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Verkehrte (Finanz)welt
Quelle: dpa

Aktienmärkte unter Drogen

Niedrigzinsen treiben viele Marktteilnehmer an die Börse. Aktien werden zu einer immer gewagteren Wette auf die Zukunft. Anleger sollten die Zusammenhänge von Notenbankpolitik, Geldmenge und Kursanstiegen im Blick haben.

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Die Börsen haben die Covid-19-Pandemie extrem schnell hinter sich gelassen. Auf den Rekordeinbruch vor knapp einem Jahr folgte die Rekorderholung. In den USA hatte der US-Leitindex S&P 500 seine Kursverluste von 35 Prozent bereits im Juli wieder aufgeholt. Von da an folgte ein Jahreshoch auf das andere, am Jahresende stand ein Gewinn von 16 Prozent.

Der Dax beendete das Jahr 2020 immerhin mit einem Plus von knapp vier Prozent. Im angelaufenen Jahr 2021 kletterte der Dax dann erstmals über die Marke von 14.000 Punkten.

Geldmengen steigen am rasantesten

Die Suche nach den Gründen dieser Börsen-Rekordjagd ist im vergangenen Jahr beinahe zum Volkssport geworden. Hilfreich bei der Beantwortung der aktuellen Börsenphänomene ist dabei der Blick auf eine Größe, die noch schneller und steiler nach oben geklettert ist als die Aktienmärkte selbst: Die Geldmengen. In der Eurozone ist die sogenannte Geldmenge M2, die neben Bargeld auch bestimmte Spar- und Termineinlagen beinhaltet, im letzten Jahr um zwölf Prozent gewachsen. Dies ist die höchste Wachstumsrate in der Geschichte der EZB.

Zum Vergleich: In den Vorjahren lag das Geldmengenwachstum stets zwischen zwei Prozent und sechs Prozent. In den USA explodierte die Geldmenge M2 im Jahr 2020 um schier unglaubliche 25 Prozent. Der vorherige Rekordwert in der 60-jährigen Datenhistorie lag bei 13 Prozent und stammt aus den Jahren 1971 und 1976. Die Kaufprogramme der Notenbanken diesseits und jenseits des Atlantiks haben ihre Wirkung also nicht verfehlt.

Bewertungen steigen mit

Auch wenn sich die fulminanten Kursanstiege mit dem Geldmengenwachstum erklären lassen, bleibt die Frage, ob die Aktien auf den aktuellen Niveaus fair bewertet sind oder ob die Bewertungen – zumeist ausgedrückt im Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – im Gleichschritt mit nach oben gelaufen sind. Schauen wir uns daher die relevanten Vergleichszahlen an: Im Zuge der Covid-19-Pandemie sind die historischen Gewinne deutlich eingebrochen. Beim S&P 500 lagen diese zuletzt 30 Prozent unter ihrem Rekordhoch, beim Dax sogar gut 70 Prozent.

Auf der Basis dieser historischen Gewinne führt dies zu einem Kurs/Gewinn-Verhältnis aller 30 Dax-Werte zusammengenommen von 65. Zum Vergleich: In den zehn Jahren vor der Pandemie lag dieser Wert durchschnittlich bei 16. Das teure historische KGV ist zunächst einmal nicht weiter schlimm – an der Börse wird ja die Zukunft gehandelt, nicht die Vergangenheit. Schaut man genauer hin, dann fallen uns jedoch die Extreme auf: Anleger und Analysten trauen den 30 Dax-Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten tatsächlich einen Gewinnanstieg um sage und schreibe 235 Prozent zu.

Sollten sich die Gewinne nur etwas langsamer erholen als aktuell prognostiziert, könnte am Aktienmarkt Ungemach drohen. Denn dann müsste die Schere der aktuell hohen KGVs nicht über steigende Gewinne, sondern – zumindest in Teilen – über fallende Kurse geschlossen werden. 

Noch auffallender und zugleich frappierender ist die Situation bei den Small- und Mid-Cap Indizes. MDax-Werte werden aktuell mit dem 34-fachen zukünftig erwarteten Gewinn gehandelt. Sie sind damit mehr als doppelt so teuer wie in den zehn Jahren vor der Covid-19-Krise.

Risiko kreditfinanzierte Käufe

Ein weiteres Risiko: Aktien werden längst nicht nur mit vorhandenen Barmitteln gekauft. Kreditfinanzierte Aktienkäufe sind in Mode wie lange nicht. Der chinesische CSI 300-Index, der die 300 wichtigsten Aktien der Börsen in Shanghai und Shenzhen abbildet, notiert derzeit so hoch wie zuletzt im Jahr 2008. Parallel zum Kursanstieg ist auch das Volumen der kreditfinanzierten Aktienkäufe nach oben geklettert – und zwar auf den höchsten Stand seit 2015. Auf den Anstieg folgte damals eine Kettenreaktion mit Zwangsverkäufen kreditfinanzierter Aktien. Innerhalb von gut zwei Monaten ging es 45 Prozent nach unten.

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Ist diesmal alles anders?

Auf Warnungen entgegnen Börsianer häufig: Diesmal ist alles anders. Solange die Geldmengen im aktuellen Tempo steigen, mag das stimmen. Trotzdem werden irgendwann die Tage kommen, an denen die Geldmengen langsamer ansteigen und Bewertungen wieder verstärkt hinterfragt werden. Die Ausweitung der Geldmengen hat die aktuell hohen Kurse ermöglicht. Sie haben Aktien damit aber auch zu einer noch gewagteren Wette auf die Zukunft gemacht.

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