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Verkehrte (Finanz)Welt Aktien: Der wichtige Unterschied zwischen Unsicherheit und Risiko

Im Gegensatz zum Risiko sind bei Unsicherheit nicht alle potenziellen Ereignisse und deren Wahrscheinlichkeiten bekannt. Quelle: imago images

Investoren versuchen, Preisentwicklungen und Risiken von Aktien zu beurteilen, doch mathematische Modelle führen dabei nicht immer zum Erfolg. Ein Grund ist der Unterschied zwischen Unsicherheit und Risiko.

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Schon 1921 beschäftigte sich der Ökonom Frank H. Knight mit dem Unterschied zwischen Unsicherheit und Risiko.

Risiko ist, wenn bei Entscheidungen alle potenziellen Ereignisse und deren Wahrscheinlichkeiten bekannt sind oder verlässlich empirisch ermittelt werden können. Ein klassisches Beispiel findet man im Casino: das Glücksspiel französisches Roulette. Hier sind dem Spieler alle potenziellen Ereignisse, nämlich die Zahlen 0 bis 36 sowie bestimmte Eigenschaften, und deren Wahrscheinlichkeiten bekannt. Somit kann für jede Entscheidung eines Spielers die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns berechnet werden. Risiko ist also messbar und damit berechenbar.

Im Gegensatz zum Risiko sind bei Unsicherheit nicht alle potenziellen Ereignisse und deren Wahrscheinlichkeiten bekannt. Entscheidungen unter Unsicherheit liegen tendenziell eher vor, je mehr potenzielle Ereignisse eintreten können und je geringer die Datenverfügbarkeit ist. Der Brexit ist ein anschauliches Beispiel: Seit vielen Monaten ist unklar, ob oder wann und in welcher Form ein Brexit stattfindet. Auch konnten Wahrscheinlichkeiten von Szenarien nicht verlässlich ermittelt werden, da sich der politische Prozess im Vereinigten Königreich zunehmend unvorhersehbar entwickelte. Die mit dem Brexit verbundenen Konsequenzen für Unternehmen und deren Aktien sind folglich nicht mess- und berechenbar; Investitionen in betreffende Aktien unterliegen damit der Unsicherheit.

Aktien unterliegen Unsicherheit, Panik ist jedoch die falsche Reaktion

Ein häufiger Irrtum ist also die Überzeugung, dass Unsicherheit anhand von Wahrscheinlichkeitsverteilungen verlässlich geschätzt werden kann und Investitionen in Aktien generell einem messbaren Risiko unterliegen. Dieser Irrtum verstärkt sich, wenn das Unternehmensumfeld als relativ stabil wahrgenommen wird oder sich sogar positiv entwickelt. Als potenzielle Folge überschätzen Anleger ihre Fähigkeit, das Risiko von Aktien berechnen zu können. Das kann dazu führen, dass sie zu konzentrierte Aktienpositionen in ihren Portfolios halten.

Kommt es zu unvorhersehbaren Entwicklungen, wie politischen Interventionen, steigt das Bewusstsein, dass Aktien Unsicherheit unterliegen. Als Reaktion neigen Anleger zu Panikverkäufen und zur Flucht in „sichere“ Anlagen, wie zum Beispiel Staatsanleihen höchster Bonität oder Gold. Solche Überreaktionen können nicht nur zu Verwerfungen an den Kapitalmärkten führen, sondern sie verlangsamen auch die anschließenden Erholungsphasen.

Diese Selbstüberschätzungen und die folgenden Verwerfungen ließen sich bei der Finanzkrise 2008 besonders gut beobachten.

Aktien wichtiger Bestandteil von Portfolios auch in einer unsicheren Welt

Auch wenn die nächste Krise kommen wird, sollten Anleger nicht scheuen, in Aktien zu investieren. Vielmehr müssen sich Anleger der vorherrschenden Unsicherheit bewusst werden und ihre Portfolios ausreichend diversifizieren. Was dabei als „ausreichend“ gilt, hängt allerdings vom individuellen Anleger, dessen Zielen und den vorliegenden Unsicherheiten ab. Zum Beispiel zeigt die Unsicherheit bezüglich der Auswirkungen des Handelskonfliktes zwischen den USA und China, dass eine Diversifikation ausschließlich basierend auf europäischen und US-amerikanischen Wertpapieren nicht notwendigerweise als „ausreichend“ zu bezeichnen ist. Wirtschaftlich sind europäische Unternehmen zumindest indirekt von diesem Handelskonflikt betroffen. Eine weltweite Diversifikation würde die damit verbundene Unsicherheit besser adressieren.

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Schlussendlich sind Aktien ein wichtiger Bestandteil eines diversifizierten Portfolios auch in einer unsicheren Welt. Das Wissen, dass Aktien Unsicherheit unterliegen, sollte Investoren vor Selbstüberschätzung und unnötigen Panikverkäufen bewahren. Und wer behauptet, dass Investitionen in Aktien vergleichbar mit einem Besuch im Casino sind, hat nicht verstanden, was Risiko wirklich ist.

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