WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Verfahren wegen Marktmanipulation Börsenguru Frick: Bargeld kam per Kurier

Im Strafprozess um den ehemaligen Börsenguru und TV-Moderator Markus Frick hat ein mutmaßlicher Mittäter vor dem Landgericht in Frankfurt ausgepackt. Ein Report aus dem Prozess.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Markus Frick Quelle: dpa

Landgericht Frankfurt, Gebäude E, kurz vor 10 Uhr. Mischa H. wartet draußen vor dem Saal 18 mit seiner Strafverteidigerin. Er, 33 Jahre jung, blass, die Haare leicht gegelt, der Anzug etwas groß, die braunen Schuhe abgewetzt. Der dunkelblonde Mann wirkt nervös. Er hat einige Wochen Untersuchungshaft hinter sich, die Staatsanwaltschaft vermutet, dass er ein Mitglied der Bande Frick gewesen ist, die ahnungslosen Anlegern über Börsenbriefe Aktien empfohlen haben soll, damit Hintermänner ihre eigenen Papiere teurer losschlagen konnten. Anleger sollen tausende Euro verloren haben.

Heute soll Mischa H. im Gerichtssaal auspacken.

10 Uhr. Die Richter und Schöffen betreten den Saal, die Zuschauer erheben sich. Der Blick des Vorsitzenden Richters Klaus Wiens fällt auf die Anklagebank, wo zu Fricks Seite plötzlich ein anderer Rechtsanwalt platzgenommen hat. Wie er heiße, will Wiens wissen und ob er mandatiert sei. Logo! „Herr Frick, sind Sie sind damit einverstanden?“ Der strahlt über das ganze Gesicht, scheint sich über die Frage zu amüsieren und antwortet laut und deutlich: „Jaaaahaaa.“

Frick, ehemaliger N24-Moderator und Börsenbuchautor, muss sich seit dem 24. Oktober vor dem Landgericht Frankfurt den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen. Sie hat ihn wegen des Verdachts auf versuchten sowie vollendeten bandenmäßigen Betrug sowie Marktmanipulation angeklagt. Frick soll für die Versendung von Börsenbriefen mitverantwortlich gewesen sein. Ihm und einem mitangeklagten mutmaßlichen Komplizen wird vorgeworfen, Anlegern Aktien von LetsBuyIt, Autev und Venatus Interactive als unterbewertet empfohlen zu haben.

Das Verfahren eines einst dritten Angeklagten ist mittlerweile abgekoppelt und gegen die Zahlung einer Geldauflage von 20.000 Euro eingestellt worden. Er war im Wesentlichen für die Technik und die Versendung der Börsenbriefe zuständig gewesen.

"Es liegt uns fern, Aktien zu pushen"

Wiens klärt an diesem letzten Tag im Januar zunächst die Formalien. Zwei Herren hätten von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Die müsse man nun wohl nicht laden. Fragend blick er in den Raum. Alle scheinen einverstanden zu sein.

Dann, endlich: Auftritt Mischa H. Er nimmt neben seiner Anwältin Platz im Zeugenstand. Der Richter klärt ihn darüber auf, dass er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen dürfe. Sprich: Er muss sich nicht selber belasten. „Ich möchte Angaben machen und Fragen beantworten“, sagt der Mann mit fester Stimme. Und Frick dreht die Augen zur Decke.  

Mischa H. gibt als Beruf „Bachelor“ an, er habe Wirtschaft studiert, wohne in Königstein. Auf der Internetseite seiner Firma war früher zu lesen, dass er 2008 eine Kapitalmarktberatung gegründet hat, heute ist sein Lebenslauf samt Foto dort nicht mehr zu finden. Als Dienstleistung gibt Mischa H. im Internet nur noch „Börsengänge“ an. Er ist einer, jedenfalls, der sich auskennt, mit Aktien. 

Richter Wiens sagt es gehe um drei Aktien: Venatus, LetsBuyIt und Autev. Er wolle wissen, inwieweit Mischa H. Kenntnis davon habe, in wessen Interesse die Bewerbung der Aktien erfolgt sei und welches Entgelt geflossen sei. Er sei durch die Renell Bank auf LetsBuyIt aufmerksam geworden, sagt der Mann. „Renell hat mich darauf angesprochen, ob es eine Empfehlung zu der Aktie geben kann“, sagt H. Renell teilte der Redaktion auf Anfrage mit, dass es der Bank fernliege, Aktien zu empfehlen, geschweige denn, diese zu „pushen“. In der Vergangenheit hatte die Bank besonders viele Aktien ins First Quotation Board an die Deutsche Börse gebracht. Das Marktsegment war der am wenigsten regulierte Bereich der Börse. Hier nahm die Börse ohne bürokratischen Aufwand und lästige Vorschriften über Geschäftsberichte oder Wertpapierprospekte mehrere Hundert Aktien  von Unternehmen auf, die sonst nirgendwo notiert waren. Insider gingen davon aus, dass bei rund einem Drittel schon mal manipuliert worden sei. Nach immensem Druck von außen hat die Börse das Board schließlich dichtgemacht.  

