Wirtschaftsbuch mal anders: Die Finanzkrise in Grafiken
In knapp zwei Wochen ist Europawahl. Neben der (gefühlten oder tatsächlichen) Regulierungswut der Brüsseler Bürokraten prägt dabei vor allem ein Thema Wahlkampf und den öffentlichen Diskurs: Die – fast sechs Jahre nach ihrem Ausbruch – noch immer ungelöste Schuldenkrise, oder – je nach Deutung der Schwerpunkte – „Eurokrise“. Viele Menschen fühlen sich von der Krise inzwischen überfordert. „Die einen sagen so, die anderen so“ oder „ich verstehe das alles sowieso schon lange nicht mehr“ sind dabei noch die harmlosen Reaktionen.
Dementsprechend groß ist die Gefahr durch politische und lobbyistische Rattenfänger aller Art. Dass diese in der Eurokrise Konjunktur haben, ist nicht besonders verwunderlich: komplexe Themen, die nur wenige verstehen, aber im Grunde alle angehen, waren schon immer Wasser auf die Mühlen von interessengetriebenen Vereinfachern, Stimmenfängern und Verschwörungstheoretikern. Je nach Sichtweise und eigener Betroffenheit sollen mal „faule“ Südländer schuld an der Krise sein; dann „geizige“ Deutsche, auf jeden Fall aber gierige Banker und unfähige Politiker.
Einer nachhaltigen Lösung bringen uns solche Diskussionen nicht wirklich näher. Leider haben inzwischen auch zahlreiche Finanz-Profis, die es im Sinne ihrer Kunden eigentlich besser wissen sollten, in die Kakophonie mit eingestimmt.
Aber ist die Krise überhaupt noch akut? In Deutschland brummt die Konjunktur und selbst in den schlimmsten Fällen im Süden Europas mehren sich die Anzeichen einer Genesung: Griechenland und Portugal konnten auf dem Kapitalmarkt erstmals seit Beginn der Krise wieder ihre Staatsanleihen an Investoren verkaufen, die diese aus freien Stücken zeichneten. Die Zinsen für die Staatsanleihen der meisten Krisenländer haben sich seit der letzten Zuspitzung der Krise 2012 mehr als gedrittelt, sie sind in den meisten Fällen auf dem Niveau von vor der Krise. Selbst die Bilder von wütenden Demonstranten in Athen, Madrid oder Lissabon, an die wir uns in den letzten Jahren fast gewöhnt hatten, kommen immer seltener bei uns an.
Buchcover zu "Die Krise ...ist vorbei ...macht Pause ...kommt erst richtig" von Daniel Stelter.
Foto: Finanzbuchverlag
Ist die Krise also vorbei?
Bei allem Respekt für die bisher erbrachten Anstrengungen, vor allem in den Südländern: Daniel Stelter hat daran erhebliche Zweifel. Der ehemalige Top-Berater, Gründer der Berliner, auf makroökonomische Themen spezialisierten Denkfabrik „Beyond the Obvious“ (zu deutsch etwa: „Jenseits des Offensichtlichen“) macht vor allem das beherzte Eingreifen der Notenbanken dafür verantwortlich, dass das System bisher nicht vollkommen zusammengebrochen ist und alles noch viel schlimmer kam, als ohnehin. Die Notenbanken haben das brennende Haus Europa mit ihrem Löschwasser, dem billigen Geld, geflutet und so wahrscheinlich dessen Abbrennen bis auf die Grundmauern verhindert.
Aber haben die Notenbanken damit die Ursachen der Krise beseitigt? Als ehemaliger hochrangiger Manager der Boston Consulting Group (BCG), der zahlreiche Vorstände von Dax-Konzernen berät, weiß Stelter, dass in den Wirtschaftseliten daran erhebliche Zweifel bestehen. Viele davon teilt er. Klar ist, um im Bilde zu bleiben, dass auch das Löschwasser der Zentralbank starke Schäden hervorruft, die vielleicht noch nicht alle zur Gänze sichtbar geworden sind.
„Die Notenbank hat der Politik mit ihren Rettungsmaßnahmen Zeit gekauft, diese hat das aber nicht genutzt, sondern macht weiter wie bisher. Deswegen ist die Krise nicht gelöst, sondern sie macht wahrscheinlich nur eine Pause.“ Das klingt nicht nach einer bereits nachhaltigen Lösung der Krise.
Wachstum für Europa
Hohe Arbeitslosigkeit und Rezession, die EU-Krise hat besonders schwer über Südeuropa gewütet. Zwar sind die Haushaltsdefizite nun einigermaßen unter Kontrolle gebracht, vorüber ist das Elend in Griechenland, Spanien und Portugal allerdings noch nicht. Mit Sparen allein kann die Volkswirtschaft der Krisenstaaten nicht angekurbelt werden. Die EU braucht Wachstum, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Spanien hat nach zwei Jahren Ende 2013 auch die Rezession verlassen - allerdings heißt das noch lange nicht, dass auch die Beschäftigung dadurch entscheidend steigt. Immerhin: Ökonomen der US-Bank Morgan Stanley sind optimistisch, dass das BIP in den Krisenländern 2014 weiter anzieht und sich die Arbeitslosenquoten auf schwachem Niveau verbessern kann.
Foto: dpaOffene Grenzen in Europa
Arbeiten, wo es Jobs gibt. Für Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien ist diese Vorstellung nun zur Realität geworden. Vom 1. Januar 2014 an dürfen sie in jedem anderen EU-Land Arbeit suchen. Die Debatte über die offenen Grenzen in Europa hat die Gemüter erhitzt und entfacht Diskussionen. Beispielsweise bewerten die Briten diese Regelung kritisch. Auch Deutschland sieht Probleme, wenn EU-Bürger einreisen, die eben nicht arbeiten wollen oder trotz Bemühens keinen Job in einem anderen EU-Land finden, Sozialleistungen zu beantragen. Immer mehr Menschen nutzen die Freizügigkeit der EU und ziehen von ihrem Heimatland in eines der EU-Mitgliedsstaaten, die dem Schengenraum angehören.
Foto: dpaEU auf dem Prüfstand
Brüssel will die Gesetzgebung verschlanken. Mit einer Art "Fitness-Check" will die Kommission, die sich im Herbst neu konstituieren wird, ihre Arbeit erstmals auf den Prüfstand stellen. Die Regelungswut soll in Zukunft im Zaum gehalten werden, was als Auftrag an die neue Kommission und als Apell an die 28 nationalen Parlamente zu verstehen ist. Nur, was sich auf regionaler oder nationaler Ebene nicht im Interesse der Menschen und Gemeinden regeln lässt, soll in den Zuständigkeitsbereich der Europäischen Union fallen. Das Zauberwort heißt Subsidiarität und soll das Recht zum Einspruch stärken, das seit 2010 gesetzlich verankert ist.
Foto: dpaDeal zwischen den USA und Europa
Europas Wirtschaft setzt große Hoffnungen in das Transatlantische Freihandels- und Investitionsabkommen (TTIP). Nach drei Gesprächsrunden zwischen Teilnehmern aus den USA und Europa resümieren die Verhandlungsführer Ignacio Bercero und Dan Mullaney: Die Atmosphäre sei konstruktiv gewesen und der Wille zu einem erfolgreichen Abschluss groß. Auf der Agenda standen unter anderem: die Abschaffung von Zöllen und eine Vereinheitlichung regulatorischer Standards und technischer Normen. Das Ziel, Unternehmen beiderseits des Atlantiks zu entlasten und die Pole-Position gegenüber der asiatischen Konkurrenz zu sichern. Doch der Deal zwischen den USA und Europa lässt Verbrauchschützer, Umwelt und Bürgerrechtsaktivisten aufhorchen. Die enge Kooperation stelle die Interessen der Wirtschaft über das Gemeinwohl, so die Kritiker. Ungeachtet des gesellschaftlichen Widerstandes, der sich insbesondere im Zuge der anstehenden Europawahlen 2014 breit macht, versucht die EU-Kommission alle Störfeuer zu beseitigen, die das Abkommen gefährden könnten.
Foto: REUTERSVoraussetzungen für Abwicklungsmechanismen der Bankenunion schaffen
Die Vollendung der Bankenunion wird noch einige Zeit auf der Agenda der Europapolitik stehen. Zwar ist die erste Säule bereits beschlossen. Die eigentliche Arbeit ist aber noch nicht getan. Denn bis die EZB, bei der die Aufsicht der über 128 Geldhäuser angesiedelt ist, wirken kann, muss sie sich einen Überblick über die Bilanzen verschaffen. Die Nervosität unter den Geldhäusern ist deshalb groß. Der Abwicklungsmechanismus, als zweite Säule der Bankenunion, wird für die EU bis zur Europawahl im Mai Thema sein. Zumindest muss bis dahin die Rechtsgrundlage für die Abwicklungsagentur und den Abwicklungsfond geschaffen werden, wofür die Zustimmung des Europa-Parlaments eingeholt werden muss.
Foto: dpaHetze gegen die EU
Im Europa-Parlament machen Antieuropäer wie Marie Le Pen, Chefin der rechtsextremen Front National in Frankreich und Rechtspopulist Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei PVV Stimmung gegen das sogenannte "Monster Brüssel". Als Bündnispartner ziehen sie gemeinsam in die Europawahl, um ihre Rolle zu stärken. Was derzeit noch eine Randerscheinung ist, könnte mit ihrer europafeindlichen Rhetorik bis Mai 2014 aber schon viele Wähler aus der bürgerlichen Mitte auf ihre Seite gebracht haben, so das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Centre for European Studies. Die Wirtschafts- und Euro-Krise mache es ihnen leicht, den Hass auf die EU zu schüren.
Foto: APWahlkampf in Europa
Am 25. Mai 2014 ist Wahltag für alle EU-Bürger, die darüber entscheiden werden, wer als stärkste Kraft im Europaparlament vertreten sein wird. Aber nicht nur das: Das erste Mal in der Geschichte wird mit der Europawahl ebenfalls bestimmt, wer die EU-Kommission in Brüssel leiten wird. In der Theorie soll im Europaparlament bestimmt werden, wer den Amtsinhaber José M. Barroso nach zwei Amtszeiten ablösen wird. Doch die politische Praxis wird aller Erfahrung nach anders aussehen: Bisher wurde im Hinterzimmer besprochen, wer der neue Kommissionschef wird. Die Chefs wollen sich diese wichtige Entscheidung nämlich nicht aus der Hand nehmen lassen.
Foto: dpa
Daniel Stelter hat dazu ein Buch verfasst, dass sich aus zwei Gründen deutlich abhebt von der Flut der Krisenliteratur:
- es konzentriert sich ganz auf Fakten, verzichtet ganz auf Meinung
- es ist, trotz Komplexität des Themas, sehr einfach zu lesen und verstehen
Denn Stelter wendet einen Trick an: Statt seitenlanger Texte oder gar komplexer volkswirtschaftlicher Formeln, platziert der ehemalige BCG-Vordenker auf jeder Seite seines Buches eine große Infografik oder ein Chart.
In drei einfachen Sätzen erklärt er, was auf dem Bild zu sehen ist, warum das ein Problem ist und was es uns angeht. 77 solche Schaubilder mit Kurztexten enthält das Buch, WirtschaftsWoche Online hat zehn davon ausgesucht. Die Grafiken sollen zum „Selberdenken und Mitreden" animieren (Stelter), denn die darin enthaltenen Zahlen und Fakten sprechen für sich; Stelter bringe sie nur noch in den richtigen Zusammenhang.
Es gibt auch Lösungen
Nach der Lektüre des kleinen Büchleins weiß man vielleicht noch immer nicht, wem man bei der Europawahl seine Stimme geben soll, aber immerhin kann man zweierlei erkennen und entlarven:
- Die Vertreter scheinbar einfacher Lösungen
- Politiker und andere Interessengruppen, die uns weismachen wollen, die Krise sei vorbei oder zumindest beherrschbar
Hans Werner Sinn, Deutschlands wohl bekanntester und einflussreichster Wirtschaftsprofessor, sagt dazu: „Besser und einfacher kann man die Probleme nicht deutlich machen.“
Doch Stelter wäre kein Topberater, wenn er in der Problembeschreibung verharrte. Er zeigt durchaus Lösungsansätze auf. Die gibt es nämlich; der Autor gehört nicht in die breite Phalanx der puren Angstmacher und Verunsicherer.
Nur eines verspricht er nicht: Dass die Lösungen einfach oder gar billig sind.