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Vorbörsliche Plattform für Start-ups Kein neuer Neuer Markt

Ein Börsensegment für Start-ups ist schon vor der Geburt tot. Die Deutsche Börse plant stattdessen eine vorbörsliche IPO-Plattform. Doch auch die wird die tiefliegenden Probleme der deutschen Gründerszene nicht lösen.

Zentrale der Deutschen Börse Quelle: dpa

Der Berg sollte kreißen, so viel war bisher klar, am 18. Dezember, in der Scharnhorststraße 34-37 in Berlin. Zu diesem Termin hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Chef der Deutschen Börse Reto Francioni in sein Ministerium eingeladen. Im Schlepptau mit Vertretern großer Geldhäuser wie der Deutschen Bank und Lobbyisten von Firmengründern sollte dann eigentlich festgezurrt werden, wie und wann es denn werden könnte mit einem neuen Aktiensegment für junge Unternehmen, ein Neuer Markt für Börsengänge (Initial Public Offering/IPO) also.

Gut gewählter Beerdigungstermin

Doch seit diesem Dienstag ist der neue Neue Markt bereits gestorben. Andreas Preuß, stellvertretender Chef der Deutsche Börse, hatte sich für den Beerdigungstermin eine gebührende Großveranstaltung ausgesucht. „Wir glauben, dass die Schaffung eines Börsensegments allein nicht das bestehende Finanzierungsproblem löst“, sagte Preuß am Dienstag auf dem Deutschen Eigenkapitalforum in Frankfurt.

Das sind die Gründer des Jahres
Der Blick in den Saal in Hamburg, in dem die Neumacher-Konferenz in diesem Jahr stattfand. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel hielt die Eröffnungsrede und zeichnete am Abend die Gründer des Jahres aus. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Thorssen Kremser (FAKTOR 3) und Nestor Sierralta Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Stefan Schlieck vom Start-up Style Remains (rechts) im Gespräch mit Katja Goecken (links) und Sandra Hartwig (Mitte) vom Hamburger Inkubator Hanse Ventures. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Titus Dittmann, Gründer Titus GmbH. Sein Unternehmen ist der europäische Marktführer im Einzelhandel mit Skateboards und zugehöriger Streetwear. Auf der Neumacher-Konferenz hielt er die Dinner Speech. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Tobias Wagner und Peter Walde vom Start-up Mapegy und Anna Rojahn von Fast Forward Imaging stellen ihre Unternehmen im Gespräch mit Moderator Ole Tillmann (rechts) auf der Bühne vor. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche
Simon Kreuz hat das Start-up Shippo gestartet - allerdings nicht in Deutschland, sondern im Silicon Valley. Im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Korrespondent Matthias Hohensee erklärte er, was sich das junge Unternehmen vom Start in San Francisco verspricht und welche Herausforderungen Shippo beim Start meistern musste. Quelle: Christian Martin für WirtschaftsWoche

Dort präsentieren sich bis einschließlich Donnerstag mehr als hundert börsennotierte und nicht börsennotierte Unternehmen (Übersicht), gerechnet wird mit mehreren Tausend Besuchern.  Besonders die nichtbörsennotierten Firmen dürften sich ob der Aussage von Preuß erst einmal geschüttelt haben. "Ich bedauere diese Entscheidung und halte sie auch für falsch", sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel am Dienstag in Berlin. Sie werde dazu beitragen, dass sich junge Unternehmen noch stärker in die USA orientierten. Deutschlands größten Börsenbetreiber forderte er auf, seine Entscheidung zum "Markt 2.0" zu überdenken. Doch ganz allein will der Deutsche-Börse-Vize-Chef Start-ups nicht lassen: „Die Finanzierungssituation deutscher Wachstumsunternehmen beschäftigt uns gleichwohl.“ 

Das sind die Börsenkandidaten 2015
windeln.deDer Online-Händler windeln.de, der auf Baby- und Kindersachen spezialisiert ist, will offenbar noch im ersten Halbjahr 2015 an die Börse. Das berichten Insider. Die Deutsche Bank, Goldman Sachs und die Bank of America Merrill Lynch seien beauftragt worden, der Firma beim Börsengang zu helfen.Das frische Kapital soll dem Unternehmen Spielraum für seine weitere Expansion verschaffen. Die Banken wollen sich nicht zu den Plänen äußern, zunächst hatte das Wirtschaftsmagazin "BILANZ" über die Börsenpläne berichtet. Windeln.de wurde 2010 gegründet und schrieb 2014 bei einem Umsatz von 130 Millionen Euro einen kleinen Gewinn. Quelle: dpa
SunriseDer zweitgrößte Telekom-Anbieter der Schweiz, Sunrise, darf sich wohl über einen erfolgreichen Börsengang freuen. Die Nachfrage der Anleger war so hoch, dass das Volumen der Sunrise-Aktien sogar um 300 Millionen auf 2,3 Milliarden Franken erhöht werden konnte. Mit 68 Franken je Aktie landeten die Papiere in der Mitte der Preisspanne, kletterten aber schon am ersten Handelstag, dem 6. Februar, um über elf Prozent auf 78 Franken. Mit dem Erlös will das Schweizer Unternehmen zunächst vor allem Schulden zurückzahlen. Zudem fließt Kapital in die Kassen des Haupteigentümers, Finanzinvestor CVC. Insgesamt lieferte Sunrise damit den größten Schweizer IPO seit acht Jahren. Quelle: REUTERS
Ferratum OyiDer finnische Finanzdienstleister hat Anfang Februar den Schritt auf das Frankfurter Börsenparkett gewagt. Mit einem Kursgewinn von bis zu acht Prozent ist das Debüt gelungen. Hinter Tele Columbus feiert Ferratum bereits den zweiten Frankfurter IPO 2015. Das 2005 gegründete Unternehmen aus Helsinki vergibt Kleinkredite über 25 bis 2000 Euro, die per Handy oder Internet sofort abgeschlossen werden können. Von dem Börsengang-Volumen von brutto rund 110 Millionen Euro sollen rund 48 Millionen an Ferratum fließen. Das frische Geld will das Unternehmen in neue Produkte und die Expansion in weitere Länder stecken. Zudem soll sich Ferratum vom reinen Kreditanbieter nach und nach zu einer mobilen Bank entwickeln. Quelle: dpa
Tele ColumbusDer drittgrößte deutsche Kabelnetzbetreiber Tele Columbus startet seinen bereits im Herbst angekündigten Börsengang. Wie das Unternehmen mitteilte, werden 51 Millionen Aktien zu zehn Euro das Stück ausgegeben. Das gesamte Angebotsvolumen liege damit bei 510 Millionen Euro, davbon 333 bis 367 Millionen Euro aus Kapitalerhöhung. Erster Handelstag soll der 23. Januar sein. Mit dem Geld will Tele Columbus seine Schuldenlast senken und in den Ausbau der eigenen Kabelnetze investieren. Zusätzlich zur Kapitalerhöhung werden auch Altgesellschafter Aktien verkaufen. Beteiligt an Tele Columbus sind unter anderem Londoner Finanzinvestoren. Kerngebiet des Kabelnetzbetreibers ist Ostdeutschland. Auch in einigen westdeutschen Gegenden besitzt der Anbieter Kabelnetze. Quelle: Screenshot
EtsyEtsy, eine Online-Handelsplattform für Handgemachtes, will laut einem Bericht des US-Magazins mashable noch im laufenden Quartal an die Börse. Das Ebay für Heimwerker will mit der IPO rund 300 Millionen Dollar einsammeln. Über das gut zehn Jahre alte Portal wurden vergangenes Jahr Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar gehandelt. Quelle: Screenshot
Scout24 Schon vergangenes Jahr liebäugelte die Scout24-Gruppe, zu der Immobilienscout24, AutoScout24, die Datingseite FriendScout24 und das Finanzvergleichs-Portal FinanceScout24 gehören, mit dem Börsengang. Nachdem jedoch die Papiere von Zalando und RocketInternet ins Rutschen geraten waren, wurde es still um die IPO-Pläne. Doch Anfang 2015 könnte ein Börsengang durchaus wieder ein Thema werden. Das Unternehmen ist derzeit mit gut zwei Milliarden Euro bewertet und gehört Hellman & Friedman (49 Prozent), Blackstone (21 Prozent) und der Deutschen Telekom (30 Prozent). Quelle: Screenshot
Axel Springer Digital ClassifiedsEbenfalls Anfang 2015 soll die Online-Anzeigenbörse Axel Springer Digital Classifieds aufs Parkett. Eigentümer sind Axel Springer SE (70 Prozent) und General Atlantic (30 Prozent), bewertet wird das Unternhmen derzeit mit rund drei Milliarden Euro. Wie groß das Volumen des Börsengangs sein soll, ist noch offen. Quelle: dapd

Lächerlich wenig Venture Capital

Denn Deutschland hat ein Zukunftsproblem:  Die Investitionen in Start-ups sind traditionell extrem niedrig. Nach jüngsten Zahlen zum ersten Halbjahr 2014 flossen geradezu lächerliche 285 Millionen Euro an Venture Capital. Das hat der Bundesverband Deutscher  Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) in Berlin ermittelt. Zum Vergleich: Nach neuesten Daten zum 30. September schaufelten Wagniskapitalgeber US-Start-ups 18,8 Milliarden Dollar (15 Milliarden Euro) in die Bilanz – binnen dreier Monate seit 1. Juni. 

Gründer in Los Angeles, New York oder Boston erhielten im Vergleich zu ihren Pendants aus Berlin, München oder Heidelberg also das 53-fache an Kapital in der Hälfte der Zeit.  „Die Finanzierungssituation deutscher Wachstumsunternehmen lässt sich in fünf Worten zusammenfassen: Es gibt zu wenig Wagniskapital“, so Deutsche-Börse-Vize Preuß. Dieses „unzureichende Angebot für die Wachstumsfinanzierung“ sei „die gravierendste Schwäche des deutschen Innovationssystems“.

Die strukturellen Probleme der Gründer-Szene

Die Politik jedoch ist davon wenig irritiert, Bundeswirtschaftsminister Gabriel hatte erst im Oktober auf dem 8. IT-Gipfel in Hamburg angekündigt, "wir wollen gemeinsam mit der Deutschen Börse eine ,Börse 2.0' initiieren". Bei so viel politischem Rückenwind hatten sich vor Monatsfrist auch gleich Lobbyisten aus der Deckung gewagt.  Florian Nöll, seines Zeichens Chef des Bundesverbands deutscher Start-up-Firmen, etwa preschte im Windschatten  Gabriels vor und forderte forsch den Start eines neuen Börsensegments "im ersten Quartal 2015".

Das, so berichten Kenner der Materie, wäre für die Deutsche Börse auch kein Problem, zumindest technisch. Doch davon will der Dax-Konzern nichts wissen. „Als Börsenorganisator sehen wir unseren Beitrag im Aufbau einer vorbörslichen IPO-Plattform. Sie richtet sich primär an Investoren und Unternehmen und soll als internetbasierte Informations- und Platzierungsplattform mit online- und offline-Komponenten eine für Investoren sichtbare IPO-Pipeline aufbauen“, so Preuß.

Diese Plattform, so das Ziel, solle „schnell wachsende Unternehmen in den Fokus der maßgeblichen Investoren bringen“ und  „als Netzwerkplattform den Austausch zwischen relevanten, langfristigen Aktieninvestoren, globalen Venture Capital-Investoren und Wachstumsunternehmen frühzeitig fördern“.

Probleme liegen tiefer

Viel Wortgeklingel noch, aber wenig Konkretes. Das liegt auch an weiteren tiefliegenden Problemen in der deutschen Gründerszene. Seit diesem Frühjahr liefen heimlich, still und leise Präsentationen von Start-ups vor Analysten und potenziellen Geldgebern, um sich kalt warmzulaufen für einen Börsengang. Diese Als-ob-IPO-Veranstaltungen hätten "Licht und Schatten" zutage gefördert, heißt es. Einige Start-ups hätten schnell abgewinkt, als sie merkten, was für ein Aufwand vor und nach einem IPO betrieben werden muss. Diese Testläufe konnten die Frage zunächst nicht beantworten, ob es hierzulande überhaupt genügend gutes Start-up-Material gibt, um ein neues Börsensegment zu füllen.

Preuß jedenfalls gab gestern indirekt die Antwort. Gründer, die es hierzulande auf den Börsenzettel schaffen könnten, gibt es offenbar kaum.  Um diesem Armutszeugnis zu besseren Noten zu verhelfen, will die Deutsche Börse nun „in Abstimmung mit der Politik und den genannten Kapitalmarktakteuren in den kommenden Monaten die angesprochene Plattform entwickeln und starten“, so Preuß.

Mit Blumen lässt sich nicht die Welt erobern

Doch ob das reicht, um die strukturellen Probleme zu lösen? 2012 etwa lag der Gründungssaldo in Deutschland bei minus 24100 Unternehmen, mehr Firmen machten also dicht, als neue Gründer Läden eröffneten. Innovationen wie etwa das hierzulande erfundene mp3-Format werden nicht zur Marktreife gebracht; andere Geschäftsmodelle sind im schlechten Fall US-Kopien (me-too) oder im besten Fall regional erfolgreich im T-Shirt-Druck oder der Herstellung individueller Schokolade. Sex-Appeal für die Börse: meist null.  

Die deutsche Gründerszene kuschelt gerne miteinander – und genau das ist ihr Problem. In den USA ist der Gründer lieber gefürchtet. Angefangen über Steve Jobs und Bill Gates, und lange nicht am Ende bei Jeff Bezos oder Elon Musk. Apple, Microsoft, Amazon oder Tesla – Firmen mit Donnerhall. Hierzulande heißen die eben Chokri, Miflora oder HappyTree. Nur  mit Blumen und Bäumen lässt sich eben schlecht die Welt erobern.

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Dass die Deutsche Börse „für junge Wachstumsunternehmen in Deutschland Rahmenbedingungen schaffen“ will, „die ihnen die Kapitalaufnahme, einschließlich eines Börsengangs, erleichtern“, ist deshalb nicht mehr als ein hehres Ziel, solange es nicht auch genügend spannenden Geschäftsmodelle gibt. Spannend heißt dabei, aggressiv wachsen zu wollen, zu internationalisieren, ständig neue Visionen zu entwickeln. Dafür gibt es Milliarden, siehe Uber, siehe – und das ist hierzulande die große Ausnahme –  Zalando und das Rocket-Internet-Konglomerat. 

Weg aus der Kiez-Kneipe

Der Weg an die (deutsche) Börse führt eben nicht durch eine schummrige Kiez-Kneipe mit Sofamöbeln. Dieser Weg könnte ein leichter sein, er ist hell beleuchtet. Denn die Deutsche Börse hat schon lange ein Segment mit reduzierten Anforderungen speziell für junge Unternehmen. Entry Standard heißt das: Also nur hereinspaziert, ihr Gründer aus Kreuzberg, aus Martinsried aus dem Karolinenviertel.

Podcast: Money Master

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