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Vor Fed-Entscheidung Hoffnung auf Beruhigung

Der Hauptsitz der US-Notenbank Federal Reserve in Washington D.C. Quelle: imago images

Evergrande ist nicht Lehman 2.0. Die US-Notenbank Fed dürfte daher an ihrer Linie festhalten: Einen Termin, von dem an die Fed das Tempo ihrer Anleihekäufe drosseln wird, dürfte sie erst bei der nächsten Sitzung nennen. Anleger rüsten sich aber schon jetzt.

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Als Notenbanken noch unabhängig waren, beispielhaft dafür stand die Deutsche Bundesbank, mussten sich die Finanzmärkte einstellen auf die Entscheidungen der Geldpolitik – und wurden manchmal überrascht oder gar auf dem falschen Fuß erwischt. Das hatte insgesamt eine heilsame Wirkung, weil es das Risikobewusstsein an den Finanzmärkten schärfte. Die Zeiten aber sind lange vorbei. 

Heute sind Überraschungen ziemlich unerwünscht, zumindest mit Blick auf eine geldpolitische Straffung, weil schlicht zu viel Risiko, also Schulden, im Spiel sind. Und weil Schulden mit Vermögenswerten besichert werden, dürfen diese nicht stark an Wert verlieren, damit die Schulden nicht faul werden. Anbrennen darf da nichts mehr. 

Heute sind Notenbanken Getriebene der Finanzmärkte.  Geldpolitische Entscheidungen bereiten die Notenbanker heute über Monate mit einer mitunter erstaunlichen Verbalakrobatik behutsam vor, damit es eben zu keinen unerwarteten, bösen Überraschungen kommt und große Verwerfungen an den Finanzmärkten ausbleiben. 

So gesehen kam das Störfeuer aus China ziemlich ungünstig - so kurz vor der zweitägigen Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank Fed (Federal Open Market Committee, FOMC), deren Beschlüsse am Mittwochabend von Fed-Chef Jerome Powell verkündet werden. Die Schieflage des chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande brachte zum Wochenauftakt die Börsen erheblich unter Druck. Die Warnungen vor Ansteckungsgefahren, Dominoeffekten, Kettenreaktionen und Vergleiche mit der Pleite von Lehman Brothers verunsicherten viele Investoren. Beweisen lässt es sich zwar nicht, aber die am Montag zum Sitzungsende an Wall Street aufkommende Kaufbereitschaft dürfte die Handschrift der Fed tragen. 

Nach bisherigem Stand ist eher nicht davon auszugehen, dass sich aus der Schieflage von Evergrande ein vergleichbarer globaler Finanzunfall entwickelt wie 2008 nach der Lehman-Pleite. Für Evergrande stehen morgen zwar Zinszahlungen an. Dafür haben die Chinesen aber 30 Tage Zeit. Erst nach Ablauf dieser Frist geriete Evergrande offiziell in Zahlungsverzug. Das wird vermutlich passieren. Die Regierung in Peking arbeitet schon länger daran, den Immobiliensektor im Land zu entschulden. In die Pleite entlassen wird Evergrande aber wohl nicht angesichts von 1,8 Millionen Arbeitsplätzen, die direkt und indirekt am Konzern hängen. Die nach heutigem Stand wahrscheinlichste Lösung für Evergrande dürfte daher auf einen Debt-Equity-Swap hinauslaufen. Dabei wandeln die Gläubiger Teile ihrer Forderungen in Unternehmensanteile um. Dadurch verbessert sich die Kapitalstruktur des Unternehmens, weil Forderungen aus der Bilanz fallen und die Eigenkapitalquote steigt. Dass dabei natürlich die derzeitigen Aktionäre in Röhre gucken werden, deutet sich seit Monaten im Sturzflug des Aktienkurses von Evergrande an. 



Richtig, 300 Milliarden Dollar Schulden sind für sich genommen gigantisch, aber im globalen Kontext dann doch übersichtlich. Allein die Fed schöpft aktuell noch 120 Milliarden Dollar durch Wertpapierkäufe – pro Monat. Zudem lässt das Zinsniveau in China, anders als in den USA, noch Raum für massive Zinssenkungen. Um das Kreditrisiko in Asien zu beurteilen, sollten Anleger die Aktien der stark in der Region engagierten Finanzhäuser Standard Chartered und HSBC beobachten. Bisher zumindest liegt da noch alles im grünen Bereich.

Die Fed wird daher, wie allgemein erwartet, nach der heutigen FOMC-Sitzung ankündigen, dass sie in einer der kommenden Sitzungen – voraussichtlich im November – ankündigen wird, wann sie das Tempo ihrer Anleihekäufe reduziert – vermutlich Anfang Dezember. Die FOMC-Mitglieder meinen, dass die US-Wirtschaft ihr Inflationsziel erreicht habe und sie sind mit den Fortschritten beim Beschäftigungswachstum „fast zufrieden“. Das geht aus dem Protokoll ihrer Sitzung vom Juli hervor. 

Etwas mehr Spannung verspricht die Zusammenfassung der Wirtschaftsprognosen (Summary of Economic Projections – SEP) der Fed. Das SEP, das vier Mal im Jahr präsentiert wird, enthält ein Punktdiagramm, Dotplot genannt, auf dem die Prognosen der einzelnen FOMC-Mitglieder zu den künftigen Zinssätzen eingetragen werden. Die Punkte lassen sich den einzelnen Mitgliedern nicht zuordnen, sie bleiben anonym. Ablesen lässt sich daran, wann und wie häufig mit Zinserhöhungen zu rechnen ist. Letzter Stand: Keine Zinserhöhung in 2022, zwei Zinserhöhungen in 2023. Zwar könnte es für 2022 knapp werden angesichts der aktuell hohen US-Inflationsrate. „Wir gehen davon aus, dass FED-Chef Jerome Powell seinen akkommodierenden Ton beibehalten und mögliche starke Signale aus dem Dotplot herunterspielen wird“, sagt François Rimeu von La Française Asset Management. Außerdem werde Powell den Beginn der Reduzierung der Anleihekäufe von den Leitzinserhöhungen abkoppeln, so der Stratege beim französischen Vermögensverwalter. 

Also alles wie gehabt? Nicht unbedingt. Es wird unübersichtlich bleiben für Anleger. Das zeigt sich am Verlauf der US-Renditen in den vergangenen Wochen. Zeitweise fallende Renditen signalisieren Gefahren für eine global wieder schwächere Konjunkturentwicklung, möglicherweise durch die Ausbreitung der Delta-Variante, vor allem in China. Auch der Anstieg des Ölpreises könnte für die Wirtschaft bereits wieder zu einem Belastungsfaktor geworden sein.

Andererseits nähert sich die US-Regierung der Schuldenobergrenze. Bis Ende Oktober muss hier eine Lösung her und bis dahin wird im Capitol wohl gepokert – mit der Gefahr eines technischen „Defaults“, steigender Renditen und einer stärkeren Kurskorrektur am US-Aktienmarkt. Ein temporärer Ausgabenstopp und keine neuen Schulden der US-Regierung bedeutet schließlich auch weniger Liquiditätszufuhr. Dazu gesellt sich ein Inflationscocktail aus steigenden Energiepreisen und Frachtraten.

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