Volkswagen-Aktien Privatanleger kaufen massenhaft VW-Aktien

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Privatanleger verhalten sich angeblich prozyklisch: Sie kaufen bei hohen und verkaufen bei tiefen Aktienkursen. Dass das nicht stimmt, zeigt das Beispiel VW in beeindruckender Weise.

Privatanleger nutzen den jüngsten Kursverfall bei Volkswagen-Aktien. Quelle: dpa

Privatanleger haben den jüngsten Kursverfall bei Volkswagen-Aktien in Scharen zum Einstieg genutzt und VW-Aktien gekauft. Das zeigt eine Auswertung der WirtschaftsWoche auf Basis von Daten der vier führenden Direktbanken mit insgesamt rund 15 Millionen Kunden. Demnach haben Kunden der Direktbanken ING-DiBa, DKB, Comdirect und Consorsbank seit Bekanntwerden der Vorwürfe rund um manipulierte Abgastests bei Diesel-Autos sieben bis zehn Mal mehr VW-Aktien gekauft als verkauft. Profi-Anleger hingegen waren deutlich pessimistischer und haben für ihre Kunden nach Recherchen der WirtschaftsWoche fast ausschließlich VW-Aktien verkauft. Der Kurs der VW-Vorzugsaktie hatte sich seit Mitte September bis Anfang Oktober von über 170 Euro auf zwischenzeitlich 86 Euro halbiert.

Der Optimismus der Privatanleger ist beeindruckend. Nach Angaben der Comdirect Bank verzehnfachte sich der Handel mit VW-Aktien. Dabei hätten Kunden seit dem 21. September, dem ersten Handelstag nach Bekanntwerden der Vorwürfe, sieben Mal mehr VW-Aktien gekauft, als sie verkauft haben. "Seit Mitte des Monats September hat sich die Anzahl der Aktien in den Depots unserer Kunden nahezu verdreifacht“, sagt Jan Enno Einfeld, Bereichsleiter Trading der Comdirect. Bei der DKB kamen auf einen Verkäufer zehn Käufer, bei der Consorsbank kamen am 21. September und an den folgenden Tagen sieben Käufer auf einen Verkäufer. Die Anzahl der Transaktionen habe sich verdreißigfacht, teilte die Consorsbank auf Anfrage der WirtschaftsWoche mit.

Stimmen zum Abgas-Skandal bei VW

Bei der ING-DiBa investierten die Kunden am 23. September 40 Prozent des insgesamt für Aktienkäufe aufgewendeten Geldes allein in Volkswagen-Aktien. Vorher hatte der Wert noch unter zehn Prozent gelegen, teilte die Direktbank mit. Bei den Aktien anderer Autohersteller, wie BMW und Daimler, deren Kurse im Zuge der VW-Krise ebenfalls gesunken waren, zeigten sich keine vergleichbaren Ausschläge. Obwohl der Kurs der VW-Aktien deutlich gesunken ist, machen sie bei Kunden der ING-DiBa weiterhin zwei Prozent des Depotvolumens aus, weil sich die Anzahl der gehaltenen Aktien auch hier deutlich erhöht hat. Bei der Consorsbank liegt der Anteil am Gesamtdepotvolumen der Kunden wegen der hohen Zukäufe aktuell sogar höher als vor dem 21. September.

Profi-Anleger teilen den Optimismus nicht. So registrierte die Münchner V-Bank, ein Dienstleister für Vermögensverwalter, seit dem 21. September zahlreiche Verkaufsaufträge. Erst nach ein paar Tagen, als sich der VW-Kurs wieder etwas stabilisiert hatte, seien auch vereinzelt kleinere Kaufaufträge gekommen, teilte die V-Bank auf Anfrage mit.

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Von der WirtschaftsWoche befragte Vermögensverwalter sehen noch keinen Einstiegszeitpunkt gekommen. "Jetzt zu kaufen, bedeutet, dass man in eine 'Black Box' investiert und das können wir keinem Kunden guten Gewissens empfehlen", sagt Frank Wieser, Geschäftsführer des Vermögensverwalters PMP Vermögensmanagement aus Düsseldorf. Andreas Görler, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Pruschke & Kalm in Berlin, hält Käufe vor allem deshalb für riskant, weil es unternehmensinterne Gründe für den Kursverfall gibt: "Während man bei exogenen Faktoren wie der Finanzkrise durchaus zum Kauf raten kann, wenn alle Werte stark unter Druck geraten, sollte man bei endogenen Faktoren, insbesondere in der aktuellen Situation von VW, wenn Begriffe wie Betrug und Manipulation fallen, von pauschalen Käufen abraten."

Wenigstens ein Vermögensverwalter, Jan-Patrick Weuthen, Portfoliomanager bei der Kölner B&K Vermögen will einen Rückkauf von VW-Aktien "nicht grundsätzlich ausschließen". Doch noch ist es auch ihm zu früh. "Dafür müssen verlässliche Fakten bezüglich der anstehenden Nachbesserungskosten und dem Ausmaß der bevorstehenden Klagewelle sowie das Strafmaß weitgehend offen liegen."

Wenn es nach den Profis geht, liegen die Privatanleger mit ihren massenhaften Käufen also falsch. Doch vielleicht haben sie einfach einen großen Vorteil: Sie müssen sich - anders als Vermögensverwalter - nicht gegenüber anderen verantworten, wenn sie mit ihren Käufen tatsächlich viel zu früh dran waren. Umso mehr dürfen sie sich freuen, sollte ihr Mut doch belohnt werden.

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