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Wer beherrscht die Börsen? Mensch gegen Maschine

An der Börse hat der Mensch nicht mehr viel zu melden. Maschinen machen den Markt. Kritiker sehen darin die Ursache für zahlreiche Pannen. Dabei kann ein Händler aus Fleisch und Blut etwas, das kein Computer kann. Ein Report.

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Händler an der Börse in Chicago. Quelle: Reuters

Frankfurt Um 12.11 Uhr bricht gute Laune aus. „Draghi sagt, dass sie alles tun, um den Euro zu retten“, ruft Michael Thiriot seinen Kollegen zu. Die Meldung ist gerade über einen seiner Bildschirme geflimmert. „Wie bitte?“, fragt einer von schräg gegenüber, als könne er es nicht ganz glauben. „Draghi will alles tun, um den Euro zu retten“, wiederholt Thiriot.

Bis hierhin war es ein ganz normaler Handelstag. Keiner konnte ahnen, dass dieser Tag noch lange in Erinnerung bleiben wird. „Was machen wir jetzt“, sagt Thiriot leise zu sich selbst, den Blick auf die bunten Zahlen auf den Monitoren vor ihm gerichtet. Er überlegt nicht lange. „Kaufen wir doch mal bei Gerry Weber nach.“ Er tippt Zahlen in die Tastatur seines Rechners ein. Geldkurs. Briefkurs. Ein Mausklick. Thiriot hat soeben Aktien der Modefirma Gerry Weber gekauft.

Michael Thiriot ist einer der Letzten seiner Art. Er ist Börsenhändler, genauer gesagt ein „Designated Sponsor“. Er macht die Preise für Aktien. Und er handelt selbst mit Aktien. Sein Arbeitgeber ist einer der größten Broker in Deutschland, die Close Brothers Seydler AG.

Die Börsenhändler sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr von Maschinen verdrängt worden. An der Deutschen Börse machen Computer fast die Hälfte des Handelsvolumens - täglich rund fünf Milliarden Euro - unter sich aus, blitzschnell, vollautomatisiert, ohne dass ein Mensch seine Finger im Spiel hat. An den US-Börsen soll der Anteil sogar bei knapp 70 Prozent liegen.

Der Siegeszug der Technik ist nicht ohne Risiko. Die Pannen häufen sich, vor allem in den USA. Im März dieses Jahres endete der Börsengang der US-Börse BATS Global Markets im völligen Chaos, nachdem die Aktie binnen Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent rauschte. Beim Börsengang von Facebook an der Nasdaq im Mai konnte in der ersten halben Stunde kein Kurs ermittelt werden, weil die Technik überfordert war. Am vergangenen Mittwoch kam es erneut zu einer Panne an der New York Stock Exchange (Nyse). Über viele Minuten hinweg gab es extrem hohe Umsätze und heftige Schwankungen bei zahlreichen Aktien. Die Tokioter Börse setzte gestern bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr wegen technischer Probleme den Handel aus. Es scheint, als seien es die Maschinen, die die Börsen beherrschten - und nicht umgekehrt. Was kann da ein Händler aus Fleisch und Blut noch ausrichten?


Wie schnell die Hochfrequenzhändler sind

Der Arbeitstag beginnt für Michael Thiriot um kurz vor acht Uhr. Es soll heiß werden an diesem Sommertag. Angesagt sind bis zu 30 Grad. Thiriot legt sein Jacket ab. Er trägt ein weißes Hemd, dazu eine giftgrüne Krawatte und dunkelblaue Anzughose. Sein Arbeitsplatz ist der Handelsraum von Close Brothers Seydler, Frankfurt, Schillerstraße 27, 1. Etage.

Auf dem Schreibtisch vor ihm stehen sechs Monitore, neben- und übereinander gestapelt. Thiriot muss alles im Blick haben, das Orderbuch, die Charts, den Nachrichtenticker. Der einzige persönliche Gegenstand: ein Foto seiner Familie. In den nächsten zehn Stunden wird sich der Händler nur selten von seinem Platz wegbewegen, und wenn, dann nur wenige Meter. Das Mittagessen wird er vor seinem Rechner einnehmen. Wie an jedem Tag.

Thiriot ist 42 Jahre alt. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre fing er 1997 bei der Commerzbank an, im Jahr 2000 ging er zur Seydler AG. Er hat den Dotcom-Crash miterlebt, den Boom in den darauffolgenden Jahren und den nächsten Einbruch in der Finanzkrise. Die Krise ist noch längst nicht ausgestanden, auch wenn sich der Aktienmarkt erholt hat.

