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Wirtschaftsgeschichte Es lebe die Spekulation!

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Aufbruch zu neuen Ufern

Zwölf prominente "Verzocker"
Vince McMahon Quelle: AP
Eike Batista Quelle: dpa
Kweku Adoboli Quelle: REUTERS
Nick Leeson Quelle: REUTERS
Nelson Bunker Hunt; Herbert William Hunt
Jerome Kerviel Quelle: REUTERS
John Paulson Quelle: REUTERS

Die Siedler in den USA haben auf dem Gedanken der Spekulation nicht nur ihre Wirtschaft, sondern auch ihre Nation aufgebaut: als ständig sich erneuerndes Gemeinwesen mit fortwährender Zukunft. Schon die Entdeckungsreise von Christoph Kolumbus sei eine "kolossale Spekulation" gewesen, argumentiert der Historiker George Gibson. Und natürlich verbinden sich in der Figur des frontierman seit dem 19. Jahrhundert Risikofreude und Pioniergeist zum Idealtyp eines amerikanischen Individuums, das permanent aufbricht zu neuen Ufern: "Wenn die Spekulation stirbt", so hat es William P. Hamilton, der Gründer des "Wall Street Journals", einmal zugespitzt, "stirbt auch dieses Land."

Zweitens aber, und das ist noch wichtiger, handelt es sich bei der Spekulation um die Annahme einer Zukunft, die verhindert, "dass Fehlentwicklungen verborgen bleiben" (Milton Friedman). Damit ist gemeint, dass die Spekulation die Gegenwart nicht nur vor sich her treibt, sondern zugleich das Zukünftige im Hier und Jetzt repräsentiert: als gegenwärtige Wahrscheinlichkeit. Die Spekulation fungiert als Antriebskraft, die uns über unsere augenblickliche Wirklichkeit hinaus einen Horizont von Möglichkeiten eröffnet, und zugleich steigert sie aus sich selbst heraus die Chance, dass eintrifft, worüber sie Vermutungen anstellt.

Kuriose Börsenpannen

Wenn in der Ökonomie von "Psychologie" die Rede ist, dann ist damit meist diese Tendenz der Spekulation zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung gemeint. Ein Spekulant verflüssigt die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Indem er auf der Grundlage von Erfahrungen von einer Zukunft annimmt, das sie eintrifft, macht er sie augenblicklich beherrschbar und berechenbar. Oder anders gesagt: Indem er die Ungewissheit dessen, was morgen geschehen wird, bereits heute berücksichtigt, verwandelt er unkalkulierbare Gefahren in abschätzbare Risiken - und kann sich Unternehmern als Bearbeiter dieser Risiken andienen. Seine "Entkopplung" von der Realwirtschaft ist dem Spekulanten daher förmlich auf den Leib geschrieben. Als kalter, neutraler und möglichst unbeteiligter Beobachter des ökonomischen Treibens nimmt er von Berufs wegen eine Position weit außerhalb des Treibens ein.

Shylock, der Zinsspekulant

Um den eminenten Wert des Spekulanten als Beobachter der Wirtschaft und Bearbeiter ihrer Risiken würdigen zu können, lohnt ein flüchtiger Blick auf die Frühphase des Kapitalismus. Für den Gläubiger Shylock in William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" (1600) zum Beispiel mögen die Schiffe, die sein Schuldner Antonio über die Weltmeere kreuzen lässt, mit lauter Reichtümern beladen sein - eine Sicherheit für seinen Kredit jedoch gewähren sie ihm nicht, denn Schiffe sind "nur Bretter", so Shylock, die der peril of waters, winds, and rocks ausgeliefert sind.

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