ein ausgewachsener Krieg zwischen den USA und Iran könnte den Ölpreis auf über 150 Dollar pro Barrel treiben und eine schwere weltweite Rezession einläuten - mit Kursrückgängen an den Aktienmärkten von über 30 Prozent.

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Die Tötung des iranischen Generals Suleimani durch die USA und erste Vergeltungsschläge des Iran auf zwei irakische Kasernen, in denen US-Truppen untergebracht waren, haben die Märkte nur vorübergehend in Aufruhr versetzt. Schnell setzte sich stattdessen die Ansicht durch, dass beide Seiten von einer weiteren Eskalation absehen dürften. Preisbewegungen kehrten sich um, die Aktienkurse näherten sich sogar neuen Höchstständen.

Diese Wende spiegelt zwei Annahmen wider. Erstens setzen die Märkte darauf, dass weder der Iran noch die USA einen ausgewachsenen Krieg wollen, der sowohl das iranische Regime als auch die Aussichten von US-Präsident Donald Trump auf eine Wiederwahl gefährden würde. Zweitens scheinen die Anleger zu glauben, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Konflikts moderat wären. Schließlich hat die Bedeutung des Öls für Produktion und Konsum seit früheren Ölschocks wie dem Jom-Kippur-Krieg (1973), der Islamischen Revolution im Iran (1979) und dem irakischen Einmarsch in Kuwait (1990) stark abgenommen. Zudem sind die USA heute selbst ein wichtiger Energieproduzent, die Inflationserwartungen sind deutlich niedriger als in früheren Jahrzehnten, und die Gefahr, dass die Notenbanken nach einem Ölpreisschock die Zinsen erhöhen, ist gering.

Doch selbst wenn das Risiko eines Krieges derzeit niedrig erscheint, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern normalisieren. Die Vorstellung, dass ein Angriff auf zwei irakische Kasernen, bei dem es keine Opfer gab, den iranischen Vergeltungsdrang befriedigt hat, ist schlicht naiv. Diese iranischen Raketen waren die erste Salve einer Reaktion, die sich verstärken wird, je näher die US-Präsidentschaftswahlen im November rücken. Es drohen nicht nur aggressive Schritte durch regionale Stellvertreter Irans (einschließlich von Angriffen auf Israel) und militärische Konfrontationen unterhalb der Schwelle zum Krieg, sondern auch Versuche zur Sabotage saudischer und anderer Ölanlagen am Golf, eine Behinderung der Schifffahrt, internationalen Terrorismus und Cyber-Angriffe. Das alles könnte zu einer Eskalation des Konflikts führen.

Auch der Glaube, die ökonomischen Folgen eines eskalierenden Konflikts seien halb so wild, ist falsch. Obwohl die USA heute weniger von ausländischem Öl abhängig sind als in der Vergangenheit, würde selbst ein bescheidener Preisanstieg einen breit angelegten Abschwung oder gar eine Rezession auslösen - so wie das 1990 der Fall war. Ein Ölpreisschock dürfte zwar die Gewinne der US-Energieerzeuger steigern, gleichzeitig aber die Kosten für die US-Ölverbraucher (private Haushalte und Unternehmen) erhöhen. Insgesamt würden die privaten Ausgaben und das Wachstum in den USA zurückgehen.

Dasselbe gilt für das Wachstum in allen wichtigen Volkswirtschaften, die Nettoimporteure von Öl sind; hierzu gehören Japan, China, Indien, Südkorea, die Türkei und die meisten europäischen Länder. Und schließlich würden die Notenbanken zwar die Zinsen nach einem Ölpreisschock nicht anheben, doch sie haben kaum noch Spielraum für eine weitere Lockerung der Geldpolitik.
Laut einer Schätzung von JP Morgan könnte ein Konflikt, bei dem Iran die Straße von Hormus für sechs Monate blockiert, die Ölpreise um 126 Prozent auf mehr als 150 Dollar pro Barrel steigen lassen und die Bühne für eine schwere weltweite Rezession bereiten. Eine begrenztere Störung – etwa eine einmonatige Blockade – könnte den Preis auf 80 Dollar pro Barrel nach oben treiben.

Doch selbst diese Schätzungen werden der Rolle nicht gerecht, die der Ölpreis für die Weltwirtschaft spielt. Dieser könnte noch viel stärker steigen als es gängige Angebots- und Nachfragemodelle nahelegen. Denn die Gefahr, dass der Iran Förderanlagen oder wichtige Schifffahrtsrouten blockiert, bewirkt einen „Angstzuschlag“. Daher würde selbst eine bescheidene Ölpreiserhöhung auf 80 Dollar pro Barrel zu einer Episode nachhaltiger Risikoscheu führen, in der US- und globale Aktien um mindestens zehn Prozent fallen - was seinerseits das Vertrauen der Anleger, Unternehmen und Verbraucher schädigen würde.

Wir sollten uns erinnern, dass die weltweiten Investitionsausgaben der Unternehmen wegen der Eskalation des Handels- und Technologiekriegs zwischen den USA und China sowie der Möglichkeit eines „harten“ Brexit bereits im letzten Jahr stark gesunken sind.

Jetzt ist es möglich, dass - trotz des Optimismus der Wall Street - selbst eine schwache Fortsetzung der Spannungen zwischen den USA und dem Iran das globale Wachstum unter das mittelprächtige Niveau von 2019 drückt. Ein ernsterer, unterhalb der Schwelle zum Krieg liegender Konflikt könnte die Ölpreise auf deutlich über 80 Dollar steigen lassen, die Aktienkurse womöglich ins Bärenterritorium drücken (mit Kursrückgängen von 20 Prozent) und zu einem weltweiten Wachstumsstillstand führen. Ein ausgewachsener Krieg schließlich könnte den Ölpreis über die Marke von 150 Dollar pro Barrel treiben und eine schwere weltweite Rezession mit Kursrückgängen an den Aktienmärkten von über 30 Prozent einläuten.

Zwar ist die Kriegswahrscheinlichkeit relativ niedrig, sie liegt aus meiner Sicht bei nicht mehr als 20 Prozent. Das wahrscheinlichste Szenario ist eine neue Grauzone mit indirekten Konflikten und direkten Zusammenstößen, die unterhalb der Schwelle zum Krieg liegen. Doch auch aus dieser Sicht wirkt die aktuelle Selbstzufriedenheit des Marktes naiv. Das Risiko eines Wachstumsstillstands oder gar einer weltweiten Rezession ist deutlich gestiegen - und steigt weiter.

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University und Chairman von Roubini Macro Associates.

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