Bevor die Börse um 9 Uhr öffnet, muss sich Thiriot einen Überblick verschafft haben. „Bevor das Gebimmel losgeht“, wie er sagt. Was könnte den Handel beeinflussen: wichtige Termine, Quartalszahlen von Unternehmen, die Stimmung am Markt. Siemens hat früh am Morgen schwächere Zahlen vorgelegt. „Das könnte den Markt belasten“, sagt Thiriot. An seinem Optimismus ändert das nichts: „Der Markt will eigentlich nach oben.“

Ein klassischer Börsenmakler setzt die Preise für den Ankauf und Verkauf von Aktien fest, sogenannte Quotes. Darauf sollen dann andere Investoren anspringen. Wenn sie sehen, dass sie eine Aktie zu attraktiven Konditionen handeln können, dann schlagen sie zu. Ein Investor steigt nur dann bei einer Aktie ein, wenn er weiß, dass er sich jederzeit wieder davon trennen kann. So weit die Theorie.


Eine aussterbende Spezies

Doch der Beruf des Börsenhändlers, wie es ihn früher einmal gab, ist ein Auslaufmodell. Die Börse betont zwar, dass die Händler in bestimmten Bereichen nach wie vor wichtig seien. „Sie  betreuen vor allem Nebenwerte, die gerade von Privatanlegern nachgefragt werden”, sagt Andreas von Brevern von der Deutschen Börse. „Es wäre nicht sinnvoll, alle Nebenwerte im fortlaufenden Handel über das voll-elektronische Handelssystem laufen zu lassen, da bei vielen dieser Werte nur wenige Preisfeststellungen zustande kommen.”

Das ändert jedoch nichts daran, dass der Handelssaal der Deutschen Börse – jeder kennt die große Dax-Tafel aus dem Fernsehen – heute vor allem als Kulisse dient. In Wahrheit schlägt das Herz der Börse am Rande der Stadt. Hier stehen die Rechner der elektronischen Handelsplattform Xetra. In unmittelbarer Nachbarschaft haben sich die Hochfrequenzhändler eingemietet. Sie zahlen dafür, dass so nah wie möglich an das Rechenzentrum des Börsenbetreibers heranzukommen. Dadurch werden ihre Orders noch schneller ausgeführt. Von der Übermittlung der Order über die Verarbeitung bis hin zur Rückmeldung an den Auftraggeber vergehen 0,25 bis 0,3 Millisekunden - im Hochfrequenzhandel kann eine Millisekunde entscheiden. Ziel ist es, anderen zuvorzukommen oder minimale Kursabweichungen auszunutzen. Von London nach Frankfurt dauert eine Order etwa doppelt so lang. Derzeit haben 146 Kunden ihre Computer gleich neben den Rechnen der Börse platziert. Alle sind gleich weit vom zentralen Rechner entfernt, damit sich niemand einen zusätzlichen Vorteil verschaffen kann.

Michael Thiriot ist schnell, aber so schnell wie die Maschinen wird er niemals sein. Wenn er eine Chance haben will, muss er sich etwas anderes einfallen lassen. Er konzentriert sich auf Aktien, die in der zweiten Reihe stehen, zum Beispiel Gerry Weber, Xing, Evotec oder Zooplus. Sein Vorteil: Er hat  ein Gefühl für den Markt, trifft Entscheidungen aufgrund von Erfahrung und Analyse. Das ist der Unterschied zum vollautomatisierten Handel. Die Maschine kennt nur ihre Algorithmen. Sie weiß nichts über die neueste Kollektion von Gerry Weber, und warum sie bei der Damenwelt gut ankommen könnte. Und sie kennt auch nicht den Vorstandschef. Michael Thiriot schon.

„Die Aktie müsste heute wieder zulegen“, sagt er. Am Vortag sind die Anteilsscheine bei 33,15 Euro aus dem Handel gegangen. Thiriot widmet sich dem Orderbuch, in dem alle Kauf- und Verkaufsaufträge für Gerry Weber stehen. Dann stellt er seinen Quote ein: „Bid“ für 33,00, „Ask“ für 33,40. Das heißt übersetzt: Für 33 Euro ist er nun verbindlich bereit, die Aktie zu kaufen, für 33,40 Euro zu verkaufen. Hat er die Preisspanne gut gewählt, werden andere Investoren darauf eingehen.


„Man hat den Faktor Mensch fast völlig ausgeschaltet“

Um Punkt 9 Uhr geht es los, auf den Bildschirmen blinkt es an allen Ecken und enden, mehr rot als grün. Untermalt wird das Ganze von akustischen Signalen: eine Glocke macht auf besondere Kursbewegungen aufmerksam. Der Markt erwacht zum Leben. Aber er will nicht nach oben. Der Dax startet im Minus. Siemens verliert drei Prozent. Auch für Gerry Weber geht es um ein halbes Prozent nach unten. „Da müssen wir etwas nachstellen“, sagt Thiriot.
Die Zunahme des Computerhandels hat die Börse verändert. „Man hat den Faktor Mensch fast völlig ausgeschaltet“, sagt Dirk Müller, einer der bekanntesten Börsenhändler Deutschlands. Er hat jahrelang vor der Dax-Tafel der Frankfurter Börse gesessen, wurde dadurch berühmt. Heute schreibt er Bücher und gibt Seminare für Anleger. "Früher war es ausgeschlossen, dass man einen Kollegen über’s Ohr haut. Sonst hätte man sich am nächsten Tag gar nicht mehr zur Arbeit trauen können. Man wollte sich ja noch in die Augen schauen können. Den Maschinen ist das egal. Die sind darauf programmiert, sich gegenseitig  über’s Ohr zu hauen."

Die Hochfrequenzhändler sagen, dass erst durch sie die notwendige Liquidität da sei, um einen regen Handel zu gewährleisten. Eine Studie von Peter Gomber von der Universität Frankfurt, gesponsort von der Deutschen Börse, kommt zu dem Schluss: „Die Mehrheit der auf High Frequency Trading basierenden Strategien trägt zur Marktliquidität oder zur Preisfindung und Markteffizienz bei.”

Kritiker halten dagegen, dass die Computer gerade in kritischen Phasen, wenn dringend Liquidität benötigt wird, ihre Aufträge zurückziehen. „Die Algorithmen machen den Markt schwierig", sagt Thiriot. „Erst blinkt es die ganze Zeit im Orderbuch, dann sind auf einen Schlag alle Orders weg. Das ist ganz schön nervig.“

Die Rechner folgen oft ähnlichen Mustern. Sie rennen häufig in dieselbe Richtung. Rein oder raus – alle auf einmal. Ein vierköpfiges Forscherteam um Albert Kyle von der University of Maryland untersuchte den sogenannten „Flash Crash”, den vorläufig größten Zwischenfall an den US-Börsen. Am 6. Mai 2010 fiel der Dow Jones innerhalb von acht Minuten um über 1.000 Punkte. Innerhalb dieser Zeit wurden beinahe 1,3 Milliarden Aktien gehandelt, das Sechsfache des Durchschnitts. Der automatisierte Handel habe den Crash zwar nicht ausgelöst, so die Forscher, ihn aber verstärkt. Das Fazit: "Wir glauben, dass technische Innovationen kritisch für die Entwicklung des Marktes sind.“


Überleben in einer Nische

In den USA wird nun darüber nachgedacht, dem Markt eine Entschleunigung zu verordnen, um den Teufelskreis sich immer weiter auftürmender Verkaufsorders zu durchbrechen. Sollte ein Kurs zu starke Ausschläge zeigen, könnte zum Beispiel der Handel in diesem Wert automatisch für kurze Zeit gestoppt und per Auktion neugestartet werden. Die Deutsche Börse hat solche Volatilitäts-Unterbrechungen vor 15 Jahren eingeführt.

Nach der ersten Handelsstunde hat sich die anfängliche Hektik bei Michael Thiriot etwas gelegt. Jetzt ist Zeit, sich die einzelnen Aktien genauer anzuschauen. Wo sind auffällige Bewegungen, wo stehen größere Posten im Orderbuch? Will jemand auf einen Schlag ein großes Aktienpaket verkaufen? Sieht Thiriot etwas, informiert er sofort das jeweilige Unternehmen – das gehört zu seinen Hauptaufgaben als „Designated Sponsor“. Vorlagen mit Mails für alle Fälle sind bereits vorbereitet. Sie müssen nur an die aktuelle Lage angepasst werden. Der Händler schreibt eine Mail an Stefan Groß-Selbeck, den Chef von Xing. Die Aktie des Sozialen Netzwerks notiert vier Prozent im Minus. „Wir haben erhöhte Volatilität. Zynga und Facebook sind stark im Minus, die ziehen uns ein wenig mit nach unten”, schreibt Thiriot. Die Unternehmen bezahlen für diesen Service. Dadurch hat Mann an der Börse auch dann sein Auskommen, wenn der Markt gegen ihn läuft. Allein Händler zu sein, reicht nicht mehr aus. Die Menschen an der Börse müssen sich spezialisieren, müssen zu Dienstleistern werden. Nur dann haben sie eine Chance.

An diesem Nachmittag geht jedoch alles wie von selbst. Nach der Ankündigung Draghis, alles für den Euro tun zu wollen, legt der Dax kräftig zu. Die Investoren hoffen darauf, dass die Europäische Zentralbank eingreifen und die Märkte stützen wird. Das hat der EZB-Chef zwar so nicht gesagt. Aber die Andeutung, man werde alles tun, reicht aus, um die Fantasie anzuregen.

Am Ende des Tages schließt der deutsche Leitindex fast drei Prozent im Plus. Die Aktie von Gerry Weber geht bei 34,07 Euro aus dem Handel. Die Entscheidung, zwischendurch nachzukaufen, hat sich gelohnt. Um kurz vor 19 Uhr verlässt Michael Thiriot das Büro. Es war ein guter Tag für ihn. Er hatte ja gleich gesagt, dass der Markt nach oben will.

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