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Varta-Chef im Interview „Für uns ist die Börse genau der richtige Weg“

Viele Mittelständler meiden die Börse. Der Batteriehersteller Varta hat den Schritt aufs Parkett gewagt. Quelle: dpa

Der Mittelstand ist skeptisch, wenn es um den Gang aufs Parkett geht. Herbert Schein, CEO von Varta, kann das nicht nachvollziehen. Der Batteriehersteller ist seit einem Jahr an der Börse. Und will die nicht mehr missen.

Die Börse ist nur noch zweite Wahl. Seit Mitte der Neunzigerjahre, das zeigt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, haben hierzulande durch Pleiten, Fusionen und Übernahmen mehr Unternehmen die Börse verlassen als neue hinzugekommen sind. 450 Firmen sind in Deutschland an der Börse gelistet, zeigen Zahlen der Weltbank. Vor einer Dekade waren es noch 760.

Gerade für Mittelständler kommt der Gang aufs Parkett nur selten infrage. Zu streng sind die Regularien für börsennotierte Firmen, zu hoch die Kosten, beklagen viele Familienunternehmer. Der Batteriehersteller Varta aber hat den Schritt an die Börse vor knapp einem Jahr gewagt. Vorstandsvorsitzender Herbert Schein spricht im Interview mit der WirtschaftsWoche über die Vorteile der Börsennotiz, die Kosten und die Veränderungen.

Herr Schein, heute hat die Varta AG die Halbjahresbilanz veröffentlicht. Der Konzernumsatz ist um 12 Prozent auf 134 Millionen Euro gestiegen. Das bereinigte Ebitda ist gegenüber dem Vorjahr um 33 Prozent gestiegen, auf knapp 26 Millionen Euro. Wie bewerten Sie die Zahlen?
Sie sind für uns der Beweis, dass unsere Strategie aufgeht.

Ihre Strategie ist der Börsengang. Viele Unternehmen meiden den Gang aufs Parkett. Warum haben Sie es gewagt?
Als ich vor zehn Jahren Geschäftsführer unserer Tochtergesellschaft Varta Microbattery GmbH wurde, habe ich auf Produkte und neue Technologien wie Lithium-Ionen gesetzt, die in Zukunft ein starkes Wachstum haben: auf Batterien für Hörgeräte und Roboter etwa. Seitdem sind wir pro Jahr durchschnittlich zweistellig gewachsen. Wir möchten diesen Wachstumspfad durch den Börsengang fortsetzen und vor allem profitabel wachsen.

Wachstum hätten Sie auch anders finanzieren können, durch Geld von Beteiligungsgesellschaften oder durch Kredite von Banken.
Wir haben diese Finanzierungsformen mit unserem Eigentümer diskutiert. Wir sind dann aber zu dem Schluss gekommen, dass wir unsere Ziele mit einem Börsengang zügiger erreichen können. Die bisherigen Umsatzsteigerungen und ein Ebitda, das noch schneller wächst als der Umsatz, bestätigt diese Entscheidung. Durch die Börsennotiz sind wir in der Öffentlichkeit auch mehr im Fokus.

Herbert Schein, Jahrgang 1965, ist Vorstandsvorsitzender der Varta AG. Er ist seit 26 Jahren bei dem Batteriehersteller. Er begann seine Karriere als Produktingenieur, war später Produktmanager und leitete den Bereich Vertrieb und Marketing für Europa. Vor zehn Jahren wurde er Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Varta Microbattery GmbH. Seit April 2016 ist er CEO der Varta AG. Quelle: Varta

Es ging aber holprig los: Ende 2016 mussten Sie ihren Börsengang kurzfristig absagen.
Wir mussten lernen, dass viele Investoren in einem Dezember schon mit dem Jahr abgeschlossen haben. Und ein Börsengang kurz nach der Trump-Wahl war kein guter Zeitpunkt. Wir hatten die klare Absprache mit unserem Eigentümer, dass wir einen erfolgreichen Gang aufs Parkett hinlegen wollten.

