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Verkehrte (Finanz)welt
Quelle: imago images

Warum Jahres-Prognosen nicht viel aussagen

Jedes Jahr aufs Neue geben Banken und Fondsgesellschaften Dax-Prognosen heraus. Diese sind meistens positiv und haben mit den tatsächlich realisierten Renditen aus der Vergangenheit eher wenig gemein. Das ist kein Zufall, denn das Geschäftsmodell der Prognosegeber lebt davon, dass sie Optimismus verkaufen.

Vergleicht man einmal die vergangenen Aktienkursprognosen bekannter Banken und Fondsgesellschaften mit den tatsächlichen Ergebnissen, so stellt man fest, dass sie zum einen äußerst selten zutreffen und zum anderen fast immer optimistisch ausfallen. Nun ist den betreffenden Analysten keine böse Absicht zu unterstellen, denn das Problem ist struktureller Natur: Die Arbeitgeber der Analysten leben davon, dass ihre Kunden ihnen Kapital anvertrauen. Aus rationaler Sicht werden die Kunden das aber nur dann tun, wenn sie einen Nutzen daraus ziehen und ihre Investments Erträge generieren.

Nachdem jedoch niemand die Börsenentwicklung vorhersagen kann, spielen die Erwartung und, damit unmittelbar verbunden, die Stimmung eine wesentliche Rolle. An der Börse wird schließlich die Zukunft gehandelt und für steigende Kurse muss die Käuferseite überwiegen. Börsianer kaufen aber nur, wenn sie optimistisch sind. Weil die besagten Institute auf der „Sell-Side“ stehen, müssen sie also Optimismus vermitteln. Somit können sie auch beim aktuellen Dax-Stand keine Ziele von 9000 oder 8000 Punkten zum Jahresende ausgeben. Schließlich würden sie ihren Kunden (der „Buy-Side“) damit jegliche Anreize für ein Börseninvestment entziehen.

Unstimmigkeiten in den Prognosemodellen

Auch für dieses Jahr waren die Dax-Prognosen zu Jahresbeginn sehr optimistisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese so eintreffen, ist jedoch gering.

Der Durchschnitt der Prognosen elf ausgewählter, renommierter Banken und Fondsgesellschaften* für 2019 lag zu Jahresbeginn bei 12.100 Punkten. Gemessen am 2018er Dax-Jahresendstand von 10.559 Punkten ergibt dies eine erwartete Jahresrendite von etwa 15 Prozent. Auf Basis der Dax-Einzelaktien prognostizieren dieselben Häuser allerdings einen Anstieg von satten 32 Prozent. So zeigt sich: Die Prognosemodelle der Banken sind in sich unstimmig.

Hinzu kommt: Historisch stieg der Dax als Performanceindex im Durchschnitt jährlich um etwa sieben Prozent, also weniger als die Hälfte des diesjährigen Prognosedurchschnitts. An ein derartiges Boomjahr 2019 zu glauben, fällt schwer. Einen deutlich verhalteneren Erwartungswert ergeben die durchschnittlichen Dax-Prognosen US-amerikanischer Banken.

Das lässt sich dadurch erklären, dass der Dax nicht den Hauptmarkt amerikanischer Finanzinstitute darstellt und die optimistische Voreingenommenheit entsprechend geringer ist. So ist es nur logisch, dass im Umkehrschluss die deutschen Häuser für den amerikanischen Markt pessimistischer als die US-amerikanischen Banken sind. Dennoch: Auch der Blick auf Prognosen aus dem Ausland ist kein Garant für Neutralität. So sind laut Schätzungen von EY aus dem April 2018 über die Hälfte der Dax-Aktien in internationaler, dabei rund 21 Prozent in amerikanischer Hand. Von vollkommener Unbefangenheit kann hier also keine Rede sein.

Strategie statt Orakel

Was sich in all dem vor allem zeigt, ist dies: Prognosen, speziell Jahresprognosen, können uns nicht viel sagen. Selbst wer vollkommen frei von Eigeninteressen analysiert, hat es äußerst schwer, die Zukunft auf ein Jahr hinaus vorherzusehen.

In der Realität jedoch sind die meisten Prognosen von Interessenskonflikten und subjektiven Verzerrungen geprägt. Statt Orakeln zu folgen, sollten sich Anleger daher besser auf ihren gesunden Menschenverstand, auf fundamentale und technische Analyse verlassen. Dabei ist es von entscheidender Wichtigkeit, sich seinen eigenen Anlage- und Trading-Stil zu erarbeiten, der der eigenen Risikoneigung und den eigenen Vermögensverhältnissen entspricht. Nur so ist erfolgreiches Agieren an der Börse dauerhaft möglich. Sich an diese eigene Strategie zu halten – ganz unabhängig von Jahresprognosen – ist entscheidend. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch in diesem Jahr daneben liegen, ist hoch.

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* Helaba 13.200; Postbank 13.000; LBBW 12.500; Commerzbank 12.500; Deutsche Bank 12.300; Dekabank 12.000; DZ Bank 12.000; Union Asset Management 11.600; BayernLB 11.500; Allianz 11.500; Bank Sarasin 11.000

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