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Wirtschaftsgeschichte Es lebe die Spekulation!

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Auch im Kasino spielt jeder nur mit seinem eigenen Geld

Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
Farbenprächtig blühende Tulpen im Erholungspark Britzer Garten in Berlin Quelle: dpa/dpaweb
Strände Neukaledoniens - hier «Kuto Bay» Quelle: dpa-tmn
Broker stehen am 25. Oktober 1929 in der New Yorker Boerse waehrend des Boersenkrachs, der die Weltwirtschaftskrise einleitete ('Schwarzer Freitag'). Quelle: AP
Blick auf das leere Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg. Wegen der Ölkrise wurde am 02.12.1973 zum zweiten Mal ein sonntägliches Fahrverbot verhängt Quelle: dpa
Hektisches Treiben in der Aktienbörse in Frankfurt (Hessen) Quelle: dpa
United Airlines planes arrive at Denver International Airport in Denver Quelle: REUTERS
 Boris Jelzin, links, neben Alexander Korschakow Quelle: AP

Deshalb befasst Defoe sich ausdrücklich nicht mit dem Menschheitstraum vom leistungslosen Einkommen und der Schlaraffenland-Sehnsucht der kleinen Leute (und großen Denker) nach dem something for nothing, sondern mit dem betrügerischen Spekulanten, der nur deshalb realwirtschaftliche Außenposten räumt und seine Geldgeschäfte fiktionalisiert, um sie vor den Augen der Öffentlichkeit zum Verschwinden zu bringen. Erst als Boni jagender Schattenbanker, so darf man Defoe übersetzen, verwirkt der Spekulant seine Existenzberechtigung: weil er künftige Risiken versteckt, statt sich um ihre Ausspähung verdient zu machen. Weil er diese Risiken nicht bearbeitet, um sie beherrschbar, sondern unbeherrschbar zu machen. Weil er seine eigenen Risiken streut, damit am Ende nicht er, sondern andere sie übernehmen müssen.

Sobald Spekulanten nicht mehr auf Sicht fliegen, sondern sich in wechselseitigem Einverständnis selbst abschließen, um hinter einem blickdichten Vorhang marktwirtschaftlich völlig irrelevanten, das heißt: nicht marktbeobachtenden Geschäften nachzugehen, müssen künftig die Alarmsirenen heulen. Denn Spekulanten mögen zwar "unschädlich sein wie Luftblasen auf einem steten Strom der Unternehmungslust", so John Maynard Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie" (1936): "Aber die Lage wird ernst, wenn die Unternehmungslust zur Luftblase in einem Strudel der Spekulation wird."

Börse



Grenznutzen der Spekulation

Man wird nicht so weit gehen müssen wie der amerikanische Supreme Court 1889, der den Handel mit Futures einschränkte und reine Differenzgeschäfte verbot, um Spekulanten auf Geschäfte mit real intentions zu verpflichten. Aber natürlich lässt sich die Verzigfachung des Derivatgeschäfts zum Beispiel mit Agrarrohstoffen nicht mehr mit dem bloßen Hinweis auf einen Bauern rechtfertigen, der mit einem Future den Ertrag seiner Weizenernte gegen die Unbill des Wetters absichert. Auch Spekulation hat ihren Grenznutzen.

Für den marktwirtschaftlich agierenden Bauern nimmt er ab, je öfter sein Risiko gestückelt und verbrieft wird. Für den marktfernen Spekulanten, der seine Risiken so lange stückelt und verbrieft, bis er sie zuletzt seiner eigenen Beobachtung entzogen hat, nimmt der Grenznutzen mit jeder weiteren Wette zu. Das sei ihm gegönnt. Aber bitte: Auch im Kasino spielt jeder nur mit seinem eigenen Geld - und haftet für seine Verluste.

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