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Verkehrte (Finanz)Welt
Quelle: dpa

Ist der neue Dax der bessere Gradmesser für den deutschen Aktienmarkt?

Ab September 2021 wird der Dax auf insgesamt 40 Werte erweitert. Damit werden einige, jedoch nicht alle Baustellen des Leitindex gezielt angegangen.

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Der Dax ist der bekannteste deutsche Aktienmarktindex. Bisher setzte er sich aus den 30 größten und liquidesten Unternehmen zusammen. Im Zuge einer Reform wird der Dax im angelaufenen Jahr auf 40 Werte aufgestockt. Repräsentierte der Dax bislang 72 Prozent der Marktkapitalisierung aller im Prime Standard-Segment notierten Aktiengesellschaften in Deutschland, so dürften es künftig über 90 Prozent sein.

Auch der „kleine Bruder“ des Dax, der MDax, wird reformiert. Er verkleinert sich auf 50 statt bisher 60 Werte.

Die Geschichte beider Indizes reicht bis in das Jahr 1987 zurück. Mit dem angekündigten Umbau werden nun einige Lehren aus dem jüngsten Wirecard-Skandal gezogen. Andere Phänomene, wie etwa die sogenannte „Indexmigration“, wird es wohl auch weiterhin geben.

Was ist Indexmigration?

Performanceindizes werden inklusive Dividenden berechnet: Bis zum 31. Dezember 2020 erzielte der Dax über die vergangenen 15 Jahre eine Rendite von 6,40 Prozent pro Jahr, während der MDax im gleichen Zeitraum auf eine Wertentwicklung von 10,05 Prozent kommt. Wie lässt sich dieser deutliche Renditeunterschied erklären? Eine These ist, dass sich kleinere Unternehmen, also jene mit einer geringeren Marktkapitalisierung, dynamischer entwickeln als größer kapitalisierte Unternehmen. Zudem sind die Aktien kleiner Firmen weniger liquide und Anleger fordern entsprechend eine höhere Risikoprämie ein. In einer längerfristigen Analyse der Indexrenditen haben beide Effekte zusammen jedoch nur einen geringen Einfluss.

Erhellender ist daher ein Blick auf die sogenannte „Indexmigration“. Gemeint ist damit das Auf- und Absteigen aus größeren Indizes in kleinere und umgekehrt. Die Indizes sind in ihrer Zusammensetzung nicht statisch, da sich Liquidität und Marktkapitalisierung im Laufe der Zeit ändern.

Eine Migration erfolgt, wenn sich die jeweiligen Aufsteiger in der jüngeren Vergangenheit gut entwickelt haben. Umgekehrt ist eine Herabstufung mit einer schwächeren Geschäftsentwicklung verbunden, die normalerweise mit einer schwächeren Wertentwicklung einhergeht. Ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist etwa Lufthansa. Die Airline musste ihren Platz im Dax für den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen räumen.

Lässt sich der Effekt dieser Migration auf die kumulierten Renditen des Dax und MDax quantifizieren?

Hälfte der Überrendite entsteht durch Indexmigration

Unsere Analyse ergab, dass Migrationseffekte erhebliche Auswirkungen auf Indexrenditen haben. So ist mehr als die Hälfte des eingangs skizzierten Renditeabstands von Dax und MDax auf diese Bewegungen zurückzuführen. Ähnliche Effekte können auch in anderen Indizes in Europa beobachtet werden, etwa beim EuroStoxx-Index, der in den letzten fünf Jahren den EuroStoxx 50-Index übertroffen hat.

Da die Konstruktion des Dax, auch nach der Reform, auf die Marktkapitalisierung ausgerichtet bleiben wird, lassen sich diese Effekte nicht gänzlich beheben. Jedoch gibt es zwei Optionen, diese zumindest zu verringern:
Möglichkeit Nummer 1: Erhöhung der Häufigkeit der Neuausrichtung der Indizes. Dies wäre zwar technisch machbar, die Auswirkungen besonders auf Vermögensverwalter, die solche Indizes als Grundlage ihrer Produkte verwenden, wären jedoch unerwünscht, da die operationellen Kosten in Bezug auf Überwachung und Handelsaktivitäten erheblich zunehmen würden. Gleichzeitig kann dieser Vorschlag die Migrationsfolgen nur verringern, aber nicht wirklich lösen.

Möglichkeit Nummer 2: Erhöhung der Anzahl der Bestände in den Large-Cap-Indizes. Genau dies ist ein Teil des eingeschlagenen Kurses der Deutschen Börse zur Dax-Reform. Durch diese Verbreiterung würden einzelspezifische Effekte (inklusive Migrationseffekte) auf eine größere Basis verteilt und damit etwaige negative Auswirkungen verringert.

Ausblick: Die Folgen des Wirecard-Skandals

Der Wirecard-Skandal hatte nicht nur einen sehr negativen Einfluss auf die Reputation des deutschen Finanzplatzes, sondern auch auf die Rendite vieler Anleger. Er muss daher Ausgangspunkt sein für Initiativen zur Verbesserung des Regelwerks sowie Diskussionen zu Schwachstellen und Indexkonstruktionen. So kündigte die Deutsche Börse etwa an, Unternehmen, die Insolvenz anmelden müssen, innerhalb von nur zwei Tagen aus dem Index zu entfernen, anstatt auf eine nächste offizielle Überprüfung zu warten.

Eine Erhöhung der Diversifikation in den deutschen Aktienindizes ist sehr begrüßenswert. Das Phänomen der Indexmigration wird es wohl auch nach Inkrafttreten der Reform weiterhin geben. Und auch ein Ereignis wie Wirecard werden selbst ausgefeilte Indexkonstruktionsmethoden möglicherweise nicht im Vorhinein verhindern können. Jedoch definitiv besser abfedern.

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Insofern gehen die von der Deutschen Börse in ihrer Evolution der Dax-Indizes jüngst eingeleiteten Schritte in die richtige Richtung.

Mehr zum Thema: Die Regeln, nach denen der deutsche Leitindex zusammengestellt wird, sollen reformiert werden. Schon im September skizzierte die WiWo ihren Vorschlag für einen „besseren Dax“: So könnte die Reform an der Börse aussehen.

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