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Verkehrte (Finanz)Welt
Quelle: dpa

Börsenpsychologie: Schützen Sie Ihr Depot vor Ansteckungsgefahren

Menschen sind von Natur aus Herdentiere. Sich gegen die Masse zu stellen, fällt ihnen schwer. Dies zeigte sich auch während des durch die Corona-Pandemie ausgelösten Börsen-Crashs.

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„Die massenpsychologischen Reaktionen sind an der Börse die gleichen wie im Theater: Einer gähnt, und in kürzester Zeit gähnt jeder. Einer hustet, sofort hustet der ganze Saal.“

André Kostolany, einer der größten Börsenspekulanten der Geschichte, bringt es mit seinem Zitat auf den Punkt: Börse ist Psychologie. Der wahre Wert einer Aktie ist nicht bekannt, er spiegelt die unterschiedlichen Erwartungen der Marktteilnehmer wider. Diese Unsicherheit macht Anleger anfällig für emotionale Verhaltensweisen wie Gier oder Panik. Dies lässt sich auch während der aktuellen Pandemiekrise feststellen.

Ausbruch der Coronakrise: Schwarzer Schwan

Manchmal sind es „schwarze Schwäne“, die den Börsenhimmel plötzlich verdüstern und zu schweren Turbulenzen führen. Ein schwarzer Schwan ist in der Natur so selten, dass er als Börsenbegriff für höchst unwahrscheinliche, aber folgenschwere Ereignisse herhalten muss. Nun ist mit der Ausbreitung des Coronavirus das eingetreten, womit der Markt nicht gerechnet hatte und dessen Folgen unkalkulierbar sind: Ein schwarzer Schwan, ein Schockereignis. Anders als beim Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 trifft die Pandemie die Realwirtschaft unmittelbar mit voller Wucht.

Zwar waren die Aktienmärkte nicht erst seit Anfang dieses Jahres weltweit heiß gelaufen. Die Bewertung der Märkte hatte sich von der wirtschaftlichen Realität bereits abgekoppelt. Die Fortsetzung der jahrelangen Hausse an den Börsen wollte jedoch kein Anleger verpassen. Je länger ein Bullenmarkt andauert, desto mehr neigen Anleger zu einer „Buy-the-Dip“ Mentalität. Rückschläge sind Kaufgelegenheiten, Risiken werden ausgeblendet. Es wird gekauft, in konditionierter Erwartung weiter steigender Kurse. Die mediale Berichterstattung wirkte zudem trendverstärkend.

Doch woher kommt dieser Gruppendruck, dieses Herdenverhalten, das sich jetzt auch während der aktuellen Covid-19-Krise bestätigt?

Anleger folgen der Mehrheitsmeinung

Menschen sind von Natur aus Herdentiere, so die Neurowissenschaften. Mit Blick auf Spekulationsblasen und panikhafte Ausverkäufe an den Börsen legt dieses Konzept nahe: Wenn Sie der Mehrheitsmeinung folgen und entsprechend investieren, werden Sie anschließend versuchen, diese Entscheidung durch bestätigende Informationen zu rechtfertigen. Je länger der Aufschwung an den Märkten anhält, desto mehr Gründe werden gefunden, warum es weiter aufwärts gehen muss. Dies ließ sich beispielhaft bereits während des Platzens der Dotcom-Blase 2000/2001 beobachten, als viele Analysten noch Studien mit realitätsfernen Kaufargumenten veröffentlichten, während der Nemax 50, der Index des Neuen Marktes, von Rekorden bei fast 10.000 Punkten auf wenige hundert Zähler fiel.

Stresshormone und Börsen-Crash

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller ist davon überzeugt, dass die Börse von Geschichten getrieben wird und viel weniger von harten Fakten. Das menschliche Gehirn vereinfacht komplexe Sachverhalte. Wir legen uns die Welt so zurecht, dass sie zu unseren Überzeugungen passt. So haben sich viele Marktteilnehmer lange auf die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquiditätsflut als Treiber der Hausse und als Sicherheitsnetz verlassen. Aufgrund des gleichzeitigen Angebots- und Nachfrageschocks wurde die Wirksamkeit der geldpolitischen Instrumente dann vorübergehend in Zweifel gezogen. Mit der Pandemie richtete sich der Blick auf die Anfälligkeit und Verwundbarkeit der eng verflochtenen Weltwirtschaft. Die Unterbrechung globaler Produktions- und Lieferketten sowie der Einbruch wichtiger Absatzmärkte haben das Potenzial, eine schwere Rezession auszulösen. Bullenmärkte enden abrupt. Viele sind damit überfordert und verkaufen mit der Masse in fallende Märkte. Sowohl Privatanleger als auch professionelle Investoren sind in den besonders heiklen Märzwochen des Börsencrashs in diese „evolutionäre Ansteckungsfalle“ getappt.

Ausblick: Auf das konzentrieren, was wir kontrollieren können

Der jüngste Corona-Crash war der schnellste und heftigste der bisherigen Börsengeschichte. Allerdings: Auch die Coronakrise kam nicht aus heiterem Himmel. Der Ausbruch der Epidemie in China war wochenlang zu verfolgen. Nassim Nicholas Taleb, Autor des Bestsellers zum Thema schwarze Schwäne sagt heute, dass die globale Pandemie im Grunde ein vorhersehbarer weißer Schwan war. Die fatale Neigung, spät auf Gefahren zu reagieren ist ein massenpsychologisches Phänomen. Was wir uns nicht vorstellen können, wollen wir auch nicht wahrhaben.

Die Börsen tun sich stets schwer, die Folgen exogener Schocks richtig einzupreisen. Erst wenn die Gefahr real greifbar wird, legt die Masse der Anleger abrupt den Schalter um. Als das Coronavirus sich in Norditalien rasant ausbreitete, haben die Märkte zeitverzögert heftig reagiert. Angst ist hochgradig ansteckend und hat eine Verkaufspanik ausgelöst. Klar ist: Der richtige Zeitpunkt für einen Ausstieg aus den Märkten lässt sich ebenso wenig vorhersagen wie der für einen Wiedereinstieg. Die überraschend starke Bärenmarkt-Rally der vergangenen Wochen hat zwischenzeitlich wieder zu Kursniveaus geführt, die viele fundamental für nicht gerechtfertigt halten. Angesichts billionenschwerer Rettungsprogramme scheint der Glaube an die Allmacht der Zentralbanken bei vielen Anlegern unerschütterlich. Ein neues Narrativ scheint sich herauszubilden, wonach Finanzmärkte von den weltwirtschaftlichen Verwerfungen abgeschirmt werden.

Tatsächlich ist die Bewertung der Aktienmärkte wieder höher als vor der Krise und damit von der Realwirtschaft entkoppelt. Mit den steigenden Kursen wächst bei Anlegern die Befürchtung, den richtigen Zeitpunkt für einen Wiedereinstieg zu verpassen. Ein neuerlicher Herdentrieb zeichnet sich ab. Während überraschend viele Privatanleger frühzeitig wieder eingestiegen sind, stecken die vorsichtig agierenden institutionellen Investoren in einem Dilemma. Denn mit der deutlichen Erholung der Märkte wächst der Performancedruck. Fondsgesellschaften sind augenscheinlich gezwungen, Shortpositionen aufzulösen und – entgegen der eigenen fundamentalen Überzeugung - auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Aus Verkaufspanik wird Kaufpanik. So funktioniert Börse. Ansteckend wie im Theater, meint André Kostolany.

Wie lautet also aus börsenpsychologischer Sicht die Empfehlung für die Anleger? Halten Sie immer einen Plan bereit für den Fall, dass es zu schweren Rückschlägen an den Märkten kommt. Unterschätzen Sie nicht die Ansteckungsgefahren. Irrationale Übertreibungen gibt es immer wieder in beide Richtungen. Es erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin, sich gegen den Urinstinkt des Herdentriebs zu stemmen. Schockereignisse wie eine Pandemie verursachen Angstepidemien an den Weltmärkten. Euphorie und Gier lassen Spekulationsblasen entstehen, die irgendwann platzen. Die Folgen sind unkalkulierbar.

Was Sie aber kontrollieren können sind die eigenen Verlustängste, das heißt die Auswirkungen auf das eigene Depot. Kontrollieren Sie, was kontrollierbar ist. Und zwar durch konsequentes Risikomanagement mit Verlustbegrenzung. Achten Sie auf Positionsgrößen, streuen Sie Ihre Anlagen und handeln Sie niemals an der Börse ohne vorher Stop-Loss Limits gesetzt zu haben. Depotschutz hat immer oberste Priorität, nicht nur in Krisenzeiten.

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