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Verluste bei Aktien, Anleihen, Öl Ein Crash kommt selten allein

Die Finanzmärkte brechen reihenweise ein, mit Griechenland führt ein alter Bekannter die Reihe der konjunkturellen Sorgenkinder an. Besonders gefährlich ist das mangelnde Vertrauen der Investoren in die Notenbanken.

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Zehn günstige deutsche Aktien

Was derzeit über die internationalen Finanzmärkte hinwegfegt, hat mit einem normalen Herbststurm langsam nichts mehr zu tun. Weltweit zeigen Börsenbarometer derzeit nach unten. Problematisch ist vor allem, dass nahezu alle Märkte gleichzeitig in der Krise zu stecken scheinen. Nicht nur bei Aktien, auch bei Anleihen, Währungen und Rohstoffen deutet vieles auf eine längere Schwächeperiode hin. Crash-Propheten sehen sich bereits bestätigt.

Aktienmärkte

Auch am deutschen Aktienmarkt werden die Sorgenfalten immer tiefer. Am Donnerstag sank der Dax zwischenzeitlich auf 8354 Punkte, den tiefsten Stand seit September 2013. Zwar konnte der Index die Tagesverluste wieder aufholen, aber die Angst der Anleger vor einem erneuten Einbruch bleibt.

Ähnlich sieht es an anderen Börsen aus, auch die Börsen in Frankreich, Italien und der Schweiz verzeichneten in den letzten Tagen deutliche Rückschläge. Besonders hart traf es die Börse in Athen. Der dortige Index Athex verlor in den letzten Tagen zeitweise neun Prozent und mehr.

Hinzu kommt: auch jenseits des Atlantiks wird die Stimmung schlechter. Während der Dow Jones Index in den letzten Wochen eher eine Seitwärtsbewegung zeigte, büßte er in den letzten Tagen deutlich Punkte ein und fiel zeitweise unter die Marke von 16.000 Punkten.

Es sind also längst nicht mehr einzelne Börsen, die Kursrückgänge verzeichnen. Analysten zeigen sich mehr und mehr beunruhigt. „Die Stimmung an den Aktienmärkten hat sich inzwischen gewandelt“, sagte ein Analyst gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. In der Vergangenheit hätten die Investoren Kursrückgänge für den Einstieg genutzt, das sei nun nicht mehr automatisch der Fall: „Die Frage ist: Was kommt jetzt?“.

Andere Börsenbeobachter formulieren es dramatischer. "Dax schaltet in den Panikmodus" schreibt Jens Klatt, Chefanalyst des Börsendienstes DailyFX. Es käme zu "panikartigen Verkäufen", dem Markt werde der massive Einsatz von Fremdkapital zum Verhängnis, welcher seinen Ursprung in den letzten Jahren im billigen Geld der Notenbanken hatte.

Die Panik an den Märkte spiegelt sich im sogenannten VDax wider, dem Volatilitätsindex. Signalisiert dieser hohe Schwankungen, deutet das gleichzeitig auf nachgebende Kurse hin, der Indikator zeigt die Risikoneigung der Anleger an. Deshalb wird der VDax oft als "Angstbarometer" bezeichnet. Allein am Donnerstag legte der Index um über zwölf Prozent zu, innerhalb der letzten Woche hat er seine Punktzahl fast verdoppelt.

Anleihemärkte

Verstärkt wird die Gefahr, da die Aktienmärkte nicht das alleinige Sorgenkind sind. Auch die Anleihemärkte senden mittlerweile deutliche Krisensignale aus. Die als sicherer Hafen geltenden zehnjährigen Bundesanleihen sind sehr gefragt und rentieren nur noch mit 0,7 Prozent. Je höher die Nachfrage der Investoren, desto niedriger die Rendite. Ein ähnliches Muster zeigen amerikanische Treasuries, auch sie gelten als sicherer Hafen in Krisenzeiten.

Hinzu kommt, dass sich die Situation an den Anleihemärkten in den Euro-Peripheriestaaten wieder verschärft. Insbesondere bei Griechenland zweifeln Investoren wieder. Die Spekulationen auf vorgezogene Neuwahlen sorgten dafür, dass die Athener Börse seit Wochenbeginn um rund 13 Prozent einbrach, zehnjährige Anleihen rentierten zwischenzeitlich bei rund neun Prozent, nachdem sich die Renditen zuvor auf rund 6,5 Prozent erholt hatten. Damit wird es für Griechenland wieder deutlich schwieriger, sich zu refinanzieren. Der Plan der griechischen Regierung, den Rettungsschirm frühzeitig zu verlassen, könnte damit scheitern.

