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Verdeckte Risiken Wo die EZB als Bankenaufsicht wegsehen muss

Mit einer billionenschweren Liquiditätsspritze an die Banken wollte die Europäische Zentralbank die Realwirtschaft der Euro-Zone reanimieren. Stattdessen haben südeuropäische Geldhäuser den Geldsegen vor allem zum Kauf heimischer Staatsanleihen genutzt. Das wird nun zum Risiko für die Bankenunion.

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In Schieflage: das Bankenviertel in Madrid. Im Bild das schräge Gebäude der vom Staat geretteten Bankengruppe Bankia. Quelle: dpa

Man muss sich Mario Draghi als optimistischen Menschen vorstellen. „Wir sehen Fortschritte“, erklärte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) im März vor dem EU-Parlament in Brüssel und machte klar, was er bereits für einen Fortschritt hält: „Die Kreditflüsse sind noch immer gedämpft – aber sie gehen in einem langsameren Tempo zurück.“

Dass Draghi bereits Zuversicht verbreitet, wenn sich ein Rückschritt verlangsamt, zeigt den immensen Druck, unter dem die Frankfurter Währungshüter stehen. Die EZB hat in den vergangenen beiden Jahren mit einem Billionen-Euro-Programm für die Banken versucht, die Kreditvergabe an Unternehmen und Konsumenten zu beleben und die Konjunktur anzukurbeln. Es war ein historisch einmaliger finanzieller Kraftakt – und trotzdem sind die Erfolge ausgeblieben. In den rezessionsgeplagten Krisenländern schrumpft trotz dieser beispiellosen Geldspritze die Kreditvergabe an die Privatwirtschaft weiter. Damit nicht genug: Wie sich jetzt zeigt, haben die Banken Italiens, Portugals und Spaniens die billige EZB-Liquidität stattdessen in hohem Maß in heimische Staatsanleihen investiert und damit ihre Bilanzen aufgebläht. Das bringt die EZB nun als zukünftige Aufsichtsbehörde in der Europäischen Bankenunion in die Bredouille.

Billiges Geld für südliche Banken

Neben Offenmarktgeschäften mit einwöchiger Laufzeit gewährt die EZB den Banken Liquidität in Form so genannter Long Term Refinancing Operations (LTRO), die normalerweise nur über drei Monate laufen. Als aber 2011 die Zinsspreads für Staatsanleihen von Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien in die Höhe schossen und die Euro-Zone in die Rezession taumelte, beschloss die EZB, den Banken im Rahmen von zwei LTRO-Geschäften Liquidität von über einer Billion Euro mit einer Frist von drei Jahren zuzuführen. Erklärtes Ziel der im EZB-Jargon „Dicke Bertha“ genannten Mammut-Tender: die Geldpolitik „effektiv in die Realwirtschaft zu übertragen“, damit die Banken „die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen in der Euro-Zone aufrecht erhalten und ausweiten“.

Geldsegen für Südeuropas Banken (Für eine vollständige Ansicht bitte anklicken)

Für die Banken bedeutete das billiges Geld: Sie zahlen für die Tender einen Zinssatz, der sich nach dem Durchschnitt ihrer Laufzeit bemisst und der seit Ende 2011 von 1,0 auf heute 0,25 Prozent gefallen ist. Vor allem südeuropäische Geldhäuser griffen begeistert zu, während die deutschen und französischen Institute ihre Engagements begrenzt hielten oder wieder zurückfuhren (siehe Grafik). So haben die italienischen Banken ihre Mittelaufnahme bei der EZB von knapp 30 Milliarden Euro Anfang 2011 auf 217 Milliarden Euro Mitte Januar 2014 gesteigert. Zwischenzeitlich hingen sie sogar mit 272 Milliarden Euro am LTRO-Tropf der EZB.

