WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Verdächtige Börsengeschäfte Die unbegreifliche Ignoranz der US-Börsenaufsicht

Die US-Aufsicht SEC ermittelt bei Verdacht auf krumme Börsengeschäfte nur zögerlich. Steckt Absicht dahinter? Ex-Hedgefondsmanager David Rocker nennt im US-Anlegermagazin Barron's drei dubiose Fälle.

Amerikanische Händler am Tagesende in New York Quelle: dpa

Ist die US-Aufsicht SEC in der Lage, Probleme früh zu erkennen und gefährlichen Praktiken einen Riegel vorzuschieben? Oder ist sie ein ineffizienter Weisungsempfänger, der immer erst reagiert, wenn es zu spät ist? Haben die Markthüter das Rüstzeug und die Motivation, um potenziell destabilisierendes Verhalten zu verhindern?

Die Erfolgsbilanz ist entmutigend. Die SEC war im Vorfeld der Skandale um Enron, Bernie Madoff und eine ganze Reihe anderer ausführlich gewarnt worden. Trotzdem unternahm sie wenig, um Anleger zu schützen. Höchst beunruhigend ist auch das hartnäckige Schweigen der Markthüter angesichts einer Reihe aktueller Fälle.

Erster Fall: Die Umstände rund um die jüngste Geldbeschaffungsaktion des Elektroautoherstellers Tesla würden eine sofortige Untersuchung rechtfertigen. Es gälte, festzustellen, ob die chinesische Mauer zwischen Wall-Street-Analysten und Investmentbankern nicht längst zu einem japanischen Stellschirm verkommen ist: Adam Jonas, Tesla-Analyst bei Morgan Stanley, hob am 25. Februar sein Kursziel für die Tesla-Aktie auf 320 Dollar an.

Zum Autor

Dabei notierte die Aktie zu dem Zeitpunkt bereits bei 218 Dollar. Ihr Kurs hatte sich in den vorhergehenden zwölf Monaten vervierfacht. In den nachfolgenden beiden Tagen kletterte der Kurs auf 253 Dollar. Genau hier kam Tesla ins Spiel: Das Unternehmen begab eine Wandelanleihe mit fünf Jahren Laufzeit, mit dem bescheidenen Kupon von 0,25 Prozent und zum festgelegten Wandlungspreis von 360 Dollar – also 42 Prozent über dem nach der Morgan-Stanley-Analyse stark gestiegenen Kurs.

Morgan Stanley war einer der vier Konsortialführer. Ein offensichtlicher Interessenskonflikt? Darüber machen sich zahlreiche Wall-Street-Kommentatoren seither Gedanken. Die SEC aber schweigt. Tesla sicherte sich mit dem Deal eine erstaunlich günstige Finanzierung, die Investmentbanken kassierten mehrere zehn Millionen Dollar an Gebühren, und die Anleger sitzen jetzt mit Wandlern da, die mehr als 100 Millionen Dollar weniger wert sind.

Zweiter Fall: Hedgefondsmanager Bill Ackman will mit dem kanadischen Pharmakonzern Valeant den Botox-Hersteller Allergan übernehmen. Vor dem Übernahmeangebot war eine Umgehung des Insiderhandelsverbots zu beobachten: Ackman, der potenzielle Übernahmepartner, kaufte am freien Markt noch rasch nahezu zehn Prozent der Allergan-Aktien. Damit sicherte er sich einen Gewinn, denn er wusste ja, dass die Übernahme stattfinden würde.

SEC kuscht vor dem US-Kongress

Wegen Verstoßes gegen die Insiderregeln kann er nicht zur Rechenschaft gezogen werden, das verhindert eine kleine Formsache: Die sind nur verletzt, wenn der Insider durch die Weitergabe dieser Information seine Pflichten gegenüber seinen Aktionären verletzt. Valeant aber hat mit der Weitergabe der Information an Ackman gegen keine Insiderregel verstoßen, denn Ackman und Valeant sind Partner. Beraten wurde Ackman vom ehemaligen SEC-Chefermittler Robert Khuzami, der im Vorjahr die Seiten wechselte. Als Partner der Rechtsanwaltskanzlei Kirkland und Ellis arbeitet er für fünf Millionen Dollar Jahreshonorar für die Leute, die er zuvor regulierte.

Die Strategien der Blitz-Trader

Angst vor Konflikten

Dritter Fall: Wall-Street-Kritiker Michael Lewis nimmt in seinem neuen Buch „Flash Boys“ den Hochfrequenzhandel unter die Lupe. Sinn und Zweck der SEC ist, „die Anleger zu schützen und das faire, ordnungsgemäße und effiziente Funktionieren der Märkte sicherzustellen“. Es gibt reihenweise Untersuchungen, die belegen, wie sich Hochfrequenzhändler mit ihren blitzschnellen Computerprogrammen in Millisekunden Vorteile zulasten regulärer Anleger verschaffen. Sie investieren Millionen von Dollar in Hochleistungstechnologie, nur um diesen Millisekundenvorsprung nutzen und ungestraft stehlen zu können (siehe auch WirtschaftsWoche 23/2014). Die Regulierungsbehörden rühren auch hier keinen Finger.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Sie haben offenbar die Verantwortung abgegeben. Finanziert werden sie vom US-Kongress, wo Lobbyisten der Finanzbranche zahlreicher denn je sind. Die SEC steht folglich unter beträchtlichem Druck. Ihr Job wäre es aber, sich an Gesetze zu halten, nicht an die Gesetzgeber. Die SEC agiert, als hätte sie zu viele Rechtsanwälte und zu wenige Analysten und Wirtschaftsprüfer.

Die leitenden Beamten wollen sich offenbar nicht mit den Lobbyisten und großen Anwaltskanzleien anlegen, weil sie nach Beendigung ihrer Tätigkeit bei der SEC von diesen zu enormen Gehältern eingestellt werden.

Wer die Amerikaner vor den Raubtieren der Wall Street schützen will, muss mit Zuckerbrot und Peitsche arbeiten: Höhere SEC-Gehälter und Regeln, die einen Seitenwechsel mitten in der Schlacht verhindern, wären ein Anfang.

Podcast: Money Master

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%