Der erste Kurs der Varta AG lag bei 24,25 Euro. Im Moment liegt die Aktie etwas darunter. Schauen Sie eigentlich ständig auf Ihre Börsen-App?
Klar, schaue ich auf den Kurs. Und der Kurs ist auch wichtig. Im Mittelpunkt steht aber das operative Geschäft. Wir müssen das Geschäft nach vorne bringen. Wenn wir unseren Job gut machen und das Wachstum weiterhin vorantreiben, dann wird sich das auch in den Kursen zeigen. Wenn Sie den heutigen Kurs mit unserem Ausgabekurs von 17,50 Euro vergleichen, dann ist das schon eine ordentliche Steigerung im ersten Jahr.

Der Unternehmer Arndt. G. Kirchhoff hat der WirtschaftsWoche gesagt, dass das kurzfristige Gewinndenken der Börse und das Bestreben, langfristig zu wachsen, für ihn nicht zusammenpasst. Denken Sie nun nur noch in Quartalen?
Natürlich müssen wir auch kurzfristig wirtschaftlich sein und uns von Quartal zu Quartal weiterentwickeln. Unsere langfristige Denkweise und Konzepte haben wir nach wie vor: Ich habe in Gesprächen mit Investoren festgestellt, dass sie schon ein großes Interesse daran haben, wo es mit dem Unternehmen mittel- und langfristig hingehen soll.

Durch einen Börsengang bekommt die Konkurrenz zu detaillierte Einblicke ins Geschäft, sagt der Unternehmer Reinhold von Eben-Worlée. Das hält ihn von einem Börsengang ab. Für Sie ist das kein Problem?
Die Zahlen nach dem Börsengang sind gut. Wir hatten noch keine Situation, in der wir gesagt hätten: Das wäre jetzt gut, wenn wir nicht veröffentlichen müssten.

Trotzdem stellen Analysten ständig Fragen. Ist es nicht bequemer im Verborgenen zu arbeiten als im grellen Licht der Börse?
Natürlich müssen Analysten kurzfristige Prognosen stellen. Sie haben aber auch ein Interesse an der zukünftigen Entwicklung. Die Investoren der Varta AG haben das Recht, diese Informationen zu bekommen, um ihre Anlageentscheidung auf eine vernünftige Basis zu stellen. Ich will ja als Anleger schließlich wissen, wie es einem Unternehmen geht.

Sie können also nicht nachvollziehen, dass andere Mittelständler skeptisch sind, wenn es um die Börse geht?
Es kommt auf deren Ziele und Visionen an. Aber generell ist es doch so, dass die Börse nach wie vor eine gute Grundlage ist, wenn es darum geht, ein hohes Wachstum zu finanzieren. Für uns ist die Börse genau der richtige Weg.

Viele Unternehmer scheuen die Kosten des Börsengangs. Wie teuer war Ihr Gang aufs Parkett?
Das können Sie unserem Jahresbericht vom vergangenen Jahr entnehmen. Wir haben 6,1 Millionen Euro dafür bezahlt.

Das ist eine Menge Geld. Das hätten Sie auch direkt ins Unternehmen investieren können.
Für uns hat sich das gelohnt.

Wie teuer ist die Börsennotiz?
Das hält sich in Grenzen. Weil wir ja schon einmal ein börsennotiertes Unternehmen waren, hatten wir auch zuvor schon relativ gute Strukturen in dieser Hinsicht. Wir wussten relativ gut, was uns erwartet. Wir haben unsere Investor-Relations- und die Rechtsabteilung vergrößert. Die Zusatzkosten liegen jedes Jahr bei über einer halben Million Euro.

Durch den Börsengang haben Sie 150 Millionen Euro erlöst. Was ist mit dem Geld passiert?
Genau das, was wir vor dem Börsengang gesagt haben: Das Geld investieren wir – hauptsächlich in diesem und im kommenden Jahr. Wir erweitern die Produktionskapazitäten bei Hörgerätebatterien um 25 Prozent. Wir profitieren von der älter werdenden Gesellschaft. In diesem Bereich sind wir schon heute Marktführer. Und bei kleinen Lithium-Ionen-Batterien wollen wir es werden. Hier verdreifachen wir die Produktionskapazitäten.

Warum?
Unsere kleinen Batterien werden zum Beispiel für die neuen Generationen der kabellosen Headsets, den sogenannten Hearables, gebraucht. Dieser Markt wird noch einen riesen Boom erleben, da bin ich mir sicher. Heute tippen wir in unsere Tablets und Smartphones mühsam Informationen ein. Das wird zunehmend mit Sprache passieren. Dafür sind Headsets wichtig. Und Batterien von Varta.

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