Verkehrte (Finanz)welt
Sind die Rückschläge und Risiken an der Börse ein Rückschlag für das wachsende Börseninteresse junger Menschen? Quelle: imago images

Ist die neue Aktienkultur in Deutschland in Gefahr?

Begrüßenswert: Mehr junge Menschen beschäftigen sich mit dem Thema Börse. Die derzeitigen Marktkorrekturen müssen keinen Dämpfer bedeuten.

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Gerade haben Tausende junge Deutsche die Börse entdeckt, da müssen sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Periode steigender Zinsen, erhöhter Unsicherheit und sinkender Notierungen miterleben. Schlimmer noch: Die derzeitige Korrektur könnte länger dauern. Robo-Advisor und Neobanken haben genau so wenig ein Mittel gegen fallende Kurse wie Indexfonds und gestandene Fondsmanager, die die Aktienmärkte schon ein wenig länger bearbeiten.

Die Kenntnis der eigenen Risikotragfähigkeit ist für die Marktteilnehmer jetzt wichtig. Vornehmlich sollte es an der Börse jedoch nicht um das Spekulieren gehen, sondern um die Rolle zur Finanzierung der Realwirtschaft und langfristige Potenziale für Anleger.

Betrachtung des Risikos

Dass Finanzmärkte mit Risiken verbunden sein können, dies wurde zuletzt für viele sichtbar. Und dies selbst dann, wenn man nicht jeden Tag mit hohen Kosten handelt und auch, wenn man seine Aktieninvestitionen breit über Indexfonds oder aktiv gemanagte Fonds streut. Dass die Börsen innerhalb von nur wenigen Wochen 20 oder gar 30 Prozent verlieren können, dies sollte nicht wirklich überraschen. Wir bewegen uns in einer Marktwirtschaft, wo Aktivitäten von Millionen Marktteilnehmern zu veränderten Preisen führen. Transparente Kapitalmärkte, die untereinander über Vermögenseffekte verbunden sind, reagieren auf diese Veränderungen.

Ich halte die aktuellen Korrekturen an den Börsen für verständlich. Die Märkte wurden lange von künstlich niedrig gehaltenen Zinsen und die – durch die Globalisierung im Zaum gehaltenen – Preise unterstützt. Auf beiden Feldern scheinen die Grenzen erreicht. Die Unternehmen müssen sich entlang der aktuellen Herausforderungen neu ausrichten und anpassen (sei es etwa beim Thema Lieferketten, nachhaltiger Produktion oder verbesserter Finanzierung), um die Gewinne wieder zu steigern.

Die Rolle der Börse für Anleger und die Realwirtschaft

Die Börse als Institution hat eine wichtige gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Mittelständische Unternehmen beschaffen sich Kapital und finanzieren Wachstum. Familienunternehmen können hier ihre Nachfolge regeln und erschließen sich neue und umfangreiche Finanzierungsmöglichkeiten. Der Börse kommt darüber hinaus auch ein wichtiger Stellenwert bei den Themen Vermögensaufbau und Altersvorsorge zu. Wo sonst als auf diesem Marktplatz haben Bundesbürger – bei vertretbaren Kosten – die Möglichkeit, vom Erfolg der deutschen, europäischen oder sogar globalen Wirtschaft zu profitieren? Wie sonst könnte ein Arbeitnehmer erfolgreicher Gesellschafter eines boomenden Unternehmens werden, wenn nicht über einen ETF-Sparplan oder den direkten Kauf einer Aktie seiner Überzeugung?

Anforderungen an funktionsfähige Märkte

Damit dies gelingt, bedarf es funktionierender Märkte. Wenn wir „Börse“ sagen, dann meinen wir in Deutschland den von der Deutschen Börse AG getragenen Wertpapiermarkt. Die am Markt gehandelte Deutsche Börse AG ist der private Träger der öffentlich-rechtlichen Institution Börse. Während wir hierzulande im Bereich der Organisation und Überwachung des Wertpapierhandels in den vergangenen Jahren weitere Professionalisierungsschritte getätigt haben, wurde das Potenzial des Aktienmarktes zum Beispiel beim Thema Altersvorsorge von staatlicher Seite bislang noch unzureichend gehoben.

Schauen wir zunächst auf die Habenseite: Die Rechte von Aktionären, gerade auch der Zugang zu Informationen und die faire Behandlung von Minderheitsaktionären, sind durch EU-Recht und damit auch die deutsche Gesetzgebung in den vergangenen Jahren verbessert worden. Hinzu kommen neue Möglichkeiten, um Stimmrechte über Aktionärsvertreter und Fondsmanager wahrzunehmen. Auch beim Thema Nachhaltigkeit ist der Einfluss ausgeweitet worden. Das funktioniert bei börsennotierten Unternehmen in der Regel besser, da diese zur öffentlichen Berichterstattung verpflichtet sind. Auch wenn einige Unternehmen berechtigterweise über Bürokratie klagen: Die Richtung stimmt.

Auf anderen Feldern hinken wir dagegen hinterher. So sind viele der staatlich anerkannten und geförderten Produkte zur Vorsorge im Alter von den Aktienmärkten völlig entkoppelt. Das gilt sowohl für Riester als auch für einige Modelle der Lebensversicherung. Diese schwanken zwar weniger als der Aktienmarkt, erwirtschaften aber auch keine langfristige Rendite. Als langfristiges Vorsorgeprodukt fallen sie somit aus. Für Verbesserungsvorschläge und ein alternatives Modell der staatlich geförderten Altersvorsorge empfehle ich das aktuelle Positionspapier der CFA Society Germany.

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Ausblick
Funktionierende Märkte bekommt man nicht umsonst. Dazu gehören aufstrebende und gesunde Unternehmen ebenso wie eine effektive Finanzmarktregulierung und gut informierte, breite Anlegerkreise mit entsprechender Finanzbildung. In der Altersvorsorge könnten staatlich geförderte Modelle, die rentable Anlagen (insbesondere Aktien) berücksichtigen, die Wahrnehmung für das Thema erhöhen. Studienergebnisse legen nahe: Besonders jüngere Mitglieder unserer Gesellschaft fühlen sich für ihren Wohlstand und ihr Vermögen selbst verantwortlich und benötigen keine direkte staatliche Lenkung. Transparente, nachvollziehbare und renditestarke Angebote, die an die heutige Berufswelt angepasst sind, treffen besser den Bedarf.

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