Auch Spaniens unter der geplatzten Immobilienblase leidende Banken langten kräftig zu. Von knapp 40 Milliarden Euro Anfang 2011 kletterte das Volumen bis August 2012 auf 338 Milliarden Euro. Zwar reduzierten sie dann ihre LTRO-Bestände, Mitte Januar 2014 standen die spanischen Kreditinstitute aber immer noch mit 178 Milliarden Euro bei der EZB in der Kreide. Portugals Banken schließlich wiesen zuletzt längerfristige EZB-Finanzierungen in Höhe von 50 Milliarden Euro aus, die zu 90 Prozent aus den beiden Drei-Jahres-Tendern stammen.

Rückgang hat sich nicht verlangsamt

Tipps fürs Börsenjahr 2014
Blick in die GlaskugelSelten waren Analysten bei ihrem jährlichen Blick in die Börsen-Glaskugel so optimistisch wie in diesem Jahr. Im Schnitt erwarten die Banken, dass der deutsche Leitindex Dax am Ende des Jahres bei rund 10.120 Punkten steht. Die größten Optimisten, in diesem Jahr die Analysten von Barclays, erwarten sogar einen Sprung auf 11.000 Punkte. Es gibt aber auch skeptische Stimmen. Die Helaba und die National Bank aus Essen rechnen damit, dass der Schlussstand 2014 etwas unter dem von 2013 liegen wird. "Das war eine ziemlich unglaubliche Rally und irgendwann werden wir eine Korrektur sehen müssen, wenn voraussichtlich auch noch nicht im Januar", prognostizierte Aktienstratege Peter Garnry von der Saxo Bank. Quelle: dpa
Geldpolitischer KurstreiberGrund zur Skepsis gibt es. Denn es sind weniger die fundamentalen Daten, die die Kurse in die Höhe schießen lassen, als die Handlungen der Notenbanker. Mit ihrer ultra-expansiven Geldpolitik haben EZB-Chef Mario Draghi und Fed-Chef Ben Bernanke den Grundstein für die Börsen-Rally 2013 gelegt. Bernanke kündigte kurz vor Weihnachten an, die Wertpapierkäufe der Fed langsam um 10 Milliarden Euro zurückzufahren. Damit sorgte er für ein Jahresend-Feuerwerk an den Börsen, der Dax kletterte auf über 9600 Punkte und damit auf den höchsten Stand aller Zeiten. Auch 2014 wird vieles an den Börsen von Draghi und Co. abhängen. Zieht die Fed ihr Tapering durch? Schafft auch die EZB die Kehrtwende? Oder senkt Draghi die Zinsen noch weiter? Genug Unruhepotenzial gibt es auf jeden Fall. Quelle: dpa
Einstieg verpasst?Um rund 25 Prozent hat der Dax im vergangenen Jahr zugelegt. Das Problem: Viele Privatanleger in Deutschland konnten davon nicht profitieren. Die Furcht vor Blasen am Aktienmarkt ist noch so präsent wie nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes. Nur langsam kehren Anleger an die Börse zurück, an den globalen Aktienmärkten war 2013 das erste Jahr seit 2006 mit einem Nettozufluss. Laut dem deutschen Fondsverband BVI wurden zwischen Januar und Oktober sogar über sechs Milliarden Euro aus Aktienfonds abgezogen. Dabei gibt es auch für sicherheitsbewusste Anleger passende Aktieninvestments. Quelle: AP
Für SicherheitsfansAuch sicherheitsbewusste Anleger müssen nicht auf Aktien verzichten. Allerdings birgt die Auswahl einzelner Aktien höhere Risiken, gewisse Marktkenntnisse sind erforderlich. Einfacher haben es Anleger mit Indexzertifikaten. Deren Entwicklung ist nicht an einzelne Papiere, sondern an jeweils einen ganzen Index wie beispielsweise den Dax geknüpft. Steigt der Leitindex, ist auch das Zertifikat mehr wert. Zwar ist mit einer Mischung aus Einzelaktien im Zweifel eine noch höhere Rendite drin, dafür ist das Risiko bei Indexzertifikaten aufgrund der Mischung vergleichsweise gering. Hinzu kommt, dass die Papiere im Vergleich zu aktiv gemanagten Fonds günstig sind. Quelle: AP
Überschaubares RisikoWer dennoch Geld für einen aktiv gemanagten Fonds investieren will und Wert legt auf ein überschaubares Risiko, setzt am besten auf Mischfonds. Hier wird nicht nur in Aktien, sondern auch in festverzinsliche Papiere wie Anleihen investiert. Bekannt für ausgewogene Mischfonds ist der Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch von Bert Flossbach und Kurt von Storch. Ihr Fonds Multiple Opportunities R investiert neben Aktien und Anleihen auch in Edelmetalle. Die Manager haben dabei keine Beschränkungen, was den Anteil von Aktien oder Anleihen angeht. Was zählt, ist die positive absolute Rendite. Auch DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen ist für seinen ausgewogenen Mischfonds bekannt. Quelle: dpa
DividendenjagdWer als sicherheitsverliebter Anleger auf Aktien setzen will, stürzt sich mit Vorliebe auf dividendenstarke Titel. Grundsätzlich kann die Strategie zum Erfolg führen. Allerdings ist auch da Vorsicht geboten. Denn nicht immer bedeutet eine hohe Dividende gleichzeitig ein florierendes Geschäftsmodell. Wird die Dividende aus der Substanz gezahlt statt aus erwirtschafteten Gewinnen, ist das kein gutes Zeichen. Dennoch gibt es einige Papiere, die sich auch aufgrund ihrer stabilen Ausschüttungen lohnen. Im Dax gehört dazu die Allianz. Die Versicherung ist für eine stetige Ausschüttungspolitik bekannt, außerdem ist die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von weniger als dem zehnfachen des Jahresgewinns vergleichsweise günstig. Ähnlich sieht es beim Rückversicherer Munich Re aus. Wem die Auswahl einzelner Aktien zu kompliziert ist, kann auch hier auf einen Fonds setzen. Einige investieren gezielt in Papiere mit hoher Dividendenrendite, etwa der DWS Top Dividende oder der M&G Global Dividend A. Quelle: dpa/dpaweb
Mittleres RisikoWer mit Zukäufen ins neue Jahr starten will und etwas risikofreudiger ist, kann auf einzelne Aktien setzen. Dabei muss immer auf den Preis geachtet werden. Gerade lukrative Papiere im MDax, der zweiten Börsenliga, sind oft schon sehr teuer - Anleger zahlen ein Vielfaches des Jahresgewinns für eine Aktie. Es gibt aber auch noch Aktien großer Dax-Konzerne, die erschwinglich sind. Dazu zählt unter anderem die VW-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von unter zehn. Sollte die globale Konjunktur 2014 wie erwartet weiter anziehen, dürften die Wolfsburger davon profitieren. Insbesondere die Entwicklung in China ist entscheidend. Auch Vorzugsaktien von BMW punkten bei Privatanlegern mit einem niedrigen KGV bei gleichzeitig attraktiver Dividendenrendite. Wem die Rendite bei Mischfonds zu niedrig ausfällt, der kann auch auf spezialisierte Fonds setzen, die beispielsweise gezielt in deutsche, europäische oder US-Aktien investieren. Quelle: dpa

In der Realwirtschaft Südeuropas kam das Geld aber nicht an. In Italien schrumpfte die Kreditvergabe an die heimischen Unternehmen von 915 Milliarden Euro im November 2011 bis Dezember 2013 um insgesamt 100 Milliarden Euro. In Spanien ging das Kreditvolumen an die Privatwirtschaft von Ende 2011 bis Mitte 2013 um 13 Prozent, in Portugal um 4,6 Prozent zurück. Für Italien gilt auch nicht, was Draghi für die Euro-Zone insgesamt als hoffnungsvollen Trend ausgibt. Dort hat sich der Rückgang keinesfalls verlangsamt. Der Banca d’Italia zufolge beschleunigte sich der Schrumpfprozess im vergangenen Jahr sogar noch von 2,6 Prozent im ersten Quartal auf 5,4 Prozent im vierten Quartal. Im Januar 2014 betrug das Minus immer noch fünf Prozent – doppelt so viel wie vor einem Jahr.

Dass die Banken die Milliardenhilfe nicht wie von der EZB beabsichtigt per Kredit an Konsumenten und Unternehmen weiterreichen, entsprach allerdings betriebswirtschaftlicher Logik . „Die Qualität der Kredite verschlechtert sich“, klagt etwa die Banco de Portugal. Mit 15 respektive 17 Prozent ist vor allem die Ausfallquote der Unternehmens- und Konsumentenkredite hoch. Ähnlich prekär ist die Lage in Italien: Hier hat sich der Bestand an notleidenden Krediten seit 2010 in etwa verdoppelt. Das Ausfallrisiko liegt bei gut 13 Prozent. Auch in Spanien hat das Volumen fragwürdiger Kredite zugenommen – innerhalb eines Jahres um mehr als fünf Prozent.

Staatsanleihen gelten immer noch als risikolos

Deshalb müssen die Banken mit Blick auf Basel III ihr Kreditgeschäft mit mehr Eigenkapital unterlegen – woran es ihnen mangelt. Oder sie müssen ihr Kreditportfolio zurückfahren, wollen sie die Vorgaben einhalten – genau dies tun sie gerade. Statt für Kredite an Unternehmen und Konsumenten kaufen die Banken mit dem billigen EZB-Geld lieber heimische Staatstitel. Denn im Unterschied zu Unternehmenskrediten gilt für Euro-Staatsanleihen nach wie vor die Fiktion, sie seien frei von Ausfallrisiken. Deshalb brauchen die Banken dafür kein teures Eigenkapital vorzuhalten – und erzielen mit den Staatsanleihen ähnlich hohe Zinsen wie bei Unternehmenskrediten.

Unwucht im Bankensektor: Anteil der Staatsanleihen an der Bilanzsumme der Banken (Für eine vollständige Ansicht bitte anklicken)

So haben Italiens Banken ihren Bestand an heimischen Staatstiteln in den beiden vergangenen Jahren um 160 Milliarden Euro aufgestockt. Das entspricht in etwa dem Betrag, der ihnen in dieser Zeit aus Frankfurt zufloss – und um den die italienische Staatsschuld in dieser Zeit netto stieg. Für die Banken ein gutes Geschäft: Für die Frankfurter Milliarden zahlen sie weniger als ein Prozent Zinsen, italienische Staatsanleihen brachten ihnen je nach Laufzeit zwischen vier und sechs Prozent Zinsen. Ende 2013 machten italienische Staatsanleihen bereits zehn Prozent der Bilanzsumme italienischer Banken aus, ein Anstieg um 1,3 Punkte binnen eines Jahres.

EZB fordert weniger Sicherheit

Auch die spanischen Banken haben in erheblichem Umfang heimische Staatsanleihen gekauft. Ihr Bestand stieg in den beiden Jahren bis Mitte 2013 um 147 Milliarden Euro. Portugals Banken wiesen Mitte vergangenen Jahres 57 Milliarden Euro Staatsanleihen – überwiegend portugiesische – in ihren Bilanzen aus. Der Anteil dieser Staatsschulden am Wertpapierportfolio der Banken hat sich seit 2009 fast vervierfacht und liegt heute bei 37 Prozent.

Fakt ist: Banken und Staaten sind einen verhängnisvollen Pakt eingegangen. Nicht nur können die Banken Staatsanleihen bei der EZB als Sicherheit für LTRO-Gelder hinterlegen, um diese dann – wie in einer Pyramide – wieder in Staatsanleihen anzulegen. Die EZB hat auch ihre Sicherheitsanforderungen reduziert. So dürfen die Banken auch eigene Schuldverschreibungen als Sicherheit hinterlegen, wenn diese Titel von ihren Regierungen garantiert werden. Die Politik ziert sich wenig – damit die Banken erneut heimische Anleihen kaufen. Die Geldhäuser sind so in ihren Ländern zu den Hauptabnehmern von Staatsanleihen avanciert.

Krisenländer können noch einfacher Schulden machen

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
"Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
"Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

Durch die von den LTRO-Geldern angeheizte Nachfrage nach Staatsanleihen konnten Italien, Spanien und Portugal zudem ihre Schuldtitel bequem unterbringen, ohne höhere Renditen zahlen zu müssen. So erleichterte das LTRO-Programm den Krisenstaaten das Schuldenmachen – und verringerte den Reformdruck.

Die Schieflage in den Bankenbilanzen durch das Übergewicht an Staatsanleihen der überschuldeten Südländer wird für die EZB nun zum Problem: Anfang November übernimmt sie die Aufsicht über die rund 130 größten und systemrelevanten Banken. Derzeit prüft sie deren Bilanzen, um nicht die Verantwortung für etwaige Krisenbanken aufgehalst zu bekommen. Dazu müsste die EZB eigentlich auch die Risiken bei jenen Banken berücksichtigen, die massenhaft Staatsanleihen von Krisenländern halten.

Doch solange Euro-Staatsanleihen als risikolos gelten, ist die EZB gezwungen, diese Schlagseite zu tolerieren. Als Bankenaufsicht kann sie in dieser Frage nicht auf einmal strenge Maßstäbe an die Banken anlegen, nachdem sie selbst die Anreize gesetzt hat, die die Banken in den Anleihenkaufrausch trieben. „Die EZB wird an ihrer laxen Geldpolitik festhalten und den Banken weiter Liquidität zu Niedrigstzinsen gewähren, damit diese nicht in neue Schwierigkeiten geraten“, prophezeit der Bonner Geldtheoretiker Manfred J. Neumann.

Verbindung zwischen Staat und Bank bleibt riskant

Die EZB ignoriert auch die Folgen für die gemeinsame Haftung in der Bankenunion, wenn ein Land seine Schulden nicht mehr bedienen kann, die EZB zuvor aber den hohen Anteil von Staatsanleihen in den Bankenbilanzen nicht beanstandet hat. In dem im Mai startenden Stresstest, bei dem die EZB die Auswirkungen einer Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Bankbilanzen simuliert, werde dieser Fall in den Szenarien der EZB nicht auftauchen, ist sich ein Bankvolkswirt sicher.

In Arbeit
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Nicht umsonst warnte der Internationale Währungsfonds Ende 2013 in einem Bericht zur Stabilität der italienischen Banken: „Die Verbindung zwischen Finanzsektor und italienischem Staat bleibt eines der Hauptrisiken für das Bankensystem.“ Eine implizite Kritik auch an der Banca d’Italia, zu deren Aufgaben die Aufsicht über die italienischen Banken gehört und an deren Spitze Draghi von 2006 bis 2011 stand.

Als der EZB-Chef im März zu den Europaabgeordneten in Brüssel sprach, veröffentlichte Eurostat fast zeitgleich den Januarwert für die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte im Euro-Raum. Diese war den 21. Monat in Folge gesunken – trotz „Dicker Bertha“. Analysten rätseln nun, was die EZB jetzt noch im Köcher hat. Draghi spricht vage von „unkonventionellen Instrumenten“, mit denen die EZB der angeblichen Deflationsgefahr zu Leibe rücken müsse. Doch dazu müsste die Inflationsrate weiter fallen, meint Stefan Schilbe, Chefökonom bei HSBC Trinkaus. Er rechnet deshalb mit einer Entscheidung erst zur Jahresmitte.

Von Parlamentariern darauf hingewiesen, dass die Bank of England ihre Liquiditätshilfen für Banken an die Verpflichtung zu einer Kreditvergabe an die Realwirtschaft knüpfe, antwortete Draghi in militärischer Diktion: „Das ist ein Instrument, das wir in unserer Artillerie haben – und wir denken darüber auch nach.“

Optimismus klingt irgendwie anders.

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