WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

VW, US-Banken, Tesla Die größten Shortsqueezes aller Zeiten

Wenn aber alle kaufen wollen, steigt der Preis rapide an – das ist der klassische Shortsqueeze, den vor allem Kleinanleger gerade jetzt bei der Videospielaktie Gamestop ausgelöst haben und genießen. Quelle: imago images

Was passiert, wenn milliardenschwere Hedgefonds in die Ecke gedrückt werden – so wie jetzt bei Gamestop. Hier sind drei berühmte Shortsqueezes der Vergangenheit.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Wirecard, Sino Forest, Enron: Erfolgreiche Shortattacken gegen Unternehmen, die dann später pleitegingen, haben das Zeug zur Legende, die Shortseller an der Wall Street Heldenstatus. Dass sich viele auch ruinieren können, ahnt kaum einer. Das Geschäft der Leerverkäufer gilt zu Recht als Königsdisziplin an der Börse. Der Shortseller muss sich seiner Sache schon sehr sicher sein, denn er hat ein unbegrenztes Verlustrisiko.

Das liegt in der Natur des Geschäfts. Der Shortseller leiht sich eine Aktie und verkauft sie sofort. Wenn ihr Kurs fällt – und die Verkäufe der Shortseller können das auslösen oder verstärken – kauft er sie billiger am Markt zurück und liefert sie dann an denjenigen, der sie ihm geliehen hat. Zurückgeben muss er sie immer. Steigt die Aktie, kann er deshalb irgendwann die Nerven verlieren, denn das Papier zurückzukaufen, wird dann immer teurer.

Wer Aktien kauft und hält, verliert im schlimmsten Fall seinen Einsatz. Ein Shortseller aber kann unendlich viel Geld verlieren – denn eine Aktie kann ja auch um 1000 oder 100.000 Prozent steigen. Deutet sich so ein Albtraumszenario an, drängen alle Shortseller gleichzeitig zum Ausgang, wollen also die Aktie kaufen und zurückgeben, bevor sie unbezahlbar wird. Wenn aber alle kaufen wollen, steigt der Preis rapide an – das ist der klassische Shortsqueeze, den vor allem Kleinanleger gerade jetzt bei der Videospielaktie Gamestop ausgelöst haben und genießen.

Am Fall Gamestop fasziniert, dass sich Kleinanleger im Internet organisiert haben, um die Hedgefonds in den Shortsqueeze zu treiben – ein Kampf vieler kleiner Davids gegen einige Wall Street-Goliaths. In der Vergangenheit hatten Shortseller es meist mit größeren Kalibern zu tun: Aufsichtsbehörden, Konzernen, Banken oder rivalisierenden Hedgefonds. Hier sind drei berühmte Shortsqueezes der Vergangenheit:

Porsche/VW: Die Hedgefonds finden ihren Meister

Im September 2005 kündigte der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking an, Porsche werde bei VW einsteigen. Lange Zeit erweckte er den Eindruck, Porsche werde sich mit einem Viertel von VW begnügen. Weitgehend unbemerkt sicherte sich Porsche aber, zum großen Teil über Optionen, 74,1 Prozent an VW. Als Wiedeking das im Herbst 2008 öffentlich machte, gab das der Aktie einen Schub nach oben – viele Anleger spekulierten auf eine Komplettübernahme. Hedgefonds, die auf einen fallenden VW-Kurs gesetzt hatten, mussten sich eindecken – und verloren Milliarden, als der VW-Kurs im Short Squeeze auf über 1000 Euro schoss.

In Wiedekings kongenialen Finanzchef Holger Härter hatten sie ihren Meister gefunden. Für kurze Zeit wurde VW so das wertvollste Unternehmen der Welt. An die 40 Hedgefonds machten vor Gericht geltend, Wiedeking und Porsche insgesamt hätten den Markt manipuliert, weil sie sie gezwungen hätten, VW-Aktien zu einem überhöhten Preis zu kaufen. Die Hedgefonds – angeführt von den Fondsgesellschaften Elliott Associates and Black Diamond Offshore – machten einen Schaden von rund zwei Milliarden Dollar geltend. Geld haben die Fonds aber bis heute nicht gesehen.