Wie weit muss die EZB gehen?

Schwarzmaler sehen bereits ein Wiederaufflammen der Euro-Krise, da auch die Renditen von Anleihen aus Spanien und Italien wieder leicht anzogen. Besonders negativ werteten Börsianer die Reuters-Meldung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) griechischen Banken den Zugang zu frischem Geld erleichtern will. Ein griechischer Zentralbanker erklärte dagegen, es handele sich dabei lediglich um eine Stützungsmaßnahme, nachdem sich in den vergangenen beiden Tagen Druck aufgebaut habe.

Neben Aktien- und Anleihemärkten fiel auch der Ölpreis auf den tiefsten Stand seit knapp vier Jahren, auch die Signale anderer Rohstoffmärkte sind kein Hoffnungsschimmer.

Vordergründig sind es die düsteren Konjunkturaussichten, welche die Märkte belasten. Die internationalen Krisen, vor allem in Russland und der arabischen Welt, hinterlassen ihre Spuren. Vor allem sorgen sie für Unsicherheit bei Anlegern und Verbrauchern. Darauf deutet auch das Konsumklima hin, welches sich im Laufe des dritten Quartals deutlich eingetrübt hat. Während die Verbraucher zuletzt aufgrund der mangelnden Anlagealternativen sehr kauffreudig waren, werden Konsumausgaben mittlerweile wieder vermehrt in die Zukunft verschoben.

Viel problematischer als die konjunkturellen Sorgen ist allerdings das mangelnde Vertrauen der Anleger, schließlich beruhen deren Handlungen hauptsächlich auf Erwartungen. Während in den letzten Monaten die Börsenkurse vom Vertrauen in die Notenbanken und deren billiges Geld getragen wurden, reicht das offenbar jetzt nicht mehr aus. Demnach glauben die Investoren nicht mehr daran, dass EZB und die amerikanische Notenbank Fed die Märkte ausreichend stützen können. Insbesondere wer ein Wiederaufflammen der Euro-Krise fürchtet, fragt sich, ob die EZB und ihr Präsident Mario Draghi ihr Pulver nicht bereits verschossen haben.

Befeuert werden die Sorgen von Aussagen des österreichischen EZB-Ratsmitglieds Ewald Nowotny. "Die Wirtschaft im Euroraum ist noch nicht in einer Deflation, zeigt aber deutliche Zeichen einer Abschwächung", sagte er in einem Donnerstag vorab veröffentlichten Interview mit dem österreichischen Magazin "Format". Obwohl die EZB den Leitzins schon auf ein Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt und negative Einlagezinsen eingeführt hat, lag die Inflation in der Währungsunion im September mit 0,3 Prozent so niedrig wie seit rund fünf Jahren nicht mehr.

"Die Glaubwürdigkeit der EZB steht auf dem Spiel", sagte Pimco-Portfoliomanager Andrew Bosomworth kürzlich gegenüber Bloomberg. Die Notenbank könne es sich nicht leisten, dass Inflation und Inflationserwartungen noch sehr viel länger unter dem Zielwert liegen. Letztere, die Inflationserwartungen, gelten bei zu niedrigen Werten als besonders gefährlich. Denn rechnen Verbraucher mit sinkenden Preisen, verlegen sie Kaufentscheidungen in die Zukunft, der Konsum kommt zum Erliegen. Aktuell liegt das inoffizielle Inflationsbarometer der EZB, welches die Erwartungen angibt, auf einem Rekordtief von nur noch 1,73 Prozent.

Börse



Ob das neue Kaufprogramm der EZB für verbriefte Kredite (ABS) und Pfandbriefe Abhilfe schafft, ist ebenfalls umstritten. Zumal das Volumen der Maßnahme noch nicht bekannt ist. "Ich will über Zahlen nicht spekulieren. In den Märkten gab es jedenfalls übertriebene Vorstellungen über das Ankaufsvolumen", erklärt Nowotny. Man sollte sich nicht von vornherein auf ein bestimmtes Volumen an ABS-Ankäufen festlegen, sagte er.

Hat sich das Vertrauen der Anleger in die Politik der EZB tatsächlich abgenutzt, könnte das dramatische Folgen haben - denn das einzige Instrument, welches der Notenbank dann noch bleibt, wären breit angelegte Anleihekäufe. Ein sogenanntes Quantitative Easing, wie es auch die Fed und die Bank of England praktizierten. Das würde die Finanzmärkte nur weiter aufblähen und womöglich noch gefährlicher machen.

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