Spektakuläre Urteile gegen Anlagebetrüger

50 Prozent Provision

Im Gerichtssaal ist es nun mucksmäuschenstill. Er habe einen Israeli kennengelernt, sagt Mischa H, und der habe „großes Interesse“ an Werbung für die Aktie gehabt. Offenbar sei der Mann ein Kunde von Renell gewesen. Jedenfalls habe der Israeli mehrere Millionen Aktien selber besessen. Bei einem bestimmten Kurs sollte der Zeuge pro verkaufter Aktie eine Beteiligung bekommen, falls der Kurs höher steige, wären es zehn Cent mehr. So richtig sicher, wie viel Provision vereinbart gewesen ist, ist er sich nicht mehr. „48 oder 50 Prozent, von dem, was verkauft wurde“, sagt der Mann. 20 Prozent sollte er extra bekommen, für die Kontakte zu Frick und den anderen Jungs. Er spricht schnell, erzählt wild durcheinander. Jedenfalls sollten gut zwei Millionen Euro ausgezahlt werden.

Eine Woche nach Beginn der Werbeaktion in den Börsenbriefen habe der Israeli dann per Kurier die ersten 500.000 Euro in bar nach Frankfurt bringen lassen. Das Geld soll per Auto aus der Schweiz gekommen sein. Mehrere zehntausend Euro habe er einbehalten, damit den Fahrer bezahlt und einen anderen Herrn. Nicht zuletzt entlohnte er auch sich selbst, zum Beispiel dafür, dass er Frick und Konsorten zuvor mehrere tausend Email-Adressen besorgt hatte. Aus 250.000 Adressen sollen mehr als 3000 Abonnenten für einen Börsenbrief geworden sein.

„Den Rest des Geldes habe ich dann nach Sinsheim zu Frick gebracht“, sagt er   nüchtern. Frick hatte bereits am zweiten Prozesstag gestanden, insgesamt 1,9 Millionen Euro in bar angenommen zu haben. „Ich habe in diesem Moment nicht wiederstehen können. Die Folgen dieses Fehlers belasten meine Familie und mich schwer“, sagte der Vater zweier Kinder Anfang November vor Gericht. Es war damals das erste Mal, dass Frick zu den Vorwürfen gegen ihn ausgesagt hat. Am 23. Dezember, als die Öffentlichkeit dem Prozess weitgehend fernblieb und mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt war, soll Frick dann weitergehend geständig gewesen sein, heißt es aus der Staatsanwaltschaft.

Fricks Strafverteidiger wartet draußen

Heute will der Richter von Mischa H. wissen, ob Frick Bescheid gewusst habe. Der Angeklagte legt seine Hände übereinander. Der Zeuge fährt fort: „Über die Verkäufe wusste er Bescheid, das ist besprochen worden, er wusste auch, dass die Aktie steigen sollte.“ Frick starrt im Raum umher, legt seine Hand auf den Mund, wischt sich übers Auge. Sein Strafverteidiger Daniel Krause, der schon im Berliner Prozess wegen Marktmanipulation eine Bewährungsstrafe für Frick herausgeschlagen hatte, kann ihm jetzt nicht helfen. Denn Krause hat vor der Tür platzgenommen. Offenbar fürchtet er einen Interessenkonflikt, schließlich hat er den Zeugen, der da gerade auspackt, schon in einem anderen Verfahren vertreten.   

Abgesprochen war offenbar vieles: Wie lange die Werbung für jede Aktie dauern sollte, über welchen Börsenbrief sie gepusht werden sollte, dass Venatus erst „ganz schnell auf vier Euro steigen“ sollte und ab dann zwischen drei und fünf Prozent am Tag. Die Verkäufer hatten bereits zu Beginn der Aktion ihre Verkaufslimits an der Börse platziert, offenbar steuerten sie auch, dass nicht zu schnell zu viel verkauft wurde – schließlich sollte der Kurs ja weiter steigen. Dummerweise kam einmal etwas dazwischen. Eine andere empfohlene Aktie wurde vom Handel ausgesetzt, Abonnenten bekamen Panik, dass  auch Venatus nicht mehr handelbar sein könnte. Also verkauften sie die Aktie unplanmäßig massenweise, der Kurs sank entgegen der schönen Planung von Frick und Konsorten.

Über ein Jahr in Untersuchungshaft

Frick sitzt nun seit Anfang 2013 in Untersuchungshaft. Die nächsten Termine in dem öffentlichen Prozess sollen am 4., 11., 17., und 25. Februar stattfinden. Der Tatverdacht der Marktmanipulation dürfte mittlerweile schwer auszuräumen sein. Ob die Staatsanwaltschaft jedoch den Verdacht auf versuchten oder gar vollendeten bandenmäßigen Betrug belegen kann, ist noch unsicher. Die Hürde, einen Bürger wegen Betrug zu verurteilen, liegt extrem hoch. Für Marktmanipulation gibt es pro Einzelfall theoretisch bis zu fünf Jahre Haft.

Börse



Frick ist vorbestraft: Das Landgericht Berlin hatte ihn 2011 wegen Marktmanipulation in 36 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig. Das Gericht hatte damals mehr als 42,6 Millionen Euro zugunsten der Staatskasse für verfallen erklärt. Dem Berliner Landgericht zufolge hatte Frick zwischen September 2005 und Juni 2007 in Börsenbriefen Aktien empfohlen, ohne seine eigenen wirtschaftlichen Interessen an der Kursentwicklung der Wertpapiere offenzulegen.

„Spätestens Ende Februar soll in Frankfurt ein Urteil gesprochen werden“, sagte Oberstaatsanwalt Philipp Zmyj-Köbel der WirtschaftsWoche jetzt am Rande des Prozesses. Für Verteidiger Krause jedenfalls dürfte es schwer werden, dass Frick im Falle einer Verurteilung erneut mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%