US-Banken: Die Aufsicht greift ein

Im Juli 2008, mitten in der Finanzkrise, packte die US-Börsenaufsicht SEC die Bazooka aus. Sie verschärfte das Regelwerk, dem Shortseller unterworfen sind, und verfügte ein Verbot von ungedeckten Leerverkäufen („naked shorts“ ). Ungedeckte Leerverkäufe auf Aktien von 19 systemrelevanten US-Banken von Goldman Sachs über Merrill Lynch bis Lehman Brothers waren verboten. Deren Kurse waren zuvor durch Shortseller massiv unter Druck geraten. Bei „naked shorts“ können Hedgefonds Aktien verkaufen, die sie sich zuvor noch nicht mal ausleihen mussten – sie müssen sie nur zu einem späteren Zeitpunkt besorgen. Das kann sehr schnell zu sehr großen Verkaufswellen führen. Wie jetzt bei Gamestop können bei Leerverkäufen sogar mehr Aktien verkauft werden, als überhaupt existieren. Das Verbot der SEC führte 2008 dann zu erzwungenen Eindeckungskäufen und einem massiven Short Squeeze, der US-Bankaktien zeitweise um über 30 Prozent nach oben zog.

Tesla: Einhorn gegen Musk

Einer der berühmtesten Shortseller, der in der Finanzkrise Milliarden verdiente, ist Hedgefonds-Manager David Einhorn von Greenlight Capital. Bei E-Autobauer Tesla aber hat er keine glückliche Hand. Shortseller haben Tesla-Aktien immer wieder leerverkauft – kein Wunder, angesichts gigantischer Kurssteigerungen und durchaus berechtigter Zweifel an der Nachhaltigkeit von Umsätzen und Gewinnen.

Tesla-Chef Elon Musk hatte sich anfangs oft über Shortseller beschwert, zuletzt konnte er sich über sie aber lustig machen. Immer wieder überraschte Tesla mit unerwartet positiven Nachrichten, die den Kurs nach oben zogen und manchen Shortsqueeze provozierten. Zuletzt nahm Musk sogar kurze Hosen, „short Shorts“ in den Tesla-Onlineshop auf – und empfahl Einhorn diese. Einhorn hatte erstmals 2017 gegen Tesla gewettet, als die Aktie noch um die 50 Dollar kostet (heute: über 800 Dollar). Das Analysehaus S3 Partner schätzte die Verluste der Shortseller schon im Juli 2020 auf über 20 Milliarden Dollar.

Anders als so manch anderer Shortseller hat Einhorn seine Position gegen Tesla noch nicht geschlossen. In seinem vor wenigen Tagen verschickten Brief an seine Investoren nannte Einhorn die Tesla-Wette seine schlechteste Position im sonst gut gelaufenen Jahr 2020. Kein Wunder: Tesla legte allein 2020 um fast 750 Prozent zu. Einhorn fuhr seine Wette aber zurück, kurz bevor Tesla in den Aktienindex S&P500 aufgenommen wurde. Auch Hedgefonds-Legende Jim Chanos reduzierte seine Shortposition im Dezember, indem er Aktien zurückkaufte und an die Verleiher auslieferte. „Painful“ nannte er die Tesla-Wette.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Shortselling ist eben auch eine Frage von Timing und Durchhaltevermögen. Irgendwann wird auch die Short-Wette gegen Tesla aufgehen, bis dahin gibt es aber keinen abrupten , heftigen Shortsqueeze, sondern ein ganz langsames, schmerzvolle Herausdrücken.

Mehr zum Thema: Kleinanleger haben mit arrangierten Short-Squeezes einen kuriosen Coup gelandet. Doch Blasen platzen. Dann gilt: Rette sich, wer kann. Für die verbliebenen Aktionäre wird plötzlich relevant, was sie da gekauft